Vier entscheidende Kilometer

von Redaktion

5000 Schutzbauwerke sollen die Region zwischen Bernau und Bad Feilnbach vor hundertjährlichen Hochwassern schützen. Doch das Unwetter vom 3. Juni war stärker. Warum es die einen mit voller Wucht traf und andere fast gänzlich verschonte.

Rosenheim – Bernau, Aschau, Frasdorf, Achenmühle, Rohrdorf, Samerberg, Raubling, Riedering, Nußdorf, Brannenburg, Flintsbach, Bad Feilnbach – die Gemeinden, die am Montag von wild abfließenden Oberflächenwassern und Flusshochwasser überschwemmt wurden, beschreiben die Grenzen des Gebietes, über dem sich eine gewaltige Niederschlagszelle ergoss.

Innerhalb von vier Tagen – vom 31. Mai bis zum 3. Juni – wurden hier durchschnittliche Niederschlagsmengen von rund 200 Millimetern pro Quadratmeter verzeichnet. „Im Zentrum dieser Extremniederschlagszelle entsprachen die Wassermengen denen eines hundertjährlichen Hochwassers, mancherorts sogar extremeren Situationen, die seltener als alle 100 Jahre eintreten“, so eine erste Einschätzung von Dr. Tobias Hafner, Leiter des Wasserwirtschaftsamtes Rosenheim. Sein Team ist seit Tagen in Alarmbereitschaft. Als aufmerksame Beobachter der Wetterlage, fachliche Berater des Katastrophenschutzstabes, Helfer in den Krisengebieten oder in den Tagen nach der Flut als Organisatoren der wichtigsten Schutzmaßnahmen. Einen groben Überblick über die Schäden in Ortschaften und Siedlungen, an Straßen oder Wildbachläufen, gibt es bereits. „Doch wie es im Gebirge aussieht, können wir derzeit nicht bewerten, viele Bereiche sind noch nicht zugänglich“, sagt Hafner.

Schutzbauwerke
haben gewirkt

„Im Bereich dieser Ex-tremniederschlagszelle haben wir ungefähr 5000 Wildbachschutzbauwerke – von kleinen Konsolidierungsbauwerken über Kies- und Geschiebefänge bis hin zu Wildholzrechen“, umreißt Hafner die Dimension. „All diese Schutzanlagen haben funktioniert, Menschen geschützt und Schlimmeres verhindert“, sagt Dr. Hadumar Roch, Abteilungsleiter für den betroffenen Bereich.

„Alle Kies- und Geschiebefänge sowie alle Wildholzrechen sind voll und müssen jetzt schnellstens entleert werden, um das Schutzsystem wieder einsatzfähig zu machen“, beschreibt Hafner die Herausforderung. Denn dass ein so großes Gebiet gleichzeitig betroffen ist, das gab es noch nie. „Ich vermute, dass wir viele Tausend Kubikmeter Geschiebematerial räumen müssen“, schätzt Hadumar Roch ein. Priorität haben Schlüsselbauwerke und Brennpunkte der aktuellen Katastrophe wie der Steinbach in Nußdorf. An diesem Wildbach wurden in den vergangenen Jahren zahlreiche Maßnahmen umgesetzt: Am Oberlauf ein Wildholzrechen gebaut, das Gewässer ökologisch umgestaltet, in der Ortschaft mit der Rückverlegung der Deiche der Gewässerquerschnitt erhöht, damit größere Wassermengen im Flussbett Platz haben. „Ohne diesen Hochwasserschutz hätte der halbe Ort unter Wasser gestanden“, ist sich Hadumar Roch sicher, der noch frühere Überflutungen in Erinnerung hat.

Die Schutzmaßnahmen am Steinbach sind auf ein hundertjährliches Hochwasser mit dem zusätzlichen Puffer eines 15-prozentigen Klimazuschlags ausgelegt. 100-prozentigen Schutz bieten sie natürlich nicht.

Gesättigte Böden –
dann kam viel mehr

Trotzdem bleibt die Frage, warum der Schutz nicht ausgereicht hat. Die Antwort könnte ein Blick auf die Ausgangssituation am Montag geben: Aufgrund kleiner Hochwasserereignisse in den Tagen zuvor, waren die Böden gesättigt. Das Wasser stand auf Wiesen und Feldern. Dann kam der eigentliche Starkregen.

„Das Einzugsgebiet des Steinbachs lag mitten in der Extremniederschlagszelle. Hier verursachte der Regen eine Kombination aus Flusshochwasser und wild abfließendem Oberflächenwasser, deren Ausmaß statistisch gesehen vermutlich seltener als alle 100 Jahre eintritt“, erklärt Tobias Hafner. Der Regen konnte nicht mehr versickern. Der enorme Niederschlag füllte und überflutete innerhalb kürzester Zeit die Bäche und floss außerdem aus den Bergen und Flächen in Sturzbächen über die Hänge ab. Hinzu kommt die besondere Gefahr in alpinen Einzugsgebieten: „Hier haben wir es nicht nur mit Wasser zu tun, sondern mit unglaublichen Mengen an Geröll und Wildholz, die murartig aus den Einzugsgebieten der Bäche in die Ortschaften drücken“, erklärt Hafner.

Besonders dramatisch war die Lage in Raubling. Auch hier wissen die Experten aus Augenzeugenberichten ziemlich genau, woher die Flut kam. Auch hier trafen Flächen- und Flusshochwasser aufeinander. „In so einer Extremsituation verwischen die Grenzen zwischen wild abfließendem Wasser und Flusshochwasser“, so Roch. Von Wiesen, Feldern und Straßen konnte der Regen nicht mehr abfließen. Parallel verlaufende Bäche wie der Litzldorfer Bach, Oberer und Unterer Tännelbach sowie Kreidebach schwemmten die Wassermassen aus den westlichen Vorlandbereichen gen Osten über Raubling zum Inn, überfluteten Siedlungen und Gewerbegebiete.

Raubling besonders
hart getroffen

„Hier waren die meisten Menschen betroffen“, bedauert Hadumar Roch, der im Einsatzzentrum des Landkreises die Katastrophennacht miterlebte. Nur wenige Kilometer entfernt – in Rosenheim – blieb die Lage entspannt, obwohl Inn und Mangfall durch die Stadt strömen. „Dass die großen Flüsse keine extremen Hochwasserlagen entwickelt haben, erklärt sich aus der Lage ihrer Zuflüsse innerhalb der Extremniederschlagszelle vom 3. Juni“, sagt Tobias Hafner.

Glonn und Jenbach münden in die Mangfall. Aus südlicher Richtung führte der Jenbach, der mitten in der Starkniederschlagszelle lag, ein hundertjährliches Hochwasser mit sich. Die Glonn im Norden lag nicht im Bereich dieser Zelle. „Sie führte leichtes Hochwasser, das statistisch alle zehn bis 20 Jahre eintritt und somit keine größeren Probleme bereitet hat“, erklärt Hafner: „Somit war also nicht das ganze Mangfall-Einzugsgebiet betroffen. Das Mangfall-Hochwasser war relativ zahm.“ Ähnlich die Situation am Inn, der aus einem sehr großen Einzugsgebiet gespeist wird. „Die Starkniederschlagszelle betraf aber nur einen kleinen Teil des Flusslaufes“, erklärt der Leiter des Wasserwirtschaftsamtes. Deutlich wird das am Beispiel Nußdorf: Während der Steinbach im Zentrum der Zelle ein „HQ 100 plus“ verzeichnete, führte der nur vier Kilometer südlich gelegene Euzenauer Bach bei Mühlhausen am Rande der Zelle nur ein leichtes Hochwasser im Bereich von „HQ5“. Hafner: „Daran sieht man, wie aufgrund der örtlich begrenzten Starkniederschlagszelle Katastrophe und Normalität beieinandergelegen haben. Wäre die Zelle auch nur einige Kilometer weitergezogen, hätte es andere erwischt.“

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