Rosenheim – „Der Altkleider-Markt schwankt seit jeher – allerdings sind die aktuellen Ausmaße katastrophal und haben einen Tiefpunkt erreicht, den die Branche so noch nicht gesehen hat“, erklärt Matthias Baumann-von Kramer vom Bayerischen Roten Kreuz (BRK) in Rosenheim. Und diese Entwicklung hat Folgen. Denn früher lohnte sich die Sammlung von Altkleidern noch. Sowohl für gemeinnützige als auch gewerbliche Sammler. Doch das hat sich geändert. Der Markt ist gesättigt, die Sammelmengen steigen – auch wegen minderwertiger „Ultra-Fast-Fashion“-Produkte. Hinzu kommt, dass die Nachfrage stagniert und Exportmärkte wegbrechen.
Preisabsturz und steigende Kosten
Für die Sammler bedeutet das vor allem eins: steigende Kosten. Denn die nicht absetzbaren Mengen müssen gelagert werden. Hinzu kommen das Sortieren und Entsorgen von nicht verwertbaren Textilien. Und diese Kosten können mittlerweile nicht mehr von den Erlösen gedeckt werden. Beim BRK fielen im vergangenen Jahr Kosten in Höhe von 150 Euro netto pro Tonne an Textilien an. Damals deckten die Erlöse diese Kosten allerdings noch, wie Baumann-von Kramer erklärt. Margit Schmitz von den Maltesern im Bezirk Ost-Oberbayern liefert Zahlen zum Vergleich: 2001 erhielten die Sammler von den privaten Verwertern im Jahresmittel noch 320 Euro pro Tonne. 2013 waren es sogar 425 Euro. Im Jahr 2025 liegt der Durchschnitt allerdings nur noch bei 103 Euro – der Juni-Mittelwert lag sogar nur bei 45 Euro.
Das Geschäft mit den Alttextilien ist ein Draufzahlgeschäft geworden. Demnach ziehen sich gewerbliche Sammler zurück. Und auch für die Gemeinnützigen, die mit den Erlösen soziale Projekte finanziert haben, lohnen sich die Container im Landkreis nicht mehr. „Zwei bundesweit tätige große Sammelfirmen sind bereits in Insolvenz gegangen: Soex im Oktober 2024 und Texaid im Juni 2025“, berichtet Schmitz. Damit die Malteser die Sammlung nicht beenden müssen, seien sie an den Landkreis herangetreten, um gemeinsam nach einer Lösung zu suchen. Beim BRK habe man schon im vergangenen Jahr über einen möglichen Austritt aus diesem Geschäftsfeld gesprochen, sagt Baumann-von Kramer. Man sei aber noch guter Hoffnung gewesen, dass sich der Markt wieder erholt. „Mit der Kostensteigerung unseres Subunternehmers war uns dann klar, dass eine wirtschaftliche Weiterführung nicht möglich ist“, macht er deutlich.
Doch was passiert nun mit den Containern? Und wohin mit alten, aber noch gut erhaltenen Hemden, T-Shirts, Hosen und Co.? Grundsätzlich müssen die öffentlich-rechtlichen Entsorger den Bürgern eine Möglichkeit zur Alttextilien- Entsorgung zur Verfügung stellen. Da das bisher aber durch die gewerblichen und gemeinnützigen Sammler getan wurde, waren Stadt und Landkreis quasi von ihrer Pflicht befreit. Nun müssen sie aber wieder einspringen.
Lederer sichert Unterstützung zu
Im Rosenheimer Kreisausschuss hat man aufgrund der prekären Lage nun einstimmig beschlossen, dass der Landkreis künftig finanziell bei den Entsorgungsmöglichkeiten hilft. „Der Altkleider-Markt ist zusammengebrochen“, sagte Landrat Otto Lederer in der Sitzung des Kreisausschusses. Er geht davon aus, dass es sich um keine „kurze Durststrecke“ handle und dies wohl zumindest mittelfristig so bleiben werde. Daher wurde nun eine „Notvergabe“ beschlossen. So beschloss der Kreisausschuss einstimmig, die bisher tätigen gemeinnützigen Sammler wie das BRK und den Malteser Hilfsdienst zu beauftragen, die Sammlung von Alttextilien weiterzuführen. Die anfallenden Kosten von geschätzt rund 340000 Euro pro Jahr übernimmt die Abfallwirtschaft des Landkreises.
Für die Bürger im Landkreis ist das eine gute Nachricht. Denn für sie ändert sich wenig. Auf den meisten Wertstoffhöfen und Wertstoffinseln stehen die Container der gemeinnützigen Sammler weiterhin zur Verfügung. Lediglich andere Flächen, wie zum Beispiel auf Parkplätzen von Supermärkten, werden nicht mehr in die Sammlung einbezogen. Die „Notvergabe“ dient nun dazu, dass der Landkreis genug Zeit hat, sein eigenes Sammelsystem aufzubauen, „damit wir nicht von heute auf morgen nichts mehr haben“, erklärte Lederer.
Beim BRK und den Maltesern ist man froh über die Zwischenlösung. „Wir begrüßen diese Lösung ausdrücklich, da sie weiterhin – ohne große Änderungen für die Bürger – eine flächendeckende wohnortnahe Infrastruktur gewährleistet, bis vonseiten des Landkreises eine tragfähige neue Lösung erarbeitet werden kann“, sagt Schmitz dem OVB. Und auch Baumann-von Kramer macht deutlich: „Die gefundene Lösung ist im Interesse aller und aus unserer Sicht eine gute Lösung, um die Altkleider-Sammlung im Landkreis Rosenheim aufrechtzuerhalten.“