Brandstifter steht vor Gericht

von Redaktion

Anklage wegen vierfachen Mordversuchs nach Feuer in Seegatterl

Reit im Winkl/Traunstein – Noch heute steht eine Brandruine in Seegatterl, einem Ortsteil von Reit im Winkl, die bis 14. November 2023 als Asylbewerberheim diente. Ein 33-jähriger Afghane hatte an diesem Tag Feuer gelegt. Seit gestern muss sich der Täter wegen vierfachen versuchten Mordes, wegen versuchter Brandstiftung mit Todesfolge, wegen besonders schwerer Brandstiftung und wegen vorsätzlicher Körperverletzung vor dem Schwurgericht Traunstein mit Vorsitzendem Richter Volker Ziegler verantworten. Der Prozess wird am 25. Juni und am 1. Juli, jeweils um 9 Uhr, fortgesetzt.

Geografische Lage als mögliches Tatmotiv

Die Gaststätte des früheren Hotels Alpenhof, die als Aufenthaltsbereich für die damals dort lebenden 20 Flüchtlinge diente, wurde an jenem Tag ein Raub der Flammen, während der dahinter liegende Wohnteil großteils verschont blieb. Der Schaden: rund 700000 Euro. Ein Brandsachverständiger des Bayerischen Landeskriminalamts wird dazu noch Einzelheiten erläutern.

Der Angeklagte gelangte 2016 in die Bundesrepublik, ist abgelehnter Asylbewerber mit Duldungsstatus. Er arbeitete zwischendurch im Krankenhaus Traunstein und in einer Kfz-Werkstatt. Zur Tatzeit lebte er seit etwa zwei Monaten in der vom Landkreis Traunstein angemieteten Unterkunft weitab vom Ortskern. „Das ist einer der abgelegensten Orte im Landkreis“, merkte der Vorsitzende Richter an. Die ungünstige geografische Lage war offenbar das Tatmotiv. Der Angeklagte berichtete, er habe erreichen wollen, dass er und seine Mitbewohner in eine andere Unterkunft verlegt werden.

Drei Liter Benzin
von der Tankstelle

Aus „Verärgerung über die Wohnsituation“ kaufte der Mann laut Anklage von Staatsanwalt Markus Andrä am 14. November 2023 in einer Tankstelle drei Liter Benzin und verschüttete davon zwei bis zweieinhalb Liter in der früheren Gaststätte. Zu der Zeit befanden sich vier weitere Asylbewerber ahnungslos in ihren Wohnungen im hinteren Teil des Anwesens. Nach Anzünden des Brandbeschleunigers verließ der Mann das Gebäude. Das Feuer breitete sich rasch aus, war nicht mehr kontrollierbar und entwickelte sich binnen kurzer Zeit zum Vollbrand.

„Ich hatte ein
bisschen Panik“

Eine etwa 120 Meter entfernt wohnende Nachbarin sah erst die starke Rauchentwicklung und später auch die Flammen. Sie bemerkte, wie jemand vom Balkon des Ex-Hotels sprang. Die Zeugin schilderte gestern: „Ich hatte ein bisschen Panik, dass das Feuer auf unser Haus übergreift. Bei uns hat es schon mal gebrannt. Ich war nervös.“ Ein zufällig vorbeikommender Mann entdeckte das Feuer ebenfalls und schlug Alarm. Er half den Menschen, die sich noch im Haus befanden, ins rettende Freie.

Weil das Treppenhaus als Fluchtweg wegen der Hitze und der Flammen nicht mehr passierbar war, musste einer der vier Bewohner aus dem ersten Stock springen. Dabei erlitt er eine zweifache Wirbelfraktur. Die übrigen Personen blieben glücklicherweise unverletzt.

Feuerwehreinsatz
„mit allen Mitteln“

Kurz nach Mittag hatte die Integrierte Leitstelle in Traunstein die Alarmierung mehrerer Wehren ausgelöst. Unter den gestrigen Zeugen war ein Atemschutzträger, der mit anderen die Aufgabe hatte, von der brennenden Gaststätte aus das dahinterliegende Gebäude zu schützen. Der 29-Jährige erinnerte sich: „Es war extrem heiß, Teile der Decke fielen herunter. Wir haben mit allen Mitteln versucht, den Brand einzudämmen und den bewohnten Teil abzuschirmen.“

Angeklagter gerät schnell unter Verdacht

Qualm und Rauchgase waren überall, drangen auch in die Wohnungen, die seither unbewohnbar sind. Die Feuerwehren versuchten beim Löschen, die Gaststätte zu retten. Das Gebäude wurde letztlich aber vollständig zerstört. Der Angeklagte geriet damals schnell als Brandstifter unter Verdacht und wanderte kurz darauf in Untersuchungshaft. Die anderen Bewohner konnten nicht in ihre Wohnungen zurückkehren und wurden auf weitere Unterkünfte verteilt.

Tod billigend
in Kauf genommen

Der 33-Jährige, dem als Verteidiger Roland Netzer aus Traunstein zur Seite steht, soll heimtückisch und aus niedrigen Beweggründen gehandelt haben. Zudem soll er den Tod von Mitbewohnern oder deren Verletzungen zumindest billigend in Kauf genommen haben. Zur Schuldfähigkeit des Angeklagten wird der psychiatrische Sachverständige Dr. Josef Eberl vom Bezirksklinikum in Gabersee am nächsten Verhandlungstag Stellung beziehen.

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