Rosenheim – Bei Geld hört die Freundschaft auf. Dieses Sprichwort zeigt, welchen Einfluss die Finanzen auf unser Leben haben können. Doch es ist nun mal wichtig, sich mit seinen Einkünften und Ausgaben auseinanderzusetzen – besonders in Zeiten steigender Kosten in nahezu allen Lebensbereichen. Sich allerdings zu oft den Kopf über sein Geld zu zerbrechen, ist auch nicht von Vorteil. Das erklärt Florian Becker, Diplompsychologe und Professor an der Technischen Hochschule Rosenheim, im Gespräch mit den OVB-Heimatzeitungen.
Herr Becker, wie wirken sich die gestiegenen Kosten – etwa im Supermarkt oder beim Strom – auf die Menschen aus?
Es gibt derzeit viele Menschen, die sich Sorgen machen. Auch manche, bei denen wir es vielleicht gar nicht erwarten würden, weil die beispielsweise von außen in einem schönen Haus wohnen. Es kann aber auch sein, dass diese Menschen noch einen Kredit abbezahlen müssen. Und die Zinsen sind auch gestiegen. Wenn man statt 1,3 Prozent Zinsen auf einmal 3,6 Prozent Zinsen zahlt, spürt man das auf jeden Fall.
Was macht es mit einem Menschen, wenn er sich viel mit dem Thema Geld beschäftigt?
Psychologisch gesehen ist es sehr spannend, was passiert, wenn Menschen viel an Geld denken. Das nennen wir in der Psychologie Priming. Das heißt, wenn man an irgendetwas denkt, kommen verschiedene Assoziationen und Gefühle hoch. Generell sind diese Dinge eher negativ, wenn Menschen sich viel mit Geld beschäftigen.
Inwiefern?
Man hat beispielsweise festgestellt, dass Menschen, die vorher mit dem Thema Geld konfrontiert waren, anschließend weniger bereit sind, anderen zu helfen. Oder dass sie mehr essen. Aus verschiedenen Untersuchungen weiß man, dass das Denken an Geld gieriger macht. Und dass Menschen weniger Angst vor Schmerzen haben und Schmerzen besser ertragen.
Wenn man viel an Geld denkt, erträgt man Schmerzen besser?
Ja. Es gibt Experimente, dass Menschen zum Beispiel ihre Hand in einen Tank mit Eiswasser gehalten haben und dort einen Ring unten festhalten mussten. Die Gruppe, die mit Geld geprimed war, hat das wesentlich länger ausgehalten.
Das sind ja nicht wirklich tolle Eigenschaften.
Das stimmt. Das ist auch ungut für die Gruppendynamik, beispielsweise in Familien. Insofern sagen auch meine Kollegen in der Paarberatung, dass das Thema Geld in jeder Beziehung eigentlich so schnell wie möglich geklärt sein muss. Damit man nicht immer mit seinem Partner diskutiert, wer wie viel zahlt. Das belastet jede Beziehung und ist eine Bedrohung für das soziale Klima zu Hause.
Also ist es eher schlecht, wenn man sich zu viel mit Finanzen beschäftigt?
Man sollte sich schon beschäftigen, aber eher so, dass man sich nicht immer wieder damit beschäftigen muss. Die meisten Menschen machen den Fehler, dass sie sich nie gründlich damit auseinandersetzen und das Thema daher immer wieder aufkommt. Ich empfehle, sich einmal gründlich damit zu beschäftigen.
Was macht es denn psychisch mit Menschen, wenn sie von Armut betroffen sind?
Ich beschäftige mich sehr viel mit dem Thema Resilienz. Das ist eine Eigenschaft, die dazu führt, dass schwierige Situationen nicht zur Krise werden, obwohl das bei anderen Menschen vermutlich der Fall wäre. Und tatsächlich ist das Thema Geld auch ein Resilienzfaktor. Das heißt, mit Geld können oftmals Probleme gelöst werden. Seien sie gesundheitlich, juristisch oder materiell.
Was ist der häufigste Fehler der Menschen im Umgang mit Geld?
Viele Menschen passen sofort ihren Lebensstil an, sobald sie mehr Geld verdienen. Ich habe als Psychologe regelmäßig mit Menschen zu tun, die mir sagen: „Ich verdiene richtig viel Geld, aber selbst wenn ich 15000 Euro im Monat verdiene, habe ich nie was übrig.“ Sehr viele Menschen bilden keine Rücklagen. Dadurch haben sie dann keine finanzielle Resilienz. Irgendwann kommt allerdings ein Problem. Dieser alte Satz: „Spare in der Zeit, dann hast du in der Not“, scheint bei vielen Menschen in Vergessenheit zu geraten.
Woher kommt das?
Das hängt mit unserem modernen Konsumverhalten zusammen. Man kann ja quasi alles kostenfrei auf 24 Monate finanzieren. Viele Leute leasen auch, aber merken nicht, was das monatlich für Kosten auftürmt. Auch in Bezug auf die Resilienz der Bevölkerung: Wenn jetzt irgendwas passiert, was Dinge teurer macht, dann stehen viele vollkommen unvorbereitet da und das ist nicht besonders klug. Ich will nicht mit dem Zeigefinger dastehen, allerdings trotzdem darauf hinweisen, dass zu viele Menschen immer mehr von der Hand in den Mund leben – vielleicht sogar auf Kosten ihrer Zukunft.
Leben die Menschen zu sehr in den Tag hinein?
Ja, ich glaube, dass viele Menschen dazu tendieren, zu wenig an die Zukunft zu denken. Sie bauen zu wenig Resilienz auf, die eben nicht nur reine mentale Stärke ist, sondern eben auch finanzielle Ressourcen, ein Netzwerk, Freunde. Doch auch da sparen zu viele. Die Familienbindungen werden immer schwächer. In Deutschland passiert es immer häufiger, dass Leute gar nichts mehr mit ihren Geschwistern zu tun haben, dass sich Kinder nicht mehr um ihre Eltern kümmern, vielleicht nicht einmal mehr mit ihnen reden. Die Konsequenz ist, dass jeder für sich kämpft. Und natürlich ist das auch ein Resilienzfaktor. Wenn man alleine ist, dann ist es auch viel bedrohlicher, wenn eine Krise im Leben kommt.
Gibt es noch andere Resilienzfaktoren?
Für mich als Hochschulprofessor ist natürlich Bildung und Wissen auch ein ganz zentrales Thema. Dass Menschen Wissen schätzen. Dass sie lernen, dass Bildung etwas wert ist. Dass sie sehen, dass Bildung etwas ist, womit sie im Ernstfall Geld verdienen können.
Wie sieht es denn bei der Finanzbildung aus? Fehlt manchen Menschen vielleicht einfach das Wissen in diesem Bereich?
In Deutschland total. Das fällt mir sehr stark auf, wenn ich mit anderen Kulturen zu tun habe. Hierzulande interessiert man sich eher für Politik, Kultur und Sport – und ganz selten für Wirtschaft. Das heißt, ein Deutscher mag eigentlich keine Aktien, der kennt sich nicht aus mit Investment. Der hat keine Ahnung von Finanzen.
Welchen Einfluss hat Armut auf die Psyche?
Von Einfluss zu sprechen ist immer ganz schwierig. Es gibt Zusammenhänge, aber die Ursache-Wirkung-Frage ist immer schwierig. Es gibt natürlich Dinge, die mit Armut verbunden sind, wozu beispielsweise Unglücklichsein bis hin zu depressiven Gefühlen gehört. Man kann allerdings nicht sagen, ob Menschen arm sind, weil sie unglücklicher sind, oder ob die Armut zu weniger Glücksgefühlen führt. Oft zeigen die Studien dazu Wechselwirkungen. Auch Impulskontrolle ist eine Bedingungskomponente für Einkommen. Menschen, die in der Lage sind, zu unmittelbaren Bedürfnissen „Nein“ zu sagen, sind in der Regel finanziell besser aufgestellt. Sie können Verlockungen, beispielsweise im Supermarkt, widerstehen und sich mehr auf das fokussieren, was ihnen langfristig nutzt.
Das klingt, als würde das Ganze in eine Spirale führen. Aufwärts sowie abwärts.
Ja, das geht in beide Richtungen. Wir wissen zum Beispiel, dass Beziehungen zentral für Karriere sind, weniger die Arbeitsleistung. Soziales Kapital entscheidet über die Karriere. Wenn man Karriere macht, kann man wiederum besser wichtige soziale Kontakte knüpfen. Insofern kann man nicht genau sagen, ob jemand zurückgezogen ist, weil er arm ist, oder ob er arm ist, weil er zurückgezogen ist. In vielen Fällen ist es eine Wechselwirkung. Armut ist oft ein Teufelskreis.
Gibt es das auch im Positiven?
Da gibt es sehr viel interessante psychologische Forschung. Attraktive Leute sind seltener arm. Das hat Gründe. Man hat festgestellt, dass attraktive Frauen siebenmal häufiger zu Bewerbungsgesprächen eingeladen werden – beim gleichen Lebenslauf. Ebenso wird man eher eingestellt, besser bewertet und eher befördert. Das heißt, wenn man attraktiv ist, ist das Risiko, arm zu sein, geringer.
Interview: Patricia Huber