Rosenheim – Eine Sekunde mit den Gedanken nicht voll da – und schon kann es krachen. So wie in den frühen Abendstunden des Dienstags, als sich auf der A8 in Richtung Salzburg auf Höhe der Anschlussstelle Rosenheim ein schwerer Unfall ereignete. Ein 30-Jähriger aus dem Landkreis Rosenheim übersah, dass sich aufgrund der Bauarbeiten auf der A8 der Verkehr mal wieder staute. Mit seinem Gespann aus Pkw und Anhänger krachte er in das Stauende und schob mehrere Fahrzeuge aufeinander. Bei dem Unfall wurden laut Polizei mindestens zwei Personen schwer und eine Person leicht verletzt. Zudem entstand hoher Sachschaden.
67-Jähriger erlag seinen Verletzungen
Oder jüngst am 24. April, ebenfalls auf der A8. Da übersah ein 17-jähriger österreichischer Fahranfänger, dass die Autos vor ihm stark abbremsen mussten. Trotz Vollbremsung und Ausweichmanöver krachte der junge Mann in das Stauende und schob drei vorausfahrende Fahrzeuge aufeinander. Bei dem Zusammenstoß wurde ein Fahrer, ein 67-jähriger Mann aus dem Landkreis Rosenheim, schwer verletzt. Der Mann wurde noch ins Klinikum Rosenheim gebracht, erlag dort aber kurz darauf seinen Verletzungen.
Kurz zuvor war es auf der A93 zu einem schweren Unfall gekommen. Wieder nach einem Moment der Unachtsamkeit. Ein Transporter mit polnischem Kennzeichen prallte am 23. April kurz vor Kiefersfelden auf das Ende des Staus, der sich durch die Blockabfertigung auf Tiroler Seite gebildet hatte. Der Transporter hatte mit offenbar hohem Tempo das Heck eines stehenden Lkw gestreift, war dann in die Betonbarriere zwischen den beiden Fahrspuren geschleudert und von dort zurück in die Lkw-Schlange geprallt. Fahrer wie Beifahrer wurden schwer verletzt. Sie seien aber inzwischen außer Lebensgefahr, heißt es seitens der Verkehrspolizeiinspektion Rosenheim in Raubling.
Die beiden Männer aus dem zertrümmerten Unfall-Wagen leben, man kann von Glück im Unglück sprechen. Dennoch erinnerte der Crash fatal an den schweren Unfall vom 3. Februar, bei dem ein ukrainischer Lkw-Fahrer – wohl ebenso aus Unachtsamkeit – auf das Ende des Blockabfertigungsstaus prallte. Der Ukrainer starb in den Trümmern seines Führerhauses. Eine Vielzahl von Unfällen ereignete sich in den vergangenen Wochen, die meisten gingen glimpflich aus. Wie der am Freitagabend, 25. April, am Irschenberg, als ein Sattelzug durch den Mittelstreifen brach und einen Pkw einklemmte. Da gab es zum Glück keine Verletzten. Zwei Schwerpunkte zeichnen sich jedoch ab: die Inntalautobahn an Blockabfertigungsterminen, vor allem auf den letzten Kilometern vor der Landesgrenze. Und die A8 auf Höhe der Anschlussstelle Rohrdorf. Dort wird eine Bahnbrücke entfernt und dann aus Fertigteilen neu zusammengesetzt.
Abgestumpft im Verkehr unterwegs
Die Autobahngesellschaft stellte dieses Verfahren als neuartig und vor allem sehr schnell vor. Nach den Worten von Michael Kordon, dem Direktor der Niederlassung Südbayern, wolle man die Baumaßnahmen vor Pfingsten abgeschlossen haben – um dem starken Reiseverkehr freie Fahrt gewährleisten zu können.
Eine gute Nachricht, die für den Moment allerdings keinen Trost bietet. Tagtäglich bilden sich in beide Richtungen kilometerlange Staus. Und immer wieder prallt jemand aufs Ende der Staus. Warum ist das so? Warum bieten auch Warnhinweise und -leuchten keinen absoluten Schutz?
Eigentlich, so lautet die reine Lehre, sollte der Autofahrer sein Fahrzeug so steuern, dass er es in jedem Fall sicher abbremsen kann. Alexander Kreipl vom ADAC weiß, dass das ein oftmals fernes Ideal ist. „Unaufmerksamkeit ist zumindest auf Landstraßen Unfallursache Nummer eins.“ Die Konzentration kann abschweifen aus analogen wie aus digitalen Ursachen. Mal sind es komplizierte Menüs auf dem Touchscreen, die den Fahrer ablenken, „mal das Handy oder die Wurstsemmel, die einem in den Fußraum fällt.“
„Da kommen wahnsinnig viele Sachen zusammen“, sagt Thomas Kaltenbacher, Leiter zentrale Verkehrsaufgaben bei der Verkehrspolizeiinspektion. Mal fehle die Konzentration, mal werden Hinweise übersehen – der Mensch neige ja doch zu Fehlern. „Es ist ja manchmal nur Glück, wenn nicht jede Unaufmerksamkeit mit einem Zusammenstoß bestraft wird.“ Warum passiert gerade in der Region Rosenheim so viel? „Vielleicht, weil viele Fahrer schon abgestumpft sind“, vermutet er.
Abgestumpft durch die dauernden Blockabfertigungen, auch durch die vielen Baustellen. Die Polizei tue jedenfalls, was sie könne, sagt Kaltenbacher und zählt auf, was die Verkehrspolizeiinspektion so alles unternimmt: digitale Ticks einspielen, die Warnungen in den Navigationssystemen und auf Google Maps auslösen, Verkehrsmeldungen übers Radio verbreiten, Twistertafeln, die auf die Blockabfertigungstermine hinweisen, Anhänger mit Warnleuchten und, und, und.
„An bestimmten Tagen sind auch zusätzliche Kräfte von anderen Dienststellen im Einsatz“, sagt Kaltenbacher. Die Polizei versucht schließlich, den linken Fahrstreifen offenzuhalten und Ein- und Ausfahrten möglich zu machen.
Keine Hoffnung auf Ende der Engstellen
Blockabfertigung auf der A93 und Baustellen auf der A8: All das beansprucht die Polizei stark, aber auch Reisende, Pendler und Lkw-Fahrer. Hoffnung auf ein Ende der Engstellen gibt es kaum. Die Österreicher zeigen sich hart bei der Blockabfertigung. Das Nadelöhr der Luegbrücke auf der Brenner-Autobahn machen zudem weitere Termine notwendig. Rund eineinhalb Dutzend Termine waren bis Ende April von vornherein im Kalender markiert gewesen. Zehn Blockabfertigungstage kamen „spontan“ dazu. Etwa wegen starken Verkehrsaufkommens im Raum Innsbruck, wie am 26. April. Bis zum Ende des Jahres könnten es bis zu 70 Tage mit „Dosiermaßnahmen“ geworden sein.
Auch bei den Baustellen auf bayerischer Seite wird es so schnell keine Entlastung geben. Zwar sind Baufirma und Autobahnbetreiber zuversichtlich, die Bahnbrücke bei Rohrdorf bis Pfingsten fertig zu haben. Doch da drohen viele ähnliche Fälle. 81 Brücken seien auf der A8 90 Jahre alt und damit schon über ihre berechnete Lebensdauer hinaus, sagt Josef Seebacher, Sprecher der Niederlassung Süd der Autobahn-Gesellschaft.