Niederaudorf – Die politische Wetterlage kann sich ändern, und das manchmal schnell. Vor nicht mal einem Jahr, am 16. Oktober 2024, konnte wenig Zweifel daran bestehen, dass die Bahn ihre Planungen für den Brenner-Nordzulauf durchbringen würde. Schnell und ohne großen Widerstand. Bei der Anhörung vor dem Verkehrsausschuss in Berlin waren die meisten Abgeordneten der meisten Parteien für eine flotte Umsetzung der DB-Planungen. Nicht zuletzt aufgrund des Drucks durch Tirols Verkehrs-Landesrat René Zumtobel ohne zeitraubende Verbesserungen.
Schlechte Aussichten im Verkehrsausschuss
Dafür hatte sich die Region Rosenheim unter anderem in Gestalt von Landrat Otto Lederer (CSU) stark gemacht; etwa für eine Untertunnelung des Inns auch zwischen Rosenheim und Stephanskirchen. Oder für eine Unterbringung der Verknüpfung im Süden im Massiv des Wildbarrens.
Doch machte die Bahn nie einen Hehl daraus, dass sie die Alternativen am liebsten nicht verfolgen, und an ihrer ursprünglichen Planung festhalten wolle. Das würde bedeuten: Eine massive Verknüpfungsstelle, 900 Meter lang, mehrere Meter hoch, würde an einer der engsten Stellen des Inntals in die Landschaft gepflügt werden. An dieser Stelle können die neuen Gleise des Brenner-Nordzulaufs mit den alten Gleisen der Strecke Rosenheim – Kufstein zusammengeführt werden. Doch ist die Verknüpfung an dieser Stelle nötig? Bei den Menschen im Inntal werden Zweifel laut.
Inntal-Landwirte
in Existenz bedroht
Ein massives Bauwerk, an dem über Jahre hinweg gearbeitet werden würde: Das wäre eine Katastrophe für Tourismus und Landwirtschaft in dem engen Tal. „Die Neubautrasse des Brenner-Nordzulaufs wird das Obere Inntal, so wie wir es heute als eine der schönsten Bergregionen mit dem größten zusammenhängenden Almgebiet Bayerns kennen, vernichten“, sagte Katharina Kern dem OVB. Die Kreisbäuerin ist Sprecherin der Interessengemeinschaft zum Erhalt der bäuerlichen Existenz im Oberen Inntal.
Die jüngsten Entwicklungen machen ihr und ihren Mitstreitern Mut. Im Oktober 2024 war in Berlin noch die Ampel an der Macht. Nun regiert zusammen mit der SPD die Union – die sich 2024 in einem Antrag für die genannten Anregungen der Region eingesetzt hatte. „Ich denke schon, dass die Politik zu ihrem Wort stehen wird“, sagt Kern.
Geht da noch was? Die Landwirte im Inntal wollen gewappnet sein, da die Diskussionen um die genaue Trassenplanung Fahrt aufnehmen. In ihrem Arsenal findet sich eine Stellungnahme des Agraringenieurs Johann Eckel. Der von der Regierung von Niederbayern bestellte und beeidigte Sachverständige für landwirtschaftliche Bewertung und Nutzung kommt zum Schluss, dass die Verknüpfungsstelle im Inntal zahlreiche Bauern massiv bedrohen, wenn nicht gar ihre Existenz vernichten würde.
Es geht um 19 land- und forstwirtschaftliche Betriebe, die für die Trasse sowie die Baustellen Flächen bereitstellen müssten. Die meist viehhaltenden Betriebe verlören ganz oder auf Zeit mehr als ein Fünftel ihrer Fläche (21 Prozent). Ein Entzug, „der geeignet ist, die Existenzfähigkeit der Betriebe zu gefährden“, schreibt Eckel.
Vier Betriebe verlören ihre Fläche während der Bauzeit „nahezu vollständig“. Nebenerwerbsbetriebe würden während des Baus wohl aufgegeben werden. Auch für die regionale Erzeugung sei eine deutliche Gefährdung der Produktions- und Absatzkette zu befürchten. Tourismus, Urlaub auf dem Bauernhof: Das alles steht auf der Kippe. Nachfolgeregelungen und Investitionen liegen derzeit wegen der Unsicherheit auf Eis. Die Zukunft der Landwirtschaft in dieser Region ist düster.
Wozu braucht es
zwei Verknüpfungen?
Kreisbäuerin Katharina Kern sieht in der Verknüpfungsstelle eine Art Luxusprojekt der Bahn. Weitgehend überflüssig deswegen, weil 15 Kilometer weiter im Süden, auf österreichischer Seite, bereits eine Verknüpfungsstelle besteht. „Die Bahn sagt uns nur, dass sie die zweite Verknüpfungsstelle für ihre Abläufe braucht“, sagt Kern. „Das rechtfertigt nicht, dass man so viele landwirtschaftliche Betriebe aufgibt.“ Dass sich im Landkreis Rosenheim dann auf gut 50 Kilometern keine Zusammenführung finden würde, kann kein Hinderungsgrund sein, findet sie. „Der Brenner-Tunnel verläuft auch über 50 Kilometer ohne Verknüpfungsstelle.“
Die Bundestagsabgeordnete Daniela Ludwig (CSU) bekam vom damaligen Verkehrsstaatssekretär Michael Theurer (FDP) die Antwort, dass ohne die zweite Verknüpfung die Vorteile des Brennerbasistunnels nicht ausgeschöpft werden könnten. Nun ist sie selbst Staatssekretärin (im Innenministerium) und will sich für das Inntal einsetzen. Indem sie auf die Prüfung der Wildbarrenlösung drängt.
Die große Frage nach dem „Wieso?“ bleibt
Und indem sie die große Frage nach dem „Wieso“ stellt. Darüber informierte sie sich bei einem Ortstermin bei der Interessengemeinschaft.
„Auch für mich ist nach wie vor nicht nachgewiesen, dass es kurz nach einer Verknüpfungsstelle auf österreichischer Seite noch eine im bayerischen Inntal braucht“, sagt sie. Man müsse alles tun, um zu einer für die Landwirte befriedigenden Lösung zu kommen. „Sie bewirtschaften auch Deutschlands größtes zusammenhängendes Almgebiet“, sagt Ludwig. „Ein Aus für die Landwirte würde auch die Almwirtschaft in der Region gefährden.“