In diesen Jobs braucht es dringend Leute

von Redaktion

Der Motor der deutschen Wirtschaft stottert. Auch in der Region Rosenheim werfen Experten daher bange Blicke auf den Arbeitsmarkt. Die Bilanz der Agentur für Arbeit für das vergangene Jahr zeigt, wo die großen Herausforderungen liegen. Sie wartet aber auch mit positiven Überraschungen auf.

Rosenheim – „Robust in schwierigen Umständen“: So beschrieb Dr. Nicole Cujai beim Bilanzgespräch für das Jahr 2024 den Arbeitsmarkt in der Region Rosenheim. Die Geschäftsführerin der Agentur für Arbeit Rosenheim verfügt über die Statistiken, an deren Kurve sich viel ablesen lässt. Aktuell sind es vor allem die Erschütterungen, die Wirtschaft, Arbeitsmarkt und auch Gesellschaft belasten: Kriege und Krisen in Europa und Nahen Osten, Konjunktur-Schwäche hierzulande, demografischer Wandel und Fachkräftemangel. Dazu kommen Chancen, aber auch Herausforderungen durch künstliche Intelligenz.

Es gebe Unsicherheiten, sagt Cujai über das vergangene Jahr 2024, und „diese Unsicherheiten schlagen sich inzwischen auch auf dem Arbeitsmarkt nieder“. So fehlt es an zwei Seiten. Einerseits hätten die Betriebe weniger neu zu besetzende Stellen gemeldet als 2023. „Andererseits beobachten wir einen fortwährenden Fachkräftemangel in vielen Berufen und Branchen.“ Man sehe, dass viele Betriebe daher bemüht seien, am angestammten Personal festzuhalten.

Fachkräfte nach wie
vor stark gesucht

Allerdings gibt es auch da Einschränkungen. Aufgrund der Unwägbarkeiten seit Mitte 2022 sei vereinzelt Personal freigesetzt worden. Bei Neueinstellungen verhalten sich viele Arbeitgeber im Bezirk der Agentur – das sind Stadt und Landkreis Rosenheim sowie die Landkreise Miesbach und Bad Tölz-Wolfratshausen – abwartend. Ein Trend, der sich 2023 und 2024 fortgesetzt habe.

Damit seien insgesamt im Januar 9820 Menschen arbeitslos gemeldet gewesen, 820 mehr als im Vorjahr, 1070 mehr als im Jahr 2022. Fachkräfte seien nach wie vor stark gesucht. Der Megatrend laut Cujai ist die Digitalisierung. KI-Spezialisten seien gefragt. Aber auch in den Bereichen Gesundheit und Soziales werden weiterhin viele Menschen ihren Job finden können.

Region im Vergleich
stark aufgestellt

Im deutschlandweiten Vergleich stehen die Kommunen im Bereich der Arbeitsagentur Rosenheim immer noch sehr gut da. Die Arbeitslosenquote lag 2024 in den Monaten März bis Juli sowie im Oktober unter 3,0 Prozent – „was allgemein der Definition von Vollbeschäftigung entspricht“, sagte Cujai. Man profitiere in der Region von der vielseitigen Wirtschaftsstruktur mit zahlreichen kleineren Betrieben, die weiterhin viel Personal suchten. Nur zehn Unternehmen beschäftigten über 1000 Arbeitskräfte. Und davon seien sieben im Gesundheitssektor zu finden. Die Zahl der sozialversicherungspflichtig Beschäftigen habe mit 202710 auf Vorjahresniveau gelegen.

Zwei interessante Trends nannte Cujai obendrein: Der Anteil arbeitender Frauen stieg in den vergangenen Jahren, dafür arbeiteten weniger Männer. Und auch der Anteil der Deutschen sank, die Zahl der Ausländer in sozialversicherungspflichtigen Jobs stieg.

In der Stadt Rosenheim waren 1808 Menschen arbeitslos gemeldet, die Quote lag bei 4,9 Prozent. Im Landkreis Rosenheim lag die Arbeitslosenquote bei 2,8 Prozent (2023 2,6 Prozent, 2022 2,4 Prozent). Arbeitslos gemeldet waren 4250 Menschen. Die Agentur für Arbeit betreute 2401 Menschen (303 mehr als 2023), die Jobcenter im Schnitt 1849 Menschen (plus 108). Die Zahl der Stellenangebote lag mit 1687 um 317 unter 2023; in der Stadt waren es 833 (minus 79).

Berufe wandeln sich
in rapidem Tempo

Die niedrigsten Zahlen meldet die Agentur aus dem Landkreis Bad Tölz-Wolfratshausen, wo die Arbeitslosenquote bei 2,3 Prozent lag. 1665 Menschen waren hier arbeitslos gemeldet. In Miesbach lag die Quote wie im Landkreis Rosenheim auf 2,8 Prozent.

Einzelne Branchen wie zum Beispiel die Gastronomie suchen händeringend Mitarbeiter. In vielen Bereichen können sich gerade junge Menschen ihren Job aussuchen. „Junge Menschen haben hervorragende Chancen, zu finden, was sie suchen“, sagte Michael Preisendanz, operativer Geschäftsführer der Agentur. Es gebe vielerorts mehr Nachfrage als Nachwuchs.

Allerdings werde kaum jemand in dem Job aufhören, in dem er angefangen habe. Die Berufe wandeln sich, und das in zunehmender Geschwindigkeit. Berufsbilder würden oft nicht automatisch verschwinden, sagte Cujai, „sie wandeln und verändern sich“. Vor allem die Möglichkeiten und die wachsende Bedeutung der künstlichen Intelligenz modeln Arbeitswelten in rapidem Tempo um.

Sind jüngere Menschen dafür besser gerüstet als ältere Arbeitnehmer? Die Antwort auf diese Frage folgt in beunruhigender Frist. „In den nächsten zwölf Jahren verlieren wir 30 Prozent unseres Personals“, sagte Cujai mit Blick auf den demografischen Wandel. Wollte man diese Zahlen durch Zuwanderung ausgleichen, seien dazu – je nach Studie – 290000 bis 400000 Zuwanderer pro Jahr nötig. Qualifiziert Zuwanderer, wohlgemerkt.

Wichtige Rolle
ausländischer Arbeiter

Die Bilanz der Arbeitsagentur belegt schon für 2024 die hohe Bedeutung ausländischer Arbeitnehmer. Neun Prozent arbeiteten noch 2010, 19 Prozent sind es mittlerweile. Jeder fünfte Job wird damit von einem Menschen mit ausländischem Pass ausgefüllt. Vor allem in der Gastronomie und im Gesundheitswesen würde ohne sie der Laden nicht mehr laufen. Und das betreffe nicht nur Ukrainer, betonten Cujai und Preisendanz. Nicht zuletzt bei den Ärzten seien etwa Syrer stark vertreten.

Dennoch: Mit Zuwanderung allein sei das Problem fehlenden Personals nicht zu lösen. Betriebe könnten verstärkt auf andere personelle Ressourcen zurückgreifen – auf Menschen mit oft besonders viel Erfahrung. Doch als Mensch ab Mitte 50 tue man sich auf der Jobsuche schwer, sagte Michael Preisendanz. „Da sind viele Betriebe leider zögerlich.“

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