Stephanskirchen/Haidholzen – Seit drei Jahren treffen sich Menschen jeden ersten Samstag im Monat in der Kirche „Maria Königin des Friedens“ in Haidholzen, um ihre Stimme für den Frieden zu erheben.
Mesnerin Helga Bölk zündet die Kerzen in dem großzügigen, modernen Kirchenraum der Haidholzener Pfarrkirche an. Gleich werden eine Stunde vor dem Vorabendgottesdienst am Samstag circa 30 Frauen und vielleicht Männer kommen, um für den Frieden zu singen. „Für mich ist es selbstverständlich, mitzusingen“, sagt sie. Genau 10192 Mal wurden bis jetzt die Stimmen erhoben. Die Zahl ergibt sich aus den gesungenen Liedern und den anwesenden Sängern.
Gelebter Glaube
gegen die großen
Schrecken der Welt
Schön langsam füllt sich der helle Raum, die Stühle für die Sänger werden links neben dem Altar aufgestellt, wo das Klavier steht. Es ist auch noch Zeit für einen kleinen Ratsch, die Haidholzener Kirche lädt ein zur Kommunikation, kein „pssst, wir sind hier in einer Kirche.“ Gerade deswegen passt die Intention dieser Menschen so gut hierher. Gerti Schiffer, Vorsitzende der Frauengemeinschaft Stephanskirchen, formuliert es mit klaren Worten: „Uns ist wichtig, dass man Glauben lebt. Wir wollten in Zeiten von Corona, mit dem Beginn des Ukraine-Krieges, mit all diesen Kriegen auf dieser Welt aktiv etwas tun.“
Singen brauche nicht viel Aufwand, so Christine Loher, eine der Mitinitiatorinnen, zitiert ein afrikanisches Sprichwort: „Wer gehen kann, kann tanzen, wer reden kann, kann singen.“ Es gehe nicht um ein konkretes Gebiet, es gehe um die Erde, um jede Form des Friedens, auch in Familien. Sie selbst habe die menschliche Not in einem Kriegszustand in Haiti erlebt, wo sie zwei Jahre gelebt hat.
Die Notenmappen werden verteilt, sie sind schön verziert mit Sprüchen und goldfarben, jeder sucht sich einen Platz. „Manchmal sind uns die Liedermappen schon ausgegangen“, so Christine Loher, 45 sind vorrätig, heute reichen sie aus. Zu jeder Friedens-Singstunde wird eine musikalische Leitung gesucht. Heute setzt sich Klaus Adlmaier ans Klavier, seine Gitarre hat er auch dabei. Klaus Adlmaier leitet den Kinder- und Jugendchor in Stephanskirchen/Haidholzen und bezeichnet sich ansonsten als Rentner. Der Friedensgesang ist eine Herzensangelegenheit für ihn, die er immer wieder gerne begleitet. Er stimmt die Lieder an, abwechselnd mit Klavier und Gitarre, und lädt mit einem Solostück auf der Gitarre zum Innehalten ein.
„Jeder, der will und Spaß daran hat, ist willkommen“, so Christine Loher, die, wie man ihr anmerkt, für das Projekt brennt. Die gelernte Krankenschwester organisiert zusammen mit Rosina Eiwen das monatliche Treffen. Sie kümmern sich um die Liedermappen, die ständig ergänzt werden, und zählen die Lieder mit. „Wir wünschen uns, dass die Kirche einmal ganz voll wird“, ist ihr erklärtes Ziel. „Jeder jammert über das Zeitproblem, und wenn man es genau nimmt, haben wir auch jede Menge um die Ohren, aber einmal im Monat die Energie für den Frieden im Gesang bündeln, dafür hätte doch jeder Zeit“, so die beiden Organisatorinnen. Und: Die beiden sind sehr hartnäckig im Überzeugen.
„Wir sprechen jeden und jede darauf an.“ Wer trotzdem kommt, nimmt irgendetwas mit und ist glücklich. Man könne auch einfach zuhören, wenn man es mit dem Singen nicht so habe, aber es mache nichts, wenn mal ein falscher Ton dabei sei. Sich einfach einmal eine Stunde auf das Thema Frieden einlassen, die Konflikte um einen herum und auf der Welt beiseiteschieben.
Alle Lieder haben einen Bezug zum Frieden und auch einen bestimmten Hintergrund, zu dem es geschrieben wurde. „Einmal hatten wir jemanden da, der hat zu jedem Lied eine kleine Einführung gegeben“, so Rosina Eiwen. „Da bekommt man dann einen ganz besonderen Bezug.“ Klaus Adlmaier stimmt den Kanon „Fürchte dich nicht, den Frieden zu leben“, zunächst in moderatem Tempo an, aber dann meint er, bei seinen Jugendlichen würde es ein bisschen flotter zugehen, und zieht mit dem Tempo an. Die 30 Sängerinnen – und ein Sänger – werden in drei Gruppen eingeteilt, und schon geht’s von vorne los. Diesmal etwas rhythmischer und alle sind dabei.
Klaus Adlmaier ist zufrieden. Auf der Gitarre interpretiert er nun das Lied von Simon und Garfunkel „Are you going to Scarborough Fair“. Es ist ein leises Lied, die letzte Strophe könnte man ungefähr so übersetzen: „Lass sie es in jenem ausgetrockneten Brunnen waschen, Petersilie, Salbei, Rosmarin und Thymian, wo nie Wasser entsprungen und kein Regentropfen je gefallen ist, dann wird sie meine wahre Liebe sein.“ Die Bedeutung des Liedes liegt in der rätselhaften Natur seiner Texte, die eine Art Aufgabenliste oder eine Reihe von unlösbaren Aufgaben für den Adressaten beinhalten. Frieden und Liebe als unlösbare Aufgabe?
Auch ohne Text tut es seine Wirkung, Klaus Adlmaier ist ein sehr guter Gitarrist. Alle lauschen, geben sich ihren Gedanken hin, bevor es weitergeht mit dem gemeinsamen Singen. „Ein offenes Tor in einer Mauer“ oder „ein unverhoffter Gruß“, alles Situationen oder Bilder für den Frieden, nach dem alle suchen.
„Wenn jeder
zufrieden wäre,
gäbe es keinen Krieg“
Gerti Schiffer formuliert es am Ende so: „Ich spüre eine innere Zufriedenheit, denn wenn jeder zufrieden wäre, gäbe es keinen Krieg.“
Der einmal im Monat stattfindende Friedensgesang in Haidholzen ist ein kleiner Versuch für mehr Frieden mit großer Wirkung. Und die Zahl 10192 steht da für sich, bestimmt gibt es bei 20000 ein Fest, und je mehr Menschen sich zusammentun, desto früher wird diese Zahl erreicht und gefeiert.
Der nächste Termin ist am Samstag, 6. September, von 18 bis 19 Uhr. Vielleicht kommen Christine Loher, Rosina Eiwen und alle begeisterten Beteiligten dieser Aktion ihrem Ziel, eine volle Kirche in Haidholzen, ein wenig näher. Fakt ist: „Jeder ist willkommen.“