Der „Karli“ zu Besuch in Neubeuern

von Redaktion

Migration, die USA, das eigene Scheitern und die Kindheit in der Region. Beim Besuch von Karl-Theodor zu Guttenberg in Neubeuern kamen einige Themen auf den Tisch. Und der Ex-Verteidigungsminister ging mit der aktuellen Politik hart ins Gericht – auch mit der Union.

Neubeuern – „Meine erste Beerdigungsrede habe ich mit elf Jahren gehalten. Ich habe keine Ahnung gehabt, wer da beerdigt wurde“, erzählte Karl-Theodor zu Guttenberg bei seinem Besuch am Internatsgymnasium Schloss Neubeuern. Dass er erfahren im Reden halten ist, wurde auch an diesem Abend mehr als deutlich. Und dass er bei seiner Kritik an der aktuellen deutschen Politik explizit keine Partei ausnimmt, ebenso.

Familiäre Bindung
ans Internat

Doch von vorne: Der Weg nach Neubeuern musste dem ehemaligen Wirtschaftsminister und späteren Verteidigungsminister nicht lange erklärt werden. Er selbst ging zwar in Rosenheim auf dem Ignaz-Günther-Gymnasium zur Schule, doch sein Bruder wurde am Internat unterrichtet. „Ich durfte mir hier Dinge erlauben, die er sich nicht erlauben durfte“, sagt zu Guttenberg mit einem Schmunzeln in Richtung der anwesenden Schüler beim dritten Wirtschaftsforum in diesem Schuljahr. „Und in Rosenheim war man nicht der kleine Rotzlöffel vom oberpfälzischen Schloss, sondern man war der Karli.“ Das habe ihm gutgetan. „Ich musste mich durchbeißen.“

Und wer hätte gedacht, dass Karl-Theodor zu Guttenberg in der Neubeuerer Wolfsschlucht sein erstes Date hatte? Das übrigens schiefging, wie er gestand. „Ich habe im Stangenreiter Dinge gemacht, die unter Beweis gestellt haben, dass Neubeuern damals kein Vorreiter des Jugendschutzes war“, sagte er und lachte. Es sind persönliche Erzählungen, wie man sie von dem ehemaligen „Polit-Popstar“ nicht erwarten würde. Doch beim Besuch in der alten Heimat zeigte sich zu Guttenberg ganz ungeniert.

Neben den privaten Geschichten aus zu Guttenbergs Jugend ging es selbstverständlich auch um Politik und Wirtschaft. Dabei ließ er an der aktuellen Politik – und besonders am Umgang miteinander nur wenig Gutes. Vor dem bis zum letzten Platz gefüllten Saal spricht zu Guttenberg über außenpolitische Beziehungen, besonders zu den USA, Abhängigkeiten und den Klimawandel. Es sind massive Herausforderungen, vor denen Deutschland und Europa in Zukunft stehen werden. „Man könnte sich abducken und alles grauenvoll finden“, sagte er. „Und man könnte es mit einer besonders deutschen Eigenschaft unterlegen, nämlich zu jammern, sich zu empören und Schuldige zu suchen. Wer die letzten vier Wochen in unseren Parlamenten mitverfolgt hat, hat ein ganz gutes Grundbeispiel bekommen, wie das funktioniert“, holte zu Guttenberg aus.

Kritik an der
Dialogfähigkeit

Er kritisierte, dass man sich inzwischen nicht mehr der Mühe unterziehe, einen Dialog zu führen, dass man keine Gemeinschaft mehr suche. Und, dass man sich inzwischen nicht mehr allzu sehr von der US-amerikanischen Gesellschaft unterscheide, auf die man hierzulande ja so gerne mit dem Finger zeige. Wo man sich „unversöhnlich gegenübersteht, wo letztlich nur das möglichst harte, möglichst unerbittliche, möglichst respektlose Wort zählt.“

Zu Guttenberg hat selbst lange in den USA gelebt. Und als „Trump wieder am Horizont drohte“, wollte er zurückkehren in sein „im Herzen tief verankertes Europa“ – welches sich über die Zeit allerdings massiv verändert habe.

Man sei hier kaum mehr in der Lage, dem anderen zuzuhören und Respekt walten zu lassen. „Im Aufeinandereinschlagen haben wir die tollsten Turnübungen in den letzten Monaten sehen dürfen“, sagt zu Guttenberg in Richtung Parlament. „Ich nehme da keine Partei aus. Ausdrücklich auch nicht die, wo ich selbst Mitglied bin. Das ist etwas, was in einer infektiösen Art um sich gegriffen hat.“

Um diese „Respektlosigkeit, die sich bei uns eingeschlichen hat“, zu überwinden, reiche es nicht, „nur angewidert Richtung Hauptstadt zu blicken“, macht der Ex-Politiker deutlich. Man müsse auch mal selbst in den Spiegel schauen, Dinge kritisch hinterfragen und auch selbst kritikfähig sein. Es bringe auch in der Politik nichts, sich gegenseitig ununterbrochen die Vergangenheit vorzuwerfen. „Das interessiert keinen einzigen Wähler“, macht zu Guttenberg klar.

Zudem warnt er: „Extremisten triumphieren immer dann, wenn die politische Mitte deren Umgangsformen annimmt.“

Neben den allgemeinen Umgangsformen in Politik und Gesellschaft machte zu Guttenberg auch seine Meinung zu aktuellen Themen deutlich. „Wir verkürzen aber unsere Zuwanderungsdebatte auf nichts anderes als das, was wir mit Aschaffenburg verbinden“, kritisierte er beim Thema Arbeitskräfteabhängigkeit. Man müsse die Zuwanderung für die Besten dieser Welt reizvoll gestalten.

Auf die Frage, ob er die Wehrpflicht heute wieder aussetzen würde, wie er es damals als Verteidigungsminister getan hat, holte Guttenberg etwas weiter aus. In Richtung der Schüler stellte er die Frage, wer denn heute noch zur Bundeswehr gehen würde. Daraufhin gingen zögerlich nur vereinzelt Hände nach oben. Und zu seiner Zeit als Minister sei die Situation ähnlich gewesen, sagte zu Guttenberg. „Es wurden nur noch 16 Prozent der jungen Männer eingezogen. Jeder wusste, wie man sich drücken kann.“ Zudem betrug die Dauer der Wehrpflicht damals nur sechs Monate. „In sechs Monaten lernen Sie gerade mal, unter dem Panzer einzuschlafen, ohne erwischt zu werden.“ Doch es ging damals auch um die Kosten. Und auch heute wäre die Einführung enorm teuer – zusätzlich zur Modernisierung der Bundeswehr. „Diese Milliardensumme hat man nicht“, sagte er. Deutlich kritisierte er auch alle, die diese Forderung nun „kurz vor dem Wahltag eben mal so herausblöken.“

Besonders wichtig schien es zu Guttenberg auch zu sein, den Schülern zu vermitteln, dass Scheitern keine Schande ist. Kein Wunder. Schließlich musste auch er sich im Laufe seiner Politik-Karriere intensiv mit dem Thema auseinandersetzen, als er wegen mehrerer Plagiate in seiner Doktorarbeit im März 2011 von seinem Amt als Verteidigungsminister zurücktrat und sich infolgedessen komplett aus der Politik zurückzog. Auf die Frage, welche Qualitäten man als Politiker benötige, antwortete er unter anderem: „Die Kompetenz zu scheitern – und auch den Willen dazu. Damit tut sich unsere Gesellschaft noch wahnsinnig schwer.“

Später ergänzte er noch, dass sich hierfür auch gesellschaftlich etwas ändern müsse. „Dass Scheitern nicht etwas wie ewige Verdammnis bedeutet.“ Denn: „Es ist kein Zufall, dass man in unserem Land fehlerfrei die Begriffe Neid, Häme und Nachtreten buchstabieren kann.“

Keine Werbung für
die alten Kollegen

In Hinblick auf die anstehende Bundestagswahl äußerte sich zu Guttenberg zurückhaltend. Eine klare Positionierung für die Union – Fehlanzeige. Er sei „mäßig gefestigt“, was sein Kreuz auf dem Wahlzettel anbelangt. Eine Rückkehr in die Politik kann er sich nicht vorstellen. „Ich bin heute mit allem, was ich tue, bei Weitem effektiver, als ich es je in der Politik war“, sagte er in Bezug auf seine heutigen Tätigkeiten als Unternehmensberater, Moderator und sogar Podcaster. Er entschied sich damals für diesen Karriereschritt, da ihm in der Politik „unabhängige Köpfe“ fehlten, die „einfach mal den Mund aufmachen, ohne sich irgendeiner Vorgabe unterwerfen zu müssen.“ Menschen, die nicht nur „mauern, nörgeln und empört sind.“ Dies könne man in Deutschland noch bis heute besonders gut.

Doch Guttenberg forderte auch auf, sich angesichts der aktuellen Weltlage nicht verschüchtert wegzuducken, vor den Aufgaben, die Deutschland und Europa bevorstehen. „Es wird auf uns ankommen. Dafür ist man nicht zu alt und dafür ist man nicht zu jung“, appellierte er an die Zuschauer.

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