Blick hinter die Fassade

von Redaktion

Zwischen Himmel und Erde

Die Gedichte eines Unbekannten, die in der Zeitung unter dem Pseudonym „Loris“ abgedruckt wurden, weckten die Aufmerksamkeit des Verlegers und er beschloss, sich mit diesem Loris in einem Kaffeehaus zu treffen. Zum großen Erstaunen des Verlegers erschien dort ein hochgewachsener Gymnasiast in kurzen Hosen und sagte mit hoher Stimme: „Hugo von Hofmannsthal. Ich bin Loris!“ Weil er als Schüler keine Texte veröffentlichen durfte, entschied er sich eben für den Decknamen Loris. Rein optisch hätte wohl auch niemand hinter dem schlaksigen Schüler die herausragende dichterische Begabung vermutet. Fast 150 Jahre ist das her und Hugo von Hofmannsthal wurde einer der größten Schriftsteller seiner Zeit. Auch wenn ich heute versuche, hinter jedem Kind, jedem Jugendlichen und auch noch hinter jedem alten Menschen unvoreingenommen die besonderen Gaben zu sehen, gelingt das nur unvollkommen. Unsere menschliche Wahrnehmung ist begrenzt und wird zudem überlagert von der Hektik unserer Zeit mit ihren vielen Eindrücken. Wir können gar nicht anders, als uns schon in den ersten Momenten einer Begegnung ein Bild zu machen. „Der Mensch sieht, was vor den Augen ist. Gott aber sieht das Herz“, heißt es in der Bibel. Für mich ein unendlich tröstlicher Gedanke. Die Tage des Faschingsendspurts sind jetzt eine gute Gelegenheit, einmal aus unseren traditionellen Rollen auszusteigen, um vielleicht auch hinter der Maske der jeweils anderen einen einzigartigen Menschen zu sehen. Manchmal ist das heilsam für die eigene Perspektive.

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