Traunstein/Rosenheim – Ein falscher Pizza-Bote verschaffte sich in Rosenheim Zugang zu einer Wohnung. Mit zwei Begleitern soll der Mann den Mieter bedroht, misshandelt und beraubt haben. Ein vierter Täter fuhr das Fluchtauto. Das Quartett muss sich nun vor der Sechsten Strafkammer am Landgericht Traunstein mit Vorsitzender Richterin Jacqueline Aßbichler wegen besonders schweren Raubs und gefährlicher Körperverletzung verantworten.
Der Fall, angeblich bereits seit Ende 2023 gemeinschaftlich geplant, spielt im Drogenmilieu. Ziel der Aktion war, „den Dealer zu überfallen“. Die Anklage von Staatsanwalt Florian Jeserer basiert auf den Angaben eines voll geständigen Angeklagten (23) aus Gröbenzell. Die Täter hatten sich demnach, wie vorher im Detail abgesprochen, am 6. Februar 2024 abends an der Prinzregentenstraße getroffen – um den Geschädigten unter Anwendung von Waffengewalt zu berauben.
Man hatte es bei dem vorgeblichen „Dealer“ auf „Kokain und Geld“ abgesehen, wie der 23-Jährige gestern erklärte. Während einer der Mitangeklagten im Auto wartete, habe er in einem „Call-a-Pizza“-Outfit gegen 21.15 Uhr bei dem Opfer geklopft – vorgeblich, um eine Pizza zu liefern. Zwei der Angeklagten hielten sich im Treppenhaus versteckt, glaubt man dem 23-Jährigen. Der Mieter wollte die Pizza nicht annehmen. Er habe nichts bestellt, sagte er. Als er versuchte, die Tür zu schließen, stürmten die beiden Mittäter, getarnt mit Sturmhauben, herbei, bedrohten das Opfer mit einer Schreckschusspistole und rissen es zu Boden. Der Geschädigte wehrte sich gegen das Fesseln mit Kabelbindern und erntete Schläge gegen Kopf, Bauch und Rippen. Er bekam die Waffe vorgehalten, während die Täter „Zeug“ verlangten, womit gemäß dem 23-Jährigen Kokain gemeint war. Beim Durchsuchen der Wohnung nahmen die Drei ein Handy, circa 700 Euro in bar und die Wohnungsschlüssel des Opfers mit. Die Räuber zwangen den Geschädigten mittels der Waffe, die Wohnung zu verlassen – um zu dessen Mutter zu fahren. Dort vermutete man noch mehr Geld, so der 23-Jährige. Wenn der Mieter nicht mitmache, würden seine Mutter und sein Hund erschossen, hieß es nach seinen Worten. Die Täter schleiften den zusammengesackten, um Hilfe rufenden Mann rücklings die Treppe hinunter. Nachbarn kamen hinzu. Da flüchteten die drei Angeklagten in Richtung München. Zwei wurden in Höhe Irschenberg von der Polizei erwischt. Die anderen beiden wurden im April beziehungsweise Juli 2024 vorläufig festgenommen. Alle saßen seither in Untersuchungshaft.
Die Verteidigerin des geständigen 23-Jährigen betonte, ihr Mandant sei wegen seiner „Sonderrolle“ sehr nervös. Der Angeklagte erzählte anschließend das Geschehen in allen Einzelheiten und beantwortete alle Fragen der Prozessbeteiligten. Ein Beispiel: Man sei eine Woche vorher schon mal zu der Adresse gefahren, um sich die Situation genau anzuschauen. Bei ihm habe man sich Kokain erhofft, von dessen Mutter Geld. Die Waffe habe er hinterher in ein Gebüsch geworfen. Aufgrund seiner Angaben bei der Polizei sei er im Gefängnis trotz Schutzhaft bedroht und geschlagen worden, meinte der 23-Jährige. Er vermutete dahinter aber nicht die Angeklagten, sondern Leute aus dem Bekanntenkreis des Geschädigten. Der 23-Jährige hat dem Geschädigten bereits 4000 Euro als Täter-Opfer-Ausgleich gezahlt. Der zweite 23-Jährige, auch aus Gröbenzell, ließ einen Verteidiger ausführen, er habe das Opfer nicht gekannt. Er habe aber erfahren, dass der Geschädigte „groß im Drogengeschäft ist“. Jeder Angeklagte, so der Anwalt, habe seinen Beitrag zur Tat geleistet. Die Verteidiger eines 22-Jährigen, ebenfalls aus Gröbenzell stammend, haben eine teilgeständige Einlassung angekündigt. Ein 22-Jähriger aus München fungierte als Fahrer laut seiner Anwältin. Er habe die – ungeladene – Waffe besorgt, kein Kokain, aber einen Anteil vom erbeuteten Geld gewollt. Der große Sitzungssaal war zum Auftakt gut belegt. Den vier Angeklagten im Alter von 22 und 23 Jahren stehen insgesamt acht Verteidiger zur Seite. Rund 30 Zuhörer verfolgten den Prozessbeginn. Die Hauptverhandlung wird morgen fortgesetzt. Ein Urteil wird am 20. März erwartet. Monika Kretzmer-Diepold