Wege aus der lähmenden Angst

von Redaktion

Interview Professor Dr. Peter Zwanzger empfiehlt positive Erlebnisse zur Stärkung

Wasserburg – Magdeburg, München, Mannheim: Dreimal sind in den vergangenen Monaten Personen mit Autos in Menschengruppen gefahren. Insgesamt starben zehn Menschen, viele wurden schwer verletzt. Diese Vorfälle machen Angst. Manche meiden seitdem große Ansammlungen, es gibt sicherlich einige, die sich kaum mehr aus dem Haus trauen. Professor Doktor Peter Zwanzger, Ärztlicher Direktor des kbo-Inn-Salzach-Klinikums Wasserburg und Experte für Angsterkrankungen, erklärt, wie wir verhindern, dass die Angst uns lähmt.

Aus aktuellem Anlass fürchten sich viele vor weiteren Anschlägen und Amokfahrten. Wie kann man in Anbetracht der Sicherheitslage mit Angstgefühlen umgehen, ohne dass diese das tägliche Leben übermäßig beeinträchtigen?

Angst ist eine natürliche Reaktion unseres Körpers auf potenzielle Bedrohungen. Sie hat eine schützende Funktion, indem sie uns auf Gefahren vorbereitet. Die aktuelle Sicherheitslage kann verständlicherweise Sorgen auslösen, doch es ist wichtig, zwischen einer angemessenen Vorsicht und einer übermäßigen Angstreaktion zu unterscheiden. Ein gesunder Umgang bedeutet, sich mit den eigenen Ängsten auseinanderzusetzen, ohne dass sie das tägliche Leben übermäßig einschränken. Dazu gehört es, sich sachlich zu informieren, übermäßigen Medienkonsum – vor allem von sozialen Medien – zu vermeiden und gezielt positive Erlebnisse in den Alltag zu integrieren.

Viele beginnen, große Menschenansammlungen, wie etwa Faschingsumzüge, zu meiden. Ist das noch normal oder beginnt hier schon eine krankhafte Störung?

Grundsätzlich ist es nachvollziehbar, wenn Menschen unter Umständen in der aktuellen Situation größere Menschenmengen meiden. Dies allein ist jedoch noch keine krankhafte Angststörung. Problematisch wird es, wenn die Angst über einen längeren Zeitraum anhält, unverhältnismäßig stark ausgeprägt ist und zu einer deutlichen Einschränkung der Lebensqualität führt. Wenn Betroffene etwa den öffentlichen Raum aus übermäßiger Furcht generell meiden, soziale Kontakte vernachlässigen oder unter starkem psychischem Leidensdruck stehen, kann es sich um eine behandlungsbedürftige Angststörung handeln. In solchen Fällen ist es ratsam, professionelle Unterstützung in Anspruch zu nehmen.

Welche Methoden führen zu einen gesunden Umgang mit dieser Angst?

Es gibt verschiedene, bewährte Strategien, um Ängste zu regulieren. Eine rationale Einordnung hilft dabei, sich bewusst zu machen, dass das Risiko eines Anschlags zwar existiert, aber statistisch gesehen sehr gering ist. Eine realistische Einschätzung kann helfen, irrationale Ängste zu relativieren. Auch der bewusste Medienkonsum spielt eine entscheidende Rolle, da exzessiver Nachrichtenkonsum Ängste verstärken kann. Es hilft, sich auf seriöse Quellen zu beschränken und gezielt Pausen von belastenden Informationen einzulegen. Entspannungstechniken, wie Atemübungen, Achtsamkeitstraining oder progressive Muskelentspannung, können helfen, Stress abzubauen und das Gefühl der Kontrolle zu stärken. Zudem ist Exposition eine bewährte Methode: Wer merkt, dass die Angst beginnt, das Leben zu bestimmen, sollte sich schrittweise wieder an angstauslösende Situationen heranführen – zunächst in kleinen, kontrollierten Schritten. Nicht zuletzt ist soziale Unterstützung ein wesentlicher Faktor. Der Austausch mit anderen kann helfen, Ängste einzuordnen und emotionale Entlastung zu finden. Familie, Freunde oder auch Selbsthilfegruppen bieten hier wertvolle Unterstützung. Falls die Angst über einen längeren Zeitraum hinweg besteht oder sich verstärkt, ist es sinnvoll, eine psychotherapeutische Beratung in Betracht zu ziehen. Kognitive Verhaltenstherapie hat sich als besonders wirksam in der Behandlung von Angststörungen erwiesen.

Interview: Sophia Huber

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