Aschau/Rosenheim – Ein schrilles Klingeln riss Andreas Roder am Morgen des 13. März 1995 aus dem Schlaf. Der damalige Bereitschaftsleiter der Wasserburger Bergwacht lag gerade noch im Bett, als der Funkalarmmelder auf seinem Nachttisch anschlug. „Das war gegen kurz nach 7 Uhr“, sagt er am Telefon.
Er könne sich noch gut erinnern, da er am Vortag bis Mitternacht gearbeitet hatte. Verschlafen habe er dann die Rettungsleitstelle angerufen und nach dem Grund der Alarmierung gefragt. Und als ihm die Person am anderen Ende der Leitung erklärte, was dahintersteckt, sei er plötzlich hellwach gewesen. Dort hieß es: An der Kampenwand gab es einen Flugzeugabsturz – mitten im Einsatzgebiet der Wasserburger Bergwacht.
Tausend Dinge
gleichzeitig im Kopf
Sofort seien ihm Tausend Dinge durch den Kopf geschossen. „Vor allem wollte ich wissen, wie groß das Flugzeug ist“, erinnert sich Roder. Schließlich mache es einen Unterschied, ob es sich um ein großes Passagierflugzeug oder eine kleine Maschine handelt. Das habe man ihm zu dem Zeitpunkt aber nicht sagen können. „Es hieß nur ein Flugzeug“, sagt Roder.
Normalerweise hätte er in diesem Moment – trotz seiner 25-jährigen Erfahrung bei der Bergwacht – einen „mittleren Schock“ bekommen. Eine solche Einsatzbeschreibung sei selbst für erfahrene Retter außergewöhnlich.
Allerdings war es einem glücklichen Zufall zu verdanken, dass Roder genau wusste, was als Nächstes passieren muss. „Kein halbes Jahr davor gab es vom Bayerischen Roten Kreuz eine große Übung für einen Flugzeugabsturz im alpinen Gelände“, sagt Roder. So wussten er und seine Kollegen zumindest schon, was sie an der Kampenwand erwarten könnte.
Andreas Roder stopfte sich noch einen kleinen Happen zu essen rein, informierte seine Kameraden, schnappte sich seinen Rettungsrucksack und fuhr von seiner Wohnung in Wasserburg los. Obwohl die Fahrt nach Aschau im Chiemgau etwas dauerte, hätten er und seine Bergwacht-Kameraden im Auto nicht groß spekuliert, was passiert sein könnte. „Wir haben uns eher vorbereitet und haben überlegt, was wir alles mit auf den Berg hochnehmen und wer mit wem hinaufgeht“, erzählt der Wasserburger.
Am Parkplatz der Kampenwandbahn angekommen, seien bereits Feuerwehr, Polizei, Rettungsdienst und die Kollegen der Sachranger Bergwacht vor Ort gewesen. Inzwischen hatte sich bereits herumgesprochen, dass es sich bei dem abgestürzten Flugzeug um eine zweimotorige Maschine der Rosenheimer Hagelabwehr handelt. Der Pilot und die anderen vier Insassen – alles Mitarbeiter des Landratsamtes – waren auf dem Weg zu einer Messe nach Hannover. Im dichten Nebel kam die Maschine auf den falschen Kurs und steuerte statt nach Norden auf die Kampenwand zu.
Dank eines Ausweichmanövers in letzter Sekunde krachte das Flugzeug nicht gegen die Felsen, sondern in einen Wald auf der Nordseite des Berges, erzählte einer der Passagiere dem OVB. Ein anderer Insasse kämpfte sich kurz nach dem Absturz durch den Schnee zu einer Hütte und verständigte die Rettungskräfte. „Da ist uns schon ein Stein vom Herzen gefallen, da es hieß, dass alle überlebt hatten“, erinnert sich Roder. Auf einer Karte hätten er und seine Kollegen sich dann angeschaut, wo sich das Flugzeugwrack befinden muss. „Das war irgendwo zwischen Brunnensteinkopf und Mitterwandl auf rund 1200 Metern Höhe“, sagt der Bergretter. Dort musste man nur noch hinkommen.
Ein Teil der Mannschaft sei mit der Seilbahn nach oben gefahren, um von der Bergstation in Richtung der Unfallstelle abzusteigen. Roder fuhr mit ein paar Männern mit dem Auto so weit wie möglich nach oben. „Ab der Hälfte ging es zu Fuß weiter“, erinnert sich Roder. Durch knietiefen Schnee, über steile Hänge und durch dichte Wälder. „Das sind wir aber gewohnt“, sagt der Bergretter und lacht. Irgendwann hätten die Männer im Schnee eine Blutspur entdeckt und seien dieser gefolgt. „Da wussten wir, dass wir auf dem richtigen Weg sind“, sagt Roder. Die Spur stammte wahrscheinlich von dem verletzten Fluggast, der Hilfe geholt hatte, vermutet er. Wenig später erreichten die Männer der Wasserburger Bergwacht das Wrack.
Große Hektik habe es dort nicht gegeben. „Die ersten Retter waren schon da und haben zwei der Verletzten abtransportiert“, erzählt Roder. Er habe dann den Einsatz seiner Männer koordiniert. „Da geht es darum, dass klar ist, wer sich um die Verletzten kümmert, wer die Hubschrauber einweist und wer letzten Endes die Verletzten zu den Hubschraubern bringt“, erklärt der Bergretter. Währenddessen sei keine Zeit gewesen, sich groß umzuschauen. „Wir konzentrieren uns auf unsere Rettungsaufgabe, da machen wir uns keine Sorgen, dass das Flugzeug so beschädigt ist“, sagt Roder.
Nach und nach hätten er und die anderen Rettungskräfte die übrigen drei Verletzten vom Flugzeug weggebracht. „Teilweise waren die schon sehr mitgenommen, vor allem unterkühlt“, erzählt Roder. Rund eine Stunde später war dem Wasserburger zufolge der Einsatz für die Bergwacht beendet und die Retter machten sich auf den Weg ins Tal. „Dort mussten wir erstmal viele Pressefragen beantworten – überall standen Übertragungswagen.“ Erst danach gab es ein verspätetes Frühstück in der BRK-Wache.
Zurück zur
Unglücksstelle
Wirklich genießen konnte Andreas Roder das Frühstück aber nicht. Er saß kaum, da kam der Funkspruch, dass ein Mitarbeiter der Bundeswehr die Unfallstelle begutachten will. „Deshalb ging es für mich gleich wieder auf den Berg“, erzählt Roder. Erst ein paar Stunden später fuhr der Bergretter dann wieder zurück nach Wasserburg – erschöpft, aber zufrieden.
Ein paar Monate nach dem Absturz fragte Andreas Roder bei Georg Vogl, dem Piloten der Maschine, an, ob er einen Propeller des Flugzeuges haben könne. „Wir haben uns dann getroffen und er hat ihn mir tatsächlich übergeben“, sagt der Bergretter.
Seither dient das Stück als Erinnerung – an einen der größten Einsätze der Wasserburger Bergwacht.