Psychische Gewalt in Kitas – ein Tabuthema?

von Redaktion

Interview Barbara Heuel vom Kinderschutzbund Rosenheim fordert eine „Kultur der Offenheit“

Rosenheim – Kinder haben seit 25 Jahren ein im Bundesgesetzbuch verbrieftes Recht „auf Pflege und Erziehung unter Ausschluss von Gewalt, körperlichen Bestrafungen, seelischen Verletzungen und anderen entwürdigenden Maßnahmen“. Trotzdem gibt es Menschen, die der Meinung sind, dass eine „Watschn“ noch keinem geschadet hätte. Trotzdem wird der Mutter, die im Rahmen der OVB-Reihe „Leben & Lernen“ von ihren Erfahrungen mit verletzendem Verhalten in der Kita berichtete, „Denunziation“ vorgeworfen. Sie stelle „wider besseres Wissen Sachverhalte aus niederen Beweggründen falsch dar“, behaupten Menschen, ohne den Fall zu kennen. Ist verletzendes Verhalten in Kitas oder Schulen also ein Tabuthema? Oder muss darüber offen gesprochen werden? Wir haben mit Barbara Heuel vom Kinderschutzbund Rosenheim gesprochen.

Wird das Recht auf gewaltfreie Erziehung Ihrer Meinung nach in Familien, Kitas, Schulen und Sportvereinen in der Region lückenlos geachtet?

Theoretisch ist das Recht auf gewaltfreie Erziehung gesetzlich verankert. In der Praxis sehen wir jedoch, dass es noch nicht durchgehend gelebt wird. Das betrifft alle Lebensbereiche von Kindern – auch in der Stadt und im Landkreis Rosenheim. Viele Familien, Fachkräfte und Einrichtungen setzen sich sehr engagiert für kindgerechtes Aufwachsen ein. Gleichzeitig gibt es Fälle, in denen dieses Recht missachtet wird – meist nicht vorsätzlich, sondern aus Überforderung, Unwissenheit oder fehlender Reflexion. Unser Ziel ist es, alle Kinderrechte im Alltag sichtbar werden zu lassen und konsequent zu stärken.

Haben Sie das Gefühl, dass die Rechte der Kinder im Bewusstsein der Gesellschaft sind?

Das Bewusstsein hat sich in den letzten Jahren immer weiter verbessert. Kinderrechte werden häufiger thematisiert – in der Bildung, in den Medien, in der Öffentlichkeit. Aber gerade bei psychischer oder struktureller Gewalt fehlen oft noch Bewusstheit und klare Grenzen. Auch Eltern oder Fachkräfte sind sich manchmal nicht bewusst, was Kinder als verletzend erleben. Deshalb setzen wir uns mit Aktionen, Vorträgen und Kampagnen dafür ein, das Thema weiter ins gesellschaftliche Bewusstsein zu bringen – so wie auch mit dem Platz der Kinderrechte in der Stadt Rosenheim.

Psychische Gewalt ist eine fast unsichtbare Form der Gewalt. Wie häufig kommt sie vor?

Psychische Gewalt ist relativ weit verbreitet und kommt zumindest häufiger vor, als viele denken. Dazu zählen Beschämung, Ignorieren, Einschüchterung oder abwertende Sprache. Studien deuten darauf hin, dass viele Kinder solche Erfahrungen machen, ohne dass Erwachsene das als Gewalt erkennen. Deshalb ist es uns so wichtig, den Blick dafür zu schärfen – auch in Einrichtungen wie Kitas und Schulen.

Was ist psychische Gewalt, und welche Facetten hat sie?

Psychische Gewalt beginnt dort, wo Kinder dauerhaft gedemütigt, missachtet, beschämt oder eingeschüchtert werden. Wenn ihnen mit dem Verlassen oder üblen Folgen gedroht wird. Wenn Kinder ihre Freundinnen oder Freunde nicht treffen dürfen. Wenn dauerhaft übertriebene Forderungen an sie gestellt werden oder sie extremem Leistungsdruck ausgesetzt sind. Aber auch, wenn sie Zeugen elterlicher Partnergewalt werden, selbst dann, wenn sie keine direkte Gewalt erfahren. Sie kann überall auftreten – in Familien, in Kitas, in der Schule oder im Sportverein.

Welche Folgen hat psychische Gewalt?

Die Folgen sind ernst: Kinder entwickeln Ängste, verlieren Selbstvertrauen oder zeigen Verhaltensauffälligkeiten. Sie fühlen sich häufig wert- und hilflos oder gestresst. Manche Kinder übernehmen das Verhalten gewaltausübender Elternteile und bedrohen andere Kinder. Viele Kinder, die emotionale Gewalt erlitten haben, leiden als Erwachsene unter Depressionen und Angstgefühlen. Deshalb ist es entscheidend, dass Erwachsene sich ihrer Wirkung bewusst sind.

In einer Studie im Auftrag der Bundesarbeitsgemeinschaft „Mehr Sicherheit für Kinder“ kamen die Wissenschaftlerinnen Regina Remsperger-Kehm und Astrid Boll zu dem Ergebnis, dass „ein Fünftel der befragten Leitungskräfte von Kindertageseinrichtungen verletzendes Verhalten häufig beobachten“. Wie erklären Sie sich, dass es so etwas ausgerechnet in Kitas gibt?

Kitas sind wichtige Schutz- und Bildungsorte – und der Großteil der Fachkräfte arbeitet hoch engagiert, kompetent und motiviert. Gleichzeitig ist der Druck enorm: Personalmangel, hohe Verantwortung, schwierige Rahmenbedingungen. Wo Ressourcen fehlen, steigt das Risiko, dass Kinder nicht ausreichend feinfühlig begleitet werden. Belastung kann ein Erklärungsfaktor sein – aber keine Entschuldigung. Gewalt, auch in verbaler oder seelischer Form, ist niemals akzeptabel. Wir brauchen mehr Unterstützung, Supervision und Prävention im System, damit es gar nicht erst zu solchen Grenzverletzungen kommt.

Warum sind Demütigungen, Anschreien oder das Ignorieren eines Kindes in Kitas heutzutage überhaupt noch möglich?

Einige dieser Verhaltensweisen passieren nicht aus bösem Willen, sondern aus Überforderung oder fehlender Reflexion. Aber sie sind trotzdem nicht hinnehmbar. Wenn dann klare Beschwerdewege, regelmäßige Supervisionen oder Fortbildungen fehlen, werden solche Muster schwerer erkannt und durchbrochen. Wir setzen uns dafür ein, dass Einrichtungen Schutzkonzepte entwickeln und leben – nicht nur auf dem Papier. Auch braucht es eine Kultur der Offenheit in Teams, regelmäßige Reflexion, gegenseitige Unterstützung. Wir bieten Vorträge, Fachveranstaltungen und Beratung zu Kinderrechten und gewaltfreier Erziehung an – auch für pädagogisches Personal.

Welche Verantwortung haben pädagogische Fachkräfte, die verletzendes Verhalten bei Kollegen beobachten?

Sie haben eine Verantwortung, hinzusehen und zu handeln – im Sinne des Kindes. Idealerweise sprechen sie das Verhalten wertschätzend an oder holen sich Unterstützung, zum Beispiel durch die Leitung, den Träger oder externe Fachberatung. Schweigen schützt nicht das Kind, sondern deckt nur das Problem.

Wer zieht Fachkräfte, die durch verletzendes Verhalten auffallen, zur Rechenschaft?

In erster Linie sind die Träger und Leitungen der Kitas gefordert, solche Situationen ernst zu nehmen und entsprechend zu handeln. In gravierenden Fällen müssen auch Jugendämter und Aufsichtsbehörden eingeschaltet werden oder gegebenenfalls arbeitsrechtliche Schritte erfolgen. Beim Verdacht einer Kindeswohlgefährdung gibt es klare Richtlinien und Vorgehensweisen. Der Schutz des Kindes steht an erster Stelle.

Welche Möglichkeiten haben Eltern, gegen verletzendes Verhalten von Fachkräften vorzugehen?

Wir empfehlen, das Gespräch mit der Einrichtung zu suchen – möglichst frühzeitig, wertschätzend und sachlich. Wenn das nicht möglich ist oder keine Veränderung eintritt, können sich Eltern an das Jugendamt, die Erziehungsberatungsstellen oder auch an uns wenden, um Vorfälle zu melden oder sich über das beste Vorgehen zum Schutz des Kindes beraten zu lassen. In gravierenden Fällen ist als letzte Möglichkeit auch eine Anzeige bei der Polizei denkbar. Wichtig ist: Niemand muss mit solchen Sorgen allein bleiben.

Der Kinderschutzbund Rosenheim wäre also auch eine wichtige und richtige Adresse?

Ja, wir stehen Eltern mit Beratung und Erstentlastung zur Seite – persönlich, telefonisch oder online. Wir besprechen mit den Eltern zum Beispiel, was die nächsten Schritte sein können. Außerdem gibt es das Elterntelefon der Nummer gegen Kummer, das unter der 0800/1110550 anonym und kostenfrei erreichbar ist.

Wie setzt sich der Kinderschutzbund in Rosenheim für die Rechte der Kinder noch ein?

Wir bieten Elternkurse, Vorträge und Beratung an – etwa zu Kinderrechten, gewaltfreier Erziehung oder Medienkompetenz. Für Fachkräfte gibt es eigene Veranstaltungen zu ganz unterschiedlichen Themen. Darüber hinaus beraten wir bei Verdacht auf Kindeswohlgefährdung nach Paragraf 8a SGB VIII. In der Stadt Rosenheim ist der auf unsere Initiative hin entstehende Platz der Kinderrechte ein sichtbares Zeichen: Mit einem ganzen Netzwerk verschiedenster Einrichtungen, Organisationen und Ämter wird das Thema Kinderrechte über mehrere Jahre hinweg im Alltag sichtbarer gemacht. Und wir setzen uns gemeinsam mit unserem Landes- und Bundesverband politisch dafür ein, dass Kinderrechte nicht nur in unserer Region gestärkt werden – durch Projekte, Kampagnen, Prävention und Öffentlichkeitsarbeit.

Interview: Kathrin Gerlach

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