Traunstein/Ampfing – Unter Tränen schilderte eine 32-jährige türkische Staatsangehörige die Minuten vor dem schrecklichen Schleuserunfall, bei dem sie am 13. Oktober 2023 ihre sechsjährige Tochter und ihren Ehemann auf der A94 bei Ampfing verlor. Vor dem Schwurgericht Traunstein mit Vorsitzendem Richter Volker Ziegler rief sie dem 25-jährigen Schleuser zu: „Ich möchte ihn erwürgen. Ich hasse ihn.“ Der Mann sagte was von „Schicksal“. Dazu die weinende Zeugin: „Es war nicht das Schicksal. Er hatte es in der Hand. Wenn er angehalten hätte, wäre nichts passiert.“
In jener Nacht hatte der in Wien wohnende Angeklagte in einen Neunsitzer-Kleinbus Mercedes Vito 22 Flüchtlinge aus Syrien und der Türkei gepfercht. Bei Mühldorf floh der 25-Jährige mit bis zu 180 Stundenkilometern vor der Polizei. An der Autobahnausfahrt Waldkraiburg-Ampfing durchbrach er die Leitplanke und überschlug sich. Sieben Menschen starben, 15 überlebten den Unfall mit mittelschweren bis schweren Verletzungen. Staatsanwalt Markus Andrä wirft dem 25-Jährigen unter anderem siebenfachen Mord und versuchten Mord in 15 Fällen vor. Opfer berichteten am zweiten Verhandlungstag übereinstimmend, sie hätten während der Fluchtfahrt des Schleusers „Angst um ihr Leben“ gehabt. Die Insassen hätten geschrien, er solle anhalten. Der schimpfende und fluchende Mann am Steuer habe sich nicht darum gekümmert, sondern laute Musik angedreht. Man habe keine Luft bekommen. Zeugen erinnerten sich, sie hätten gebetet, weil sie dachten, sie würden sterben. In einer Reihe des überfüllten Busses habe ein Kind am Boden zwischen den Eltern gesessen, zwei weitere auf deren Schoß. In den Minikofferraum seien sechs Menschen gequetscht worden. Dazu ein Zeuge: „Wir haben uns hingekniet, damit der Platz reicht.“
Die Familie der 32-jährigen Türkin war als erste in Österreich in den Kleinbus eingestiegen. Sie glaubten den Worten des Angeklagten, die einzigen Geschleusten zu sein, so die Zeugin gestern. Der Fahrer habe dann jedoch mehr und mehr Männer aufgenommen. Auf der A94 mit der Polizei hinter sich habe er sich „wie benebelt“ verhalten, habe alle Rufe nach Anhalten ignoriert. „Wir wollten aussteigen. Wir waren ihm egal. Er hat unsere Leben für nichtig erklärt. Niemand von uns war angeschnallt. Mein Kind war unter meinen Füßen.“ Sie habe bei der Risikofahrt gebetet: „Mein Gott, schütze meine Kinder, schütze uns und alle Menschen.“ Sie wisse noch, dass ihr Ehemann gegen die Scheibe geflogen sei. Dann sei sie bewusstlos geworden. „Jede Nacht, jede Nacht, jede“ komme der Unfall wieder hoch.
Als sich der Angeklagte, dem Verteidiger Hans-Jörg Schwarzer aus Berchtesgaden zur Seite steht, bei der 32-Jährigen entschuldigen wollte, verlor die Zeugin die Fassung. Unter Tränen verließ sie den Schwurgerichtssaal. Sie selbst hatte in jener Nacht eine komplizierte Fußfraktur und eine Lungenquetschung erlitten, ihr inzwischen elf Jahre alter Sohn einen Oberschenkelbruch und Traumata im Bauchraum. Der Jüngste kam mit Kopfblessuren davon. Neben dem sichtlichen seelischen Leid plagen die 32-Jährige bis heute erhebliche Schmerzen am linken Knie. Sie sei behindert, könne nicht richtig laufen. Gleiches gelte für den älteren Sohn, der bereits drei OPs hinter sich habe, genau wie sie. Mehr oder weniger unter den Unfallfolgen zu leiden haben bis heute weitere Zeugen, die gestern aussagten. Ein 31-jähriger Syrer hat noch heute Schlafstörungen. Beim Überschlagen des Schleuserwagens bekam ein Insasse einen Schlag gegen den Kopf.
Opfer haben bis heute
körperliche Schäden
Er drosch damals eine Scheibe ein, um aus dem Auto zu entkommen. Starke Kopfschmerzen hat er noch heute. Der Bruch eines Oberarms beeinträchtigt einen 24-jährigen Bauarbeiter immer noch. Ziemlich schlimm traf es einen weiteren jungen syrischen Staatsangehörigen, der gestern den Gerichtssaal sichtlich mühsam und unter Schmerzen mit einem klinischen Gehwagen betrat. Der Mann lag anfangs im Koma. In der Hüfte, in den Beinen und in einem Arm wurden Platten eingesetzt. Eine Schulteroperation steht bevor. Seine Prognose ist schlecht. Nach Auskunft der Ärzte dauert es mindestens noch ein Jahr, bis er alleine gehen kann. „Ich werde aber nie mehr so laufen können wie vorher. Das Gelenk muss alle 20 Jahre erneuert werden.“ Mit den massivsten Folgen muss ein Zeuge leben, der nicht nach Traunstein kommen kann. Er ist aufgrund von Gehirnverletzungen nicht ansprechbar und muss laut Anklage immer noch intensivmedizinisch behandelt werden. Ein bleibender Gehirnschaden macht ihm jegliche Form von Kommunikation und Fortbewegung unmöglich. Dazu wird das Schwurgericht noch Einzelheiten bekannt geben.
Der Prozess wird am Dienstag, 15. Oktober, um 9 Uhr fortgesetzt. kd