Leben Wolfsfamilien und ein Bär im Chiemgau?

von Redaktion

Außergewöhnlicher Zwischenfall in Waging ruft LfU auf den Plan

Traunstein/Chiemgau – Sie haben ja schon einiges erlebt in der Polizeiinspektion (PI) Laufen, aber ein überfahrener Wolf war auch für die Beamten dort Neuland. „Das ist schon ein besonderer Vorgang, nix Alltägliches“, berichtete ein Polizist dem OVB am gestrigen Freitag. Ein 47-jähriger Inzeller war zwei Tage zuvor in seinem Mietwagen auf der St2105 auf Höhe Fisching nahe Waging am See trotz Vollbremsung mit einem größeren Wildtier kollidiert.

„Der Fahrzeugführer staunte nicht schlecht, als er im angrenzenden Gebüsch das tote Tier entdeckte. Nach erster Auskunft dürfte es sich um einen jungen Wolf handeln“, erklärten die Beamten. Das bestätigte auch der schnell herbeigeeilte Jagdpächter. Die Polizisten selbst waren nicht am Unfallort. „Das ist üblich. Wildunfälle werden meist telefonisch gemeldet“, berichtete der Polizist aus der PI Laufen: „Zudem wurde danach eine Riesenmaschinerie in Gang gesetzt, damit man sicher gehen kann, dass es auch wirklich ein Wolf ist.“

Das steht inzwischen so gut wie sicher fest, deshalb ist der Fall auch auf der offiziellen Monitoring-Seite zum Wolf dokumentiert. „Nach erster Einschätzung handelt es sich bei dem am 30. April 2025 bei einem Verkehrsunfall im Landkreis Traunstein getöteten Tier um einen Wolf“, bestätigte ein Sprecher des Bayerischen Landesamts für Umwelt (LfU) dem OVB. Der Fall sei vor Ort durch ein Mitglied des sogenannten Netzwerks für Große Beutegreifer dokumentiert worden. Proben für eine genetische Untersuchung des Wolfs – im Volksmund auch als Isegrim bekannt – seien sichergestellt worden.

Die Analyse des Genmaterials wird nun am Senckenberg-Forschungsinstitut in Gelnhausen, Fachgebiet Wildtiergenetik, durchgeführt. Das dortige Labor ist seit 2010 als Referenzzentrum für die Wolfsgenetik in Deutschland. Bis durch Auswertung der Probe klar ist, welcher Wolf bei Waging am See genau überfahren wurde, dürfte es etwa zehn Werktage dauern. Die Gerüchteküche in der Region kocht jedoch schon jetzt gewaltig hoch: Von ganzen Wolfsfamilien, die dauerhaft im Großraum der Chiemgauer Alpen ansässig seien, ist die Rede. Und ein Jäger berichtet anonym von zahlreichen Wolfsrissen und sogar einem Bären in der Region.

„Der Schluss, dass eine ganze Wolfsfamilie in der Region ansässig ist, ist rein spekulativ. Wölfe können an einem Tag 50 bis 70 Kilometer zurücklegen. Von einem Bären in der Region ist uns nichts bekannt“, schreibt Mathias Heinrichs als Referent des Landrats von Traunstein auf Anfrage des OVB. Noch deutlicher wird das LfU in seiner Stellungnahme zu den Gerüchten: „Wie Sie unserer Monitoring-Seite zum Wolf Bereich ‚Nachweise standorttreuer Wölfe in Bayern‘ entnehmen können, wird im Bereich der Chiemgauer Alpen der männliche Wolf GW4028m als standorttreu eingestuft.“

Also nur ein Wolf insgesamt, keine Familie. Als „standorttreu“ wird das Raubtier bezeichnet, „wenn es über einen Zeitraum von mehr als sechs Monaten nachgewiesen wird oder wenn ein männlicher und ein weiblicher Wolf gemeinsam ihr Territorium markieren beziehungsweise eine Reproduktion belegt ist.“ Letzteres ist bisher jedoch nicht der Fall. Die Standorttreue erlischt, wenn die entsprechenden Individuen ein gesamtes Monitoringjahr – also von Mai bis April des Folgejahres – nicht mehr nachgewiesen werden konnten. In Sachen Bär gibt es im Monitoring-Zeitraum 2024/ 2025 „keinen bestätigten Nachweis eines Bären“ in ganz Bayern. Der letzte bestätigte Nachweis eines Bären in Bayern stammt laut offizieller Monitoring-Seite vom 22. Mai 2023 aus dem Oberallgäu.

Der bei Waging überfahrene Wolf wurde nach Traunstein gebracht und dort „zwischeneingefroren“. Von dort soll er zeitnah an die Dienststelle Hof des LfU überführt werden. Dort wird er noch einmal in Augenschein genommen: „Weitere Aussagen zum Tier sind erst nach Begutachtung an der Dienststelle Hof sowie nach Abschluss der genetischen Untersuchung möglich.“ Dass Wölfe in Deutschland durch Autounfälle tödlich verletzt werden, ist schon häufiger vorgekommen wie im Fall von zwei im Landkreis Schwandorf überfahrenen Tieren. Trotzdem ist der Fall in Waging am See nach Auskunft von Mathias Heinrichs auf eine traurige Art historisch für Wölfe: „Im Landkreis Traunstein ist es unseres Wissens nach das erste überfahrene Tier.“ Dem Fahrzeugführer – so Heinrichs zum OVB – „dürften keine Konsequenzen drohen, da das Tier unverschuldet getötet wurde“.Lars Becker

Artikel 5 von 11