Drohnensichtungen und hybride Angriffe bei heimischen Unternehmen

von Redaktion

Rheinmetall sieht sich „nicht im Krieg, aber auch nicht mehr im Frieden“ – Sicherheit in der Region auf dem Prüfstand

Mühldorf/Altötting/Rosenheim – Nicht nur über dem Flughafen München, auch in unserer Region gibt es immer mehr ungeklärte Drohnenflüge. Gegenüber den Vorjahren ist ihre Zahl in den Landkreisen Mühldorf und Altötting heuer um das Siebenfache angestiegen. Das teilt Stefan Sonntag, Pressesprecher im Polizeipräsidium Oberbayern Süd, auf Anfrage der OVB Heimatzeitungen mit.

Von 2021 bis 2024 registrierte die Polizei jährlich nur zwei Sichtungen von Drohnen oder anderen Flugobjekten wie Modellflieger. Bis Mittwoch (8. Oktober) waren es heuer schon 14; fast jede dritte Drohne, die das Polizeipräsidium in seinem Bereich – Landkreise Mühldorf, Altötting, Traunstein, Berchtesgadener Land, Rosenheim und Rosenheim-Stadt – aufgenommen hat.

Steigende Zahlen
im gesamten Bereich

Auch im gesamten Präsidiumsbereich stieg die Zahl. Bis 8. Oktober waren es bereits 46, im gesamten Jahr 2024 waren es 25 – fast eine Verdoppelung.

Sonntag sieht keinen regionalen Schwerpunkt. Besonders gefährdet könnten die Rüstungsfirmen Bayern-Chemie und Nitrochemie in Aschau-Werk sowie Wacker in Burghausen und der Chemiepark Gendorf sein.

„Seit Beginn des völkerrechtswidrigen Angriffskriegs auf die Ukraine hat sich die Sicherheitslage allgemein, aber auch für Rüstungsunternehmen, verschärft“, schreibt Jan-Phillipp Weisswange, Pressesprecher von Rheinmetall, Mutter-Konzern der Nitrochemie. „Wir befinden uns zwar noch nicht im Krieg, aber auch nicht mehr im Frieden.“

Gefragt nach Drohnen über der Nitrochemie verweist Weisswange nur auf den Konzern: „Wir haben bereits im letzten Jahr vermehrt verdächtige Flugbewegungen im Nahbereich unserer Liegenschaften festgestellt. Eine Entwicklung, die unseren Informationen nach die gesamte kritische Infrastruktur betrifft.“

Neben der Nitrochemie ist die Bayern-Chemie beheimatet. Deren Pressesprecher Dr. Thomas Haslinger schreibt: „Bisher wurden keine verdächtigen Drohnen über dem Werksgelände festgestellt.“

Pressesprecher Tilo Rosenberger-Süß gibt für den Chemiepark Gendorf in Burgkirchen ebenfalls Entwarnung: „Über unserem Chemiepark gab es bislang keine vergleichbaren Vorfälle.“

Anders sieht es dagegen in Burghausen aus: „Es gab am Standort Burghausen in der Vergangenheit in unregelmäßigen Abständen Meldungen über Drohnensichtungen“, schreibt Wacker-Pressesprecher Christoph Kleiner. „Wir sind dazu in engem Austausch mit den Sicherheitsbehörden – wobei der Hintergrund solcher Drohnensichtungen teilweise auch harmloser Natur ist, etwa in Person von Hobbyfotografen.“ Wacker nehme das Thema sehr ernst, möchte aber „keine Details zu etwaigen Vorkehrungen und Abwehrmaßnahmen nennen“.

Auch die anderen Unternehmen beobachten die Entwicklung aufmerksam. So schreibt Gendorfs Sprecher Rosenberger-Süß: „Selbstverständlich beobachten wir mögliche Entwicklungen aufmerksam und stehen auch in engem Austausch mit den zuständigen Behörden, die für die Gefahrenabwehr verantwortlich sind. Aus Sicherheitsgründen können wir leider keine weiteren Details nennen.“

Fliegen Drohnen über unerlaubte Bereiche, ist zunächst die Polizei vor Ort zuständig. Die Daten sammelt dann das Präsidium.

„In den allermeisten Fällen“ habe die Polizei bei den ungeklärten Flügen keine Erkenntnisse über die Piloten, die Art und die Herkunft der Drohnen, erklärt Polizeisprecher Sonntag. Manche konnten geklärt werden. Da sei es dann zum Beispiel ein Förster gewesen, der seinen Wald mit der Drohne aus der Luft „begutachten“ wollte oder ein Hobbypilot, der Luftbilder seiner Stadt machen möchte. „Vieles bleibt einfach ungewiss“, meint Sonntag, die Polizei könne die Sichtungen dann nur registrieren.

Warum die Zahlen so sprunghaft angestiegen sind, kann auch Sonntag nicht abschließend sagen. Sicher spiele die gestiegene, öffentliche Wahrnehmung eine Rolle, sodass jetzt mehr Flüge gemeldet werden. Zum anderen gebe es immer mehr Drohnen. Sein Fazit: „Wir wissen es einfach nicht.“

Vorbeugend könne die Polizei nur wenig machen, erklärt Sonntag: „Unsere Aufgabe ist die Gefahrenabwehr, aber unsere Möglichkeiten sind bisher beschränkt. Der Gesetzgeber hat angekündigt, für die Polizei die rechtlichen, wie auch die technischen Voraussetzungen zu schaffen, dies zukünftig entscheidend zu verbessern.“

„Grundsätzlich stehen die Firmen bezüglich ihrer (Werks)Sicherheit in der Eigenverantwortung“, erklärt Sonntag weiter. Das Polizeipräsidium unterstütze hier, sei mit den Unternehmen im Austausch. Einzelheiten wolle er nicht nennen. „Die Mitarbeiter sind aufgerufen, bei einem Drohnenüberflug sowohl die Polizei als auch die Corporate Security zu informieren“, schreibt Rheinmetall-Sprecher Weisswange. „Ein schnelles Vorgehen gegen illegale Drohnenüberflüge würde ein wichtiges Zeichen der Entschlossenheit im hybriden Krieg setzen. Derzeit beobachten wir die Nutzung von Mitteln der hybriden Bedrohung durch Staaten, die in strategischer Konkurrenz zur NATO stehen.“

„Dauerhafte abstrakte
Gefährdung“

Das bestätigt Haslinger für die Bayern-Chemie: „Es gibt eine dauerhafte abstrakte Gefährdung für den Standort und/oder die Beschäftigten bezüglich Informationsgewinnung. Es gibt einen generellen Trend zu Angriffen im Cyberraum sowie verdächtige Kontakt- und Informationsanfragen über verschiedene Kanäle/Medien.“ Details nennt er „aus sicherheitstechnischen Gründen“ nicht. Auch hier gebe es eine „enge Zusammenarbeit mit den zuständigen Sicherheitsbehörden, die uns gut schützen und beraten.“ Alles andere sei vertraulich.

Jörg Eschenfelder

Artikel 5 von 11