Leistungstest vor Traumkulisse

von Redaktion

Steil bergauf und schnell bergab: Der 31. Rosenheimer Radmarathon hatte es in sich. Eindrücke von einer Ausflugsrunde mit modischen Erkenntnissen.

Rosenheim – Dem erschöpften Radler platzte die Hutschnur. „Mörder!“ Das schleuderte Octave Lapize den Tour-Veranstaltern ins Gesicht. Schauplatz der Beschimpfung war die Passhöhe des Col du Tourmalet, in 2115 Metern Höhe. Man schrieb das Jahr 1910, und erstmals wagte sich die Tour de France ins Hochgebirge. Spannend fürs Publikum, eine furchtbare Strapaze für die Fahrer, die ihr Rad oft schoben. „Mörder“ also: Zu mehr reichte die Luft des späteren Toursiegers Lapize für den Augenblick nicht mehr.

Fürsorgliche
Organisation

Nun sind die Veranstalter des Rosenheimer Radmarathons natürlich keine Mörder, sondern fürsorgliche Organisatoren, die ihren Fahrern diverse Strecken und vor allem Kost und Getränke an den Verpflegungsposten angedeihen lassen. Aber – mit den Steigungen haben sie‘s ebenso wie die Macher der Frankreich-Rundfahrt: Spektakulär müssen die Anstiege sein. Und zahlreich. Ein echter Leistungstest vor Traumkulisse. Von beachtlichen 550 Höhenmetern auf nur 65 Kilometern Strecke (Tour I) bis zu 4990 Höhenmetern auf 265 Kilometern Länge.

Fast 5000 Meter? Das entspricht dem Siebenfachen des Höhenunterschieds hinauf zur Hochries. Und ist auf jeden Fall Tour-de-france-würdig. Zum Vergleich: Die Rosenheimer Königsetappe hat gut 200 Höhenmeter mehr als die schwierigste Etappe der Tour de France 2024 von Loudenville auf Plateau de Beille – und über 70 Kilometer mehr.

Ihn habe nicht die Lust am Quälen getrieben, sagt dazu Routenplaner Christian Schiefer. „Wir müssen ja die Verpflegungsstationen verbinden“, sagt er. „So eine Radrundfahrt funktioniert sonst nicht.“ Überhaupt seien die Planungen – seit September 2023 saßen er und seine Mitstreiter an der 31. Auflage des „Rorama“ – des Rosenheimer Radmarathons – sehr, sehr umfangreich.

Es geht ja nicht nur ums Pfadfinden. Es geht auch um Sicherheit, um freie Wege. Die Verbindung im Mühltal zwischen Nußdorf und Samerberg ist nach dem Hochwasser Anfang Juni noch immer beschädigt.

Manchmal sind da auch Veranstaltungen, denen man versehentlich dazwischenfunken könnte – oder die einem ihrerseits im Weg liegen könnten. So wie das Sportfest Höslwang. Man sei sich schnell einig gewesen, sagt Schiefer, „wir haben die Route dann einfach über Unterhöslwang gelegt“. Derlei sei „ein Hand in Hand“.

Ein Miteinander ist es auch mit den insgesamt 200 Helfern von RSV und Skiclub an Verpflegungsstationen, aber auch im Start- und Zielbereich. „Am Veranstaltungstag waren 80 Helfer auf den Außenstationen und nochmals 80 am Start-Ziel- Gelände unterwegs“, berichtet Christian Schuller vom Skiclub Aising-Pang. Was man bei solchen Großveranstaltungen oft vergisst, wenn man den Zielbereich einmal verlassen hat: All die Stände, Zieltore und Banden müssen auch wieder abgebaut werden.

Was beide besonders freut: Stürze habe es zwar gegeben, aber keine ernsthaften Verletzungen. „Es musste auch kein Krankenwagen kommen“, sagte Schiefer. Was auch ein Zeichen dafür ist, dass sich die meisten Fahrer an die meisten Regeln hielten.

Wichtigster Ansprechpartner für so eine Veranstaltung ist neben der Genehmigungsbehörde bei der Stadt Rosenheim die unifomierte „Rennleitung“. „Wir arbeiten immer und gern mit der Polizei zusammen“, sagt Schiefer. Im Übrigen ist es auch mit Verhandeln nicht getan: Bei der Rosenheimer Rundfahrt fährt der Chef selbst. „Jeden Meter habe ich selbst zurückgelegt“, sagt Schiefer.

Die Höhenmeter haben freilich nicht nur mit Verpflegungsstationen und anderen Notwendigkeiten zu tun. Manchmal sind sie dem schieren Schönen geschuldet: dem Ausblick in die wunderbare Welt des Chiemgaus und des Voralpenlandes. Und dem Einblick in eine besondere Kultur der Landwirtschaft: Auf meist steilen Straßen kurbeln sich die Radfahrer in die Höhe, auf Straßen, die es ohne die vielen Bergbauern der Region Rosenheim wohl gar nicht gäbe. Solche Erkenntnisse sind schon etwas Schweiß wert.

Der Rosenheimer Radmarathon ist eine der besonders beliebten „Radtouristischen Fahrten“, kurz RTF. Fast 2500 Radler – unter ihnen gut 50 Nachwuchsfahrer auf der geführten Kindertour – machten sich am Sonntag vom Parkplatz des Möbelhauses Weko aus auf verschieden lange Wege. Viel mehr Teilnehmer wären wohl auch für eine größere Helferschar kaum zu bewältigen. Schließlich sind die Straßen nicht gesperrt, die Radler sind also Konkurrenz für Autofahrer und auch landwirtschaftlichen Verkehr. Die Wetterbedingungen: fast optimal, nicht zu kühl, regnerisch erst später am Nachmittag.

Im Teilnehmerfeld war ein Trend festzustellen, der nun schon nicht mehr ganz neu ist: Kreischbunte Trikots sind außer Mode, enganliegende Kleidung in gedeckten Farben von Rapha & Co. dominiert mittlerweile die Szene. Nicht selten trifft man auf gut trainierte Radfahrer auf noch besseren Carbon-Rädern, darunter nicht wenige Maschinen aus dem Hause Specialized – was in der Region von Red Bull Bora hansgrohe nicht ganz überrascht. Etwas überraschend hingegen die weite Verbreitung von elektronischen Schaltungen und Scheibenbremsen zumindest bei den Fahrern der längeren Strecken. Geringes Gewicht, aerodynamisches Design, 24 Gänge, in Top-Präzision geschaltet: was für eine Entwicklung seit den Tagen von Octave Lapize und seinem zwei-Gang-Radl aus Schmiedeeisen.

Und noch was: Immer mehr Frauen starten auch auf längeren Strecken. Und Paar-Fahren ist in, wie die Veranstalter bemerkt haben. „Radfahren ist schon ein bisserl schick geworden“, sagt Schiefer.

Ex-Profi auf der
Kurzstrecke

Einer der besonders gut Trainierten war nachher noch länger im Zielbereich zu finden: Marcus Burghardt, Ex-Profi des eben erwähnten Profi-Rennstalls, der gerade bei der Tour de France um Etappensiege und Sekunden im Gesamtklassement kämpft. „Schön war‘s“, sagte der eben 41 Jahre alt gewordene Burghardt, der allerdings auch nur 70 Kilometer zurückgelegt hatte. Schließlich hatte er einen eigenen Stand im Zielbereich aufgebaut, um für seine eigene Rundfahrt „Shades of Speed“ zu werben. Die findet am 20. und 21. Juli in Kolbermoor statt. Dann also, wenn die fernen Nachfahren des Octave Lapize ihr Tour-Finale in Nizza bestreiten.

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