Aschau – Auf den Straßen geht es immer aggressiver zu. Am Pfingstsonntag erreichte diese Entwicklung in Aschau einen unfassbaren Höhepunkt: Ein 73-jähriger Mann aus Deißlingen in Baden-Württemberg überrollte mit seinem Wohnmobil einen 49-jährigen Münchner. Die Polizeiinspektion Prien hat die Ermittlungen aufgenommen.
Fahrweise provozierte
den BMW-Fahrer
Die Auseinandersetzung der beiden Verkehrsteilnehmer entbrannte offenbar an unterschiedlichen Auffassungen über das richtige Fahrverhalten. Ob der eine entspannt und der andere entnervt war, ist nicht bekannt. Doch nach Informationen der Polizei soll sich der 49-jährige Mann aus München über die Fahrweise des Campers echauffiert haben.
Etwa einen Kilometer nach dem Ortsausgang von Aschau in Richtung Frasdorf eskalierte die Situation. Der BMW-Fahrer überholte das Wohnmobil und stoppte es mit einem gewagten Bremsmanöver. Dann versuchte der Münchner, die Fahrertür des Campers zu öffnen und zerrte dabei auch am Außenspiegel. Daraufhin fuhr der 73-Jährige mit seinem Wohnmobil einfach los. Dabei kam der Münchner ins Straucheln und stürzte. Seine Beine wurden vom Wohnmobil überrollt. Der 73-Jährige fuhr einfach weiter.
Rettungskräfte eilten an den Unfallort auf der Staatsstraße 2093. Die Feuerwehr Aschau war im Einsatz. Nach erster notärztlicher Behandlung wurde der 49-jährige Münchner mit dem Rettungshubschrauber ins Krankenhaus nach Rosenheim geflogen. Er wurde schwer verletzt, befand sich aber nicht in Lebensgefahr. Kurze Zeit später stellte sich der flüchtige 73-jährige Wohnmobilfahrer der Polizei und schilderte den Vorfall aus seiner Sicht.
Verdacht auf
mehrere Straftaten
Die Polizeiinspektion Prien hat die Ermittlungen gegen beide Verkehrsteilnehmer aufgenommen. Sie werden diverser Straftaten verdächtigt – darunter gefährlicher Eingriff in den Straßenverkehr, fahrlässige Körperverletzung und unerlaubtes Entfernen vom Unfallort.
Weiterführende Erläuterungen zum Unfallhergang könne die Polizei derzeit allerdings nicht machen, hieß es auf OVB-Anfrage. Die gegenseitigen Vorwürfe der beiden Unfallbeteiligten müssten geprüft werden. Daher würden weitere Zeugen gesucht und vernommen sowie Spuren ausgewertet, um den Unfallhergang zu klären.
Fakt ist: Ein Streit im Straßenverkehr ist extrem eskaliert. An einem Sonntag. Zwischen Touristen. Herbert Reiter, Leiter der Tourist-Info Aschau und Sachrang, ist fassungslos. Noch nie habe es Streit zwischen Urlaubern gegeben.
Wohnmobile fahren
gemächlicher
Auch auf dem Wohnmobilstellplatz „Alpen Camping Aschau“ ist man fassungslos, denn so etwas hat es hier noch nie gegeben. Natürlich fahre ein Wohnmobil oft etwas langsamer als ein Pkw. Doch dafür gibt es klare Regeln: Nach der Straßenverkehrsordnung dürfen Wohnmobile mit einem Gewicht bis 3,5 Tonnen außerorts zwar mit einer Geschwindigkeit von 100 Kilometern pro Stunde fahren. Doch mit Anhänger oder bei einem Gewicht von mehr als 3,5 Tonnen gilt auf Landstraßen ein Tempolimit von 80 oder sogar 60 Stundenkilometern.
Rücksichtslosigkeit
im Verkehr nimmt zu
Aggressivität und Rücksichtslosigkeit im Straßenverkehr haben in den vergangenen Jahren zugenommen, wie eine Umfrage der Unfallforschung der Versicherer (UDV) aus dem Jahr 2023 zeigt. Demnach sind 87 Prozent der Befragten der Meinung, dass aggressives Verhalten, zu geringer Sicherheitsabstand und überhöhte Geschwindigkeit die Hauptursachen für Verkehrsunfälle sind.
Gleichzeitig gaben 54 Prozent an, dass sie sich nach Ärger gelegentlich im Verkehr abreagieren und zum Beispiel viel schneller fahren als sonst. 2016 war dieser Wert nur knapp halb so hoch. 44 Prozent räumten sogar ein, gelegentlich kurz auf die Bremse zu treten, um eine Person, die hinter ihnen drängelt, zu ärgern und auszubremsen. Rund 31 Prozent treten absichtlich aufs Gaspedal, wenn sie überholt werden, und 21 Prozent machen beim Überholen auf der Autobahn gelegentlich mit Lichthupe und Blinker auf sich aufmerksam.
Wenn beim Autofahren der Wut freien Lauf gelassen wird, endet das oft in gefährlichen und riskanten Fahrmanövern. „Fallen andere Verkehrsteilnehmer durch ein hohes Maß an Aggressivität auf, sollte man selbst Ruhe bewahren“, rät Thomas Wicke, Verkehrspsychologe beim TÜV SÜD. „Den Drängler auszubremsen und zu provozieren oder in Panik zu verfallen, kann eine gefährliche Situation nur noch weiter verschärfen.“
Männer sind
aggressiver als Frauen
Falle ein Fahrer mehrmals durch aggressives und riskantes Fahrverhalten auf, habe das Konsequenzen, informiert Wicke: „Im Ernstfall kann eine Medizinisch-Psychologische Untersuchung (MPU) angeordnet werden. Wird ein Hang zur Aggression im Straßenverkehr erkannt, erhält der Betroffene seinen Führerschein nur wieder, wenn er intensiv an diesem Problem gearbeitet hat“, erklärt Thomas Wicke.
Wird das Verhalten sogar als Nötigung gewertet, können auch eine Geld- oder Freiheitsstrafe drohen. „Männer fallen häufiger durch aggressives Fahrverhalten im Straßenverkehr auf. Die Zahl der Frauen, die nach einer Nötigung zur Medizinisch-Psychologischen Untersuchung müssen, ist vernachlässigbar gering“, so der Verkehrspsychologe.