Aschau – Sie gelten als „Könige der Lüfte“: Adler. Ein besonderes Exemplar eines Weißkopfseeadlers steht im Moment noch bei Christian Huba in Hohenaschau. Sein scharfer Blick trifft jeden, der zur Tür der alten Werkstatt in Hohenaschau reinkommt. Es ist kühl in dem alten Gemäuer, der Duft von Holzspänen liegt in der Luft. Darunter mischt sich der Geruch nach frisch gebrühtem Kaffee, der von der kleinen Espressokanne in einer Ecke des Raums ausgeht. An den Wänden hängen zahlreiche Zeichnungen und Entwürfe von Hubas Werken. Plastiken und Büsten aus Stein starren einen mit entrücktem Blick an.
15 Jahre reine
Holzarbeit
Der Adler ist natürlich nicht echt. Sondern aus Holz. Und er ist nicht allein in der Werkstatt. Eine weitere Skulptur befindet sich in Arbeit. Die Form und die mit Bleistift eingezeichneten Linien lassen erahnen, dass es sich um eine Wölfin handelt, die sich schützend über ihre vier Jungen stellt. Vor ihr sitzt Christian Huba auf einem Schemel. Konzentriert arbeitet er die Details der Wolfswelpen mit einem Schnitzeisen heraus. Vor 15 Jahren hat er angefangen, ausschließlich mit Holz zu arbeiten, erklärt er.
Dann steht er auf und greift sich ein anderes Werkzeug, den sogenannten Schrupphobel und fährt damit über den Rücken des unfertigen Tiers. Dicke Holzlocken fallen zu Boden. „Damit wird die grobe Form herausgearbeitet.“
Es ist sein liebstes Werkzeug, sagt der Bildhauer. Mit einem Schlichthobel und einer Raspel werde die Form dann präzisiert und immer feiner. „Das Zieheisen ist mein Geheimnis.“ Damit werde die Oberfläche des Holzes glatt. Am Schluss erhalten einige der Tiere noch ein wenig Farbe. So wie der Weißkopfseeadler. Denn er soll als solcher auch erkannt werden, allerdings „so sparsam wie möglich“. Aufgrund seiner Spezialisierung auf Holz kam es 2018 zur Zusammenarbeit mit der Frasdorfer Firma Richter, die Spielplätze baut und dafür seit vielen Jahren international sehr gefragt ist.
Für sie entwirft Huba lebensgroße Tierskulpturen aus Lärchenholz. Zusammen mit Richter hat sich Huba 2019 für ein Projekt in der kanadischen Metropole Toronto beworben.
Der Auftrag der Behörde Toronto Waterfront klang zunächst plausibel: „Ich sollte Skulpturen aus Holz populärer einheimischer Tiere anfertigen“, sagt er. Doch ganz so einfach war es dann doch nicht. Dass er damit in ein „Brückenprojekt zwischen zwei Kulturen“ eingestiegen ist, hat er zu diesem Zeitpunkt noch nicht geahnt.
Ein Rückblick: Gemeinsam mit Peter Heuken, Projekt-Leiter bei Spielgeräte Richter, bewarben sie sich 2019 für die Gestaltung eines Spielplatzes für eine Parklandschaft, die gerade in einem Neubaugebiet am alten Industriehafen des Lake Ontario in Toronto entsteht. An verschiedenen Stellen entlang des Parks sollen sieben Tierskulpturen kanadischer Tiere aufgestellt werden – zum Klettern, Spielen, Bestaunen oder für spirituelle Zwecke. Sie erhielten den Zuschlag und reichten erste Entwürfe ein. In den Entstehungsprozess der Totemfiguren wurden dann von Toronto Waterfront eine Gruppe Menschen indigener Abstammung, den „First Nations“, hinzugezogen.
Für Huba begann zu diesem Zeitpunkt ein völlig neuer Schaffensprozess. Im Austausch steht er seitdem mit Shelley Charles. Sie sei als Sprecherin der indigenen Gemeinschaft Torontos ausgewählt worden, um Huba beim Entwerfen der Tiere zu unterstützen.
Ein halbes Jahr andauernde Korrespondenz begann. „Ich hatte das Gefühl, in einem politischen Minenfeld zu stecken“, sagt Huba. Denn seine ersten Entwürfe stießen bei Shelley Charles und der indigenen Gemeinschaft auf Kritik.
So haben sie ihm erklärt, dass ein Tier nicht auf dem Rücken liegen dürfe, weil das den Tod symbolisiert. Ein auf dem Bauch liegendes Tier stehe wiederum für Krankheit. „Ich habe dann versucht, in ihre Kultur einzutauchen. Aber das ging ihnen zu weit. Eine zu große Annäherung wollten sie gar nicht“, erinnert sich der Bildhauer. Der Künstler solle nicht die Kultur kopieren. Wichtig sei die Berücksichtigung der indigenen Symbole und Werte – ein „Dialog zwischen den Kulturen und allen Gesellschaftsschichten“. Shelly Charles habe ebenso stets betont, wie wichtig der Respekt vor dem Künstler und seiner Arbeit sei.
„Es geht nicht darum, es den First Nations recht zu machen, sondern allen Beteiligten“, sagt Huba. Das Ergebnis sind die Tiere, die derzeit in Hohenaschau entstehen.
Doch was macht die Arbeit von Christian Huba so besonders, dass sie für ein kanadisches Milliardenprojekt gefragt ist? Für Heuken muss es der gleiche Grund sein, warum auch die Zusammenarbeit mit der Firma Richter begann.
„Ich bin Ingenieur, aber großer Kunstliebhaber. Ich finde es großartig, was er aus einem Baumstamm rausholt“, sagt er. Es sei das Spiel mit Kanten und Rundungen, die spannungsvollen Formen seiner Skulpturen. Was die beiden Männer teilen, ist die Vorliebe für Holz. „Für die Skulpturen verwenden wir Lärchenholz aus der Tauernregion in Österreich“, erläutert Heuken. Diese Holzart sei besonders beständig, und dabei regional und somit besonders nachhaltig.
Lärchenholz aus der
Tauernregion
Huba wiederum mag seine Ursprünglichkeit. „Holz ist archaisch.“ Und auch in seinen Skulpturen soll man den Stamm noch spüren können. Etwa einen Monat hat Huba für kleinere Tierskulpturen benötigt. Fertiggestellt hat er drei von sieben Skulpturen: den Biber, den Otter sowie den Adler. Die Wölfin soll im April fertig werden.
Dann folgen die Größeren: der Bär, der Fisch (Muskellunge oder engl.: Musky) und die Schildkröte. Im Sommer sollen sie nach Kanada geliefert werden.