Rosenheim – Dr. Ludwig Spaenle ist seit 2018 der „Beauftragte für jüdisches Leben und gegen Antisemitismus“ der bayerischen Staatsregierung und in dieser Funktion zuständig für Erinnerungsarbeit und geschichtliches Erbe. „In der Beauftragung kommt zum Tragen, was ihn bewegt, die Darstellung und Förderung des jüdischen Lebens in Bayern und Maßnahmen gegen Antisemitismus und Judenhass. Er steht für Anstrengungen zur Erinnerungsarbeit und des geschichtlichen Erbes in einem umfassenden Sinne“, liest man auf der Website der bayerischen Staatsregierung.
„Religiöses
Vortragswerk“
Vor ziemlich genau 80 Jahren wurde das heutige Bildungswerk als „religiöses Vortragswerk“ ins Leben gerufen, um diesen Auftrag zu erfüllen, so Diplom-Theologe Dr. Markus Roth, Geschäftsführer des Bildungswerks Rosenheim, in seiner Begrüßung. Genau mit diesem Auftrag wolle man 80 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkrieges ein Statement gegen Antisemitismus setzen.
Wenn ein Politiker wie Dr. Ludwig Spaenle auftritt, erwartet man eine Rede, wie man sie von Politikern gewohnt ist. Doch genau das Gegenteil war der Fall; Spaenle, Theologe und Historiker, sprach als tief Betroffener, der seinen Auftrag als Beauftragter sozusagen inhaliert hat.
Er begann mit einem Zitat von Dietrich Bonhoeffer, ermordet am 9. April 1945 im Konzentrationslager Flossenbürg: „Nur wer für die Juden schreit, darf gregorianisch singen“, und begann damit eine Reise in die Entwicklung des Antisemitismus. Wahrscheinlich kamen sie mit den Römern nach Bayern und über ihr Dasein, ihr Leben, ihre Kultur wurde von Anfang an eine Folie gelegt, so Spaenle. War am Anfang der Christianisierung ein christlicher Judenhass mit einem Büschel von Vorurteilen prägend, hat er sich seit dem 19. Jahrhundert zu einem eher rassistisch motivierten Hass entwickelt. Auch der Begriff „Antisemitismus“ sei eher ein pseudowissenschaftlicher Versuch, vom religiös motivierten Judenhass wegzukommen. Immer gab es jüdisches Leben in Bayern, außer in Ober- und Niederbayern, wo die Wittelsbacher jüdisches Leben verhindert hätten. An vielen Orten herrschte ein „gedeihliches Miteinander“, wie es Spaenle formulierte. Trotzdem handle es sich seit beinahe zwei Jahrtausenden um die „prominenteste Minderheit der Welt“, immer wieder vertrieben und in Ghettos gesperrt, verzweifelt auf der Suche nach Heimat und einem Ort zum Leben.
Das, was auf der Wannsee-Konferenz 1942 als „Endlösung der Judenfrage“ beschlossen wurde, bezeichnet Spaenle ohne Umschweife als „grenzenlose Dimension der Brutalität“ mit unvorstellbaren Zahlen. „Terror wird eingesetzt, um Herrschaft zu sichern und Angst zu verbreiten“, dies sei die zentrale Triebfeder dieses perversen Systems gewesen. Die Züge in die Todesfabriken hätten immer Vorfahrt gehabt, was wiederum zu einer ideologischen Aufladung gegen die Verursacher, also gegen die Juden führte. Alle hätten es gewusst, so Dr. Ludwig Spaenle, und so wie die Nachbarin seines Vaters, Frau Silbertau, „in den Osten gegangen ist“, aber alles dagelassen hat, haben es wohl viele miterlebt, aber nicht darüber gesprochen. Eine halbe Million Deutsche seien in dieser Zeit des Terrors als Mörder tätig gewesen, doch am 8. Mai 1945 „war keiner mehr da“. Da habe die junge Bundesrepublik Deutschland große Schuld auf sich geladen, denn die Mörder wurden nicht zur Verantwortung gezogen und haben erfolgreich in vielen Ämtern Karriere gemacht.
Doch gab es nach dieser Zeit des Schreckens auch eine Wiederbelebung des jüdischen Lebens hierzulande. Die, die nicht wegkonnten und irgendwie überlebten, haben im Kleinen angefangen, etwas aufzubauen. Es entstand eine Art Parallelwelt in 13 jüdischen Gemeinden in Bayern, mit eigenen Zeitschriften und Fußballvereinen.
Seit dem 7. Oktober 2024 befänden sich die Juden „im freien Fall“. Es sei wie eine weltweite Lähmung, eine Erinnerung an das, was während der Shoa passiert ist, denn jede jüdische Familie auf der ganzen Welt habe eine Erinnerung an die ungezügelten Gewaltorgien und des grenzenlosen physischen Terrors, den sie im Zweiten Weltkrieg erlebt haben. „Die Situation am Gaza-Streifen hat die gesamte jüdische Welt in Schock versetzt.“
Es habe sich eine neue Qualität des Judenhasses entwickelt, so Spaenle. Wenn Juden als solche erkannt werden, werden sie beschuldigt für den Terror am Gaza-Streifen. Jüdische Einrichtungen müssten wieder geschützt werden und der Judenhass komme nun aus allen Richtungen: sowohl aus dem rechtsradikalen als auch aus dem linksradikalen Milieu und aus der islamistischen Szene. Doch, so Spaenle weiter, „Jüdischer Extremismus ist nicht besser als anderer.“
Mit der sogenannten 3D-Regel lasse sich bestimmen, ob es sich bei einer Äußerung lediglich um Kritik an Israels Politik handle oder die Grenze zum Antisemitismus überschritten wird: Das ist der Fall, wenn Doppelstandards, Delegitimierung oder Dämonisierung Israels im Spiel sind. Dieser Schnelltest wurde 2004 vom israelischen Politiker und Wissenschaftler Nathan Sharansky entwickelt, um Texte und Äußerungen systematisch daraufhin zu prüfen, ob sie antisemitisch sind. Dabei gleichen die Muster des Sprachgebrauchs und die Strategien der Diffamierung exakt den althergebrachten judenfeindlichen Stereotypen.
Auch wenn der Inhalt von Dr. Spaenles Vortrag unter dem Titel „Jüdisches Leben in Bayern – gegen das Vergessen, für die Zukunft“ stand, folgte eine Diskussion über die derzeitige Situation am Gaza-Streifen und über die quasi Unmöglichkeit der Lösung dieses Konflikts.
Dass Deutschland an Israels Seite in der Bevölkerung keine Mehrheit mehr habe, war einer der zahlreichen Diskussionspunkte. „Wir können nicht mit erhobenem Zeigefinger durch die Welt laufen und sagen, was zu tun ist“, so Spaenle. Es sei ein unlösbarer Knoten und die Qual des heiligen Landes. Es bleibe nur der dauerhafte Dialog, um vielleicht langfristig eine Lösung in kleinen Schritten zu erreichen. „Wenn ich eine Lösung für diesen Konflikt parat hätte, würde ich nicht hier stehen“, schloss der Beauftragte der Staatsregierung.
Persönliche
Erlebnisse
Dr. Ludwig Spaenle bereicherte den Vortrag mit sehr vielen persönlichen Erlebnissen bei seinen Reisen in den Gaza-Streifen als tief Betroffener, seinen Gesprächen mit Mitgliedern der jüdischen Gemeinden in Bayern als Beauftragter mit viel Herz und lobte die jüdische Kultur als wichtigen Baustein unserer Gesellschaft. „Wenn Sie ohne schlechtes Gewissen zunehmen wollen, essen Sie koscher.“
Vielleicht eine Möglichkeit, sich mit jüdischem Leben vertraut zu machen, das ein oder andere Vorurteil abzubauen und ein kleiner Schritt gegen den wachsenden Antisemitismus.