Wasserburg – Amed Tamboura stammt aus Mali und kam 2015 nach einer achtmonatigen Odyssee über den Niger, Algerien, die Türkei und Montenegro entlang der Balkanroute nach Deutschland. Seit vielen Jahren arbeitet er schon an der Tankstelle Zeislmeier vor den Toren der Altstadt und verbreitet dort täglich gute Laune und positive Stimmung.
Viele Menschen in Wasserburg sprechen mit einem Lächeln von ihm – charmant und stets gut gelaunt begegnet er jedem, der hereinkommt. Ab und zu schenkt er Kindern einen Lutscher und bezahlt diesen ganz selbstverständlich aus seiner eigener Tasche.
Haustür absperren?
Nicht in Mali!
Tamboura erzählt mit Freude von seinem Heimatland, der dortigen Kultur und dem Zusammenleben der Menschen: „Ich komme aus Kulessebougou, einer kleinen Stadt in Mali. Bei uns leben wir sehr familiär zusammen, und wenn ich ‚familiär‘ sage, meine ich nicht nur die Familie, sondern auch Nachbarn, Freunde und Bekannte. Unsere Haustüren sind zum Beispiel nicht verschlossen, auch wenn wir nicht daheim sind.“
Wenn Freunde, Familienmitglieder oder Nachbarn vorbeikommen, könnten sie jederzeit eintreten, auch wenn gar keiner da sei: „Es ist bei uns nicht ungewöhnlich, dass jemand in unserem Haus ist, obwohl wir nicht daheim sind. Ein Freund könnte zum Beispiel vorbeikommen, feststellen, dass ich nicht da bin, aber Hunger oder Durst haben – dann holt er sich einfach eine Cola aus dem Kühlschrank, macht sich etwas zu essen und geht wieder. Entweder sagen mir die Nachbarn, dass jemand da war, oder der Freund selbst erzählt es mir beim nächsten Mal.“ Diese Offenheit und Gastfreundschaft prägen das Zusammenleben in seiner Heimat: „Uns wird von klein auf beigebracht, dass der Mensch den Menschen braucht, um zu überleben. Wenn ein älterer Mensch in einem Café sitzt und ein Kind, das vorbeikommt, um einen Gefallen bittet – zum Beispiel einen Kaffee zu holen, dann macht das Kind das selbstverständlich. Unhöflichkeit können wir uns nicht leisten, unhöfliche Menschen werden nicht unterstützt.“
Als gläubiger Moslem schöpft Tamboura viel Kraft aus seinem Glauben. „Es gibt gute Zeiten, aber auch schlechte Zeiten werden kommen. Das Wichtigste ist zu wissen, dass auch die schlechten Zeiten vorübergehen und wieder gute Zeiten kommen werden. Es ist wichtig, ein ‚weißes Herz‘ zu haben und kein schwarzes.“
Auf die Frage, was er unter einem „weißen Herz“ versteht, antwortet Tamboura: „Wenn ein Mensch von sich aus Gutes tut, ohne eine Gegenleistung zu erwarten, wenn ein Mensch nicht berechnend ist, dann hat er ein ‚weißes Herz‘. Man hat jeden Tag die Wahl: Entweder man glaubt, dass alles schlimmer wird, oder man entscheidet sich, daran zu glauben, dass alles besser wird.
Keiner weiß, was die Zukunft bringt, aber man kann auf das Beste hoffen und sein Bestes geben, damit es gut wird. Nicht zu sehr in die Zukunft denken, einfach machen und hoffen, dass alles gut wird.“
In der westlichen Kultur spricht man oft von „People of Color“ oder „Schwarzen“. Wie bezeichnen die Menschen in Mali „Weiße“? Tamboura lacht und erklärt: „Wir haben keine spezielle Bezeichnung für Weiße. Es gibt bei uns nicht ‚People of White‘. Für uns ist ein Mensch einfach ein Mensch. Wir teilen sie eher nach Nationalität oder Standeszugehörigkeit ein, aber nicht nach Hautfarbe.“
Das Ziel:
Eine Familie gründen
Wegen des Krieges hat er Mali verlassen: „Ich wollte nicht mehr in einem Land leben, in dem Krieg herrscht. Ich wollte Frieden und mir eine neue Existenz in Deutschland aufbauen“, betont Tamboura.
Und welche Ziele hat er für die Zukunft? „Jeder Mensch braucht Ziele im Leben, sonst verirrt er sich. Meine Ziele sind, weiter in Deutschland zu leben und zu arbeiten. Ich wünsche mir, hier eine Familie zu gründen und das Erbe meiner Familie und meiner Kultur mit der deutschen Kultur zu verbinden.“
Mit diesen Worten verabschiedet sich Tamboura, sein Lächeln ist so ansteckend, dass einem nichts anderes übrig bleibt, als mitzulachen – so, wie er es sich wünscht.