Wenn sich der Sohn das Leben nimmt

von Redaktion

Überdurchschnittlich viele Suizide in der Region, Susanne Reiber aus Bad Feilnbach hat ihren Sohn durch Suizid verloren. Ein Jahr danach spricht sie über den Verlust – und warum sie es sich zur Aufgabe gemacht hat, Menschen mit ähnlichen Schicksalen zu unterstützen. Über ein Tabuthema, das eigentlich keines sein sollte.

Rosenheim/Bad Feilnbach – Es ist eine Frage, die sich Susanne Reiber (64) in den vergangenen 15 Monaten immer wieder gestellt hat: Wie kann man weitermachen, wenn sich der eigene Sohn das Leben genommen hat? Mit leiser Stimme erzählt sie am Telefon von ihrem Ludwig. Seelenkind nennt sie ihn, manchmal auch Herzenskind. Er war im Rettungsdienst tätig, hatte zahlreiche Freunde und war immer für andere da.

Aber Ludwig war auch manisch-depressiv. Auf Tage voller Energie und Euphorie folgten Tage gefüllt mit Traurigkeit, Niedergeschlagenheit und Antriebslosigkeit. Im Mai 2024 nahm sich der damals 37-Jährige sein Leben. Einen anderen Ausweg sah er nicht.

Auf der Suche nach
Unterstützung

Lange Zeit war bei Susanne Reiber nichts mehr so, wie es einmal war. Nach der Beerdigung fiel die Krankenschwester aus Bad Feilnbach in ein Loch. „Mir ging es sehr schlecht“, sagt sie. Im Internet suchte sie nach Unterstützung, doch zeitnahe Termine beim Psychologen bekam sie leider keine.

Anlaufstelle
Hospizverein

Schließlich entdeckte sie den Rosenheimer Hospizverein. In sechs Kursterminen tauschte sie sich mit anderen Betroffenen aus, die ebenfalls einen Angehörigen durch Suizid verloren haben. „Die Gespräche haben mir bei der Verarbeitung des Traumas gut getan“, erinnert sie sich.

Doch nach dem Kursende blieb die Frage, wie es weitergeht. Selbsthilfegruppen für Menschen, die jemanden durch Suizid verloren haben, gibt es im näheren Umfeld keine.

Also beschließt Susanne Reiber eine Selbsthilfegruppe ins Leben zu rufen. Unterstützung bekommt sie vom bundesweiten Selbsthilfeverein für Angehörige um Suizid (Agus) mit Sitz in Bayreuth in Form von regelmäßigen Schulungen, Fortbildungen und viel Informationsmaterial. Insgesamt hat der Verein 118 Gruppen in ganz Deutschland. Nur im östlichen Oberbayern fehlte bisher eine Anlaufstelle.

Kirche stellt
Raum zur Verfügung

Wochenlang beschäftigt sie sich intensiv mit dem Thema Suizid und allem, was dazugehört. Sie tauscht sich mit anderen Gruppenleitern aus, erhält Broschüren und wertvolle Hinweise. Zeitgleich macht sie sich auf die Suche nach einem geeigneten Raum und wird bei der evangelischen Kirche in Bad Feilnbach fündig. Hier soll eine Anlaufstelle für andere Betroffene entstehen.

Vor einigen Tagen fand das erste Treffen der Gruppe statt. 13 Betroffene kamen. Sie lernten sich kennen und tauschten sich aus. „Es ging unter anderem um das Thema Schuld“, sagt Susanne Reiber. Sie erzählt von Hinterbliebenen, denen die Frage gestellt wurde, ob sie denn nichts geahnt hätten. Aber auch von Nachbarn, die sich immer wieder unsicher gegenüber Betroffenen verhalten.

„Suizid ist nach wie vor ein Tabuthema“, sagt die Krankenschwester. Sie selbst geht mit dem Thema sehr offen um. Sie macht kein Geheimnis daraus, dass sich ihr Sohn das Leben genommen hat. „Es gibt nach wie vor noch Tage, an denen ich weine und trauere“, sagt sie. Kurz wird es leise auf der anderen Seite der Leitung. „Das wird nie vergehen. Das soll nie vergehen. Ludwig ist weiterhin ein Bestandteil meines Lebens“, fährt sie fort.

Austausch mit
Betroffenen

Sie hofft jetzt, dass sich noch weitere Gruppen gründen werden. Wie wichtig das ist, zeigt auch ein Blick auf die Zahlen des Bayerischen Landesamtes für Statistik. So hat eine Auswertung ergeben, dass sich im Landkreis und der Stadt Rosenheim im deutschlandweiten Vergleich überdurchschnittlich viele Menschen das Leben nehmen. „Es ist ganz egal, ob wir über oder unter dem Durchschnitt liegen, denn jeder Selbstmord ist einer zu viel“, sagt Professor Dr. med. Peter Zwanzger, ärztlicher Direktor des kbo-Inn-Salzach-Klinikums Wasserburg.

2023 haben sich in Deutschland ihm zufolge rund 10300 Menschen das Leben genommen. „Das ist ungefähr jeder hundertste Todesfall“, sagt der Experte. In Bayern waren es 2022 etwa 1800 Suizide, zwei Drittel davon Männer. „Damit liegt Bayern tendenziell leicht über dem Bundesdurchschnitt“, sagt Zwanzger.

In seiner Arbeit würden ihm und seinen Kollegen Suizidgedanken fast täglich begegnen – in der Notaufnahme, auf Station, in den Tageskliniken oder Ambulanzen. Die Ursachen sind laut Zwanzger ganz individuell. Als Beispiele nennt er Depressionen, bipolare Störungen, Psychosen, Angst- und Traumafolgestörungen, Suchterkrankungen, chronische Schmerzen, soziale Isolation oder Verlust- und Überforderungserlebnisse. 

Kein „Wunsch
zu sterben“

„Suizidalität ist kein ‚Wunsch zu sterben‘, sondern oft die Sehnsucht danach, so nicht weiterleben zu müssen. Ein alleiniger Grund existiert somit nie“, sagt der ärztliche Direktor. Dass Männer insgesamt häufiger betroffen sind, hänge oftmals damit zusammen, dass sie sich in Krisensituationen zu spät oder gar keine professionelle Hilfe suchen – etwa aus Angst vor Stigmatisierung.

Dass Suizid nach wie vor ein Tabuthema ist, bestätigt auch der Experte. „Vor allem Scham, Schuldgefühle und hartnäckige Mythen verhindern das offene Gespräch. Viele Menschen glauben noch immer, man dürfe Suizid nicht ansprechen, weil das die Gedanken verstärke“, sagt er. Jedoch sei das Gegenteil der Fall. „Wer offen und behutsam über Suizid spricht, kann entlasten und helfen.“ Man spricht hier vom sogenannten Papageno-Effekt. „Nachweislich sinkt das Risiko, wenn Betroffene spüren, dass sie ernst genommen werden und dass es Alternativen gibt“, so Zwanzger.

Mit Betroffenen im Austausch steht auch Birgit Zimmer, Leiterin der Rosenheimer Telefonseelsorge. Fast täglich melden sich bei ihr Menschen, die Suizidgedanken haben. „Viele sind sehr einsam. Zudem macht ihnen die aktuelle Situation zu schaffen“, sagt Zimmer. Themen, die in den Gesprächen immer wieder aufploppen würden, seien Krieg, Wohnungsnot, Beziehungsprobleme und steigende Nebenkosten. „Viele rutschen dadurch in eine Depression“, sagt Zimmer.

Mehr aufeinander
Acht geben

Umso wichtiger seien die zahlreichen Anlaufstellen. „Es mangelt nicht an Beratungsangeboten. Aber wir sollten auch untereinander mehr aufeinander aufpassen“, sagt Zimmer. Wie wichtig das ist, weiß auch Susanne Reiber. „Das Grausamste ist, wenn man alleine ist“, sagt sie. Sie wünscht sich, dass Freunde und Bekannte einfach zuhören und für sie da sind. „Ich brauche keine Ratschläge, manchmal hilft es schon, wenn einfach jemand meine Hand hält.“

Generell berichten wir nicht über (versuchte) Selbsttötungen, damit solche Fälle mögliche Nachahmer nicht ermutigen. Eine Berichterstattung findet nur dann statt, wenn die Umstände eine besondere öffentliche Aufmerksamkeit erfahren. Wenn Sie oder eine Ihnen bekannte Person unter einer existenziellen Lebenskrise oder Depressionen leidet, kontaktieren Sie bitte die Telefonseelsorge unter der Nummer: 0800/1110111. Hilfe rund um die Uhr bieten auch die Krisendienste Bayern unter 0800/ 6553000. Weitere Infos finden Sie auf der Webseite www.krisendienste.bayern.

Übersicht über Hilfsangebote

Artikel 4 von 11