Aschau – Bei der Neuauflage des „Eiskeller-Prozesses“ war von Anfang an nur noch der Vater Andreas Wörndl dabei gewesen. Hoch konzentriert folgte er an der Seite seines Anwalts Walter Holderle der Verhandlung, schüttelte manchmal leicht den Kopf, wenn er des Klein-Kleins der juristischen Auseinandersetzung gewahr wurde, wandte den Blick ab, wenn es um schreckliche Details ging.
Die Mutter tat sich die Fahrt ans Amtsgericht nicht mehr an, sie sei ausgebrannt, sagte Rosalie Wörndl dem OVB.
Für den Vater wurde
der Eiskeller-Prozess
zunehmend zur Farce
Doch auch an Hannas Vater nagte das Justizdrama, das in seinen Augen immer wieder zur Farce wurde. Die erste Verhandlung unter dem Vorsitz von Richterin Jacqueline Aßbichler am Landgericht in Traunstein hatte er fast an jedem der 35 Verhandlungstage verfolgt, meist an der Seite seiner Frau Rosalie.
Am zweiten Tag hatten die Eltern Hannas und ihr Bruder Andreas nochmals über Hanna gesprochen. Sie sei „innerlich total aufgewühlt“, noch immer, sagte die Mutter damals, im Oktober 2023. „Ich will wissen, warum jemand so was macht.“
Nun, zwei Jahre später, sind die Eltern von Wissen weiter entfernt denn je.
Hannas letzte
Minuten drohen,
ungeklärt zu bleiben
Das hatte auch Andreas Wörndl immer deutlich gemacht: dass es der Familie nicht um Rache gehe, sondern darum, zu erfahren, was ihrer Tochter in den letzten Minuten ihres Lebens widerfahren war. Hanna Wörndl hatte in der Nacht auf den 3. Oktober 2022 im Club „Eiskeller“ mit Freunden gefeiert. Gegen halb drei hatte sie den Club verlassen und sich zu Fuß auf den 885 Meter langen Heimweg gemacht.
Die 23-jährige Medizinstudentin kam jedoch nie im Haus ihrer Eltern an. Zwölf Stunden später wurde ihr lebloser Körper in der Prien treibend entdeckt. Die Polizei legte sich schnell fest: Hanna sei einem Gewaltverbrechen zum Opfer gefallen.
Angeklagt wurde schließlich Sebastian T., wie Hanna aus Aschau stammend. Er wurde vom Landgericht Traunstein am 19. März 2024 zu neun Jahren Haft verurteilt. Weil er Hanna aus sexuellen Motiven angegriffen und bewusstlos geschlagen haben soll. Die Bewusstlose warf er dann in den Bärbach, der unweit von Hannas Elternhaus den Parkplatz der Kampenwand-Bahn passiert. So die Überzeugung des Gerichts.
Den entscheidenden Anstoß für diese Rekonstruktion eines Mordes hatte ein Mithäftling von Sebastian T. aus der Untersuchungshaft in der JVA Traunstein gegeben. Dieser Zeuge berichtete von einem Gespräch in der Zelle, in dem ihm Sebastian T. den Mord gestanden habe. Am vergangenen Mittwoch verwickelte sich dieser wichtigste Belastungszeuge bei der Neuauflage des Hanna-Prozesses allerdings in Widersprüche, die seiner Aussage jeglichen Wert raubten.
Schon zuvor hatte der renommierte Aussagepsychologe Professor Dr. Max Steller die Aussage als unglaubhaft abqualifiziert. Am Mittwochabend in Laufen sagte Steller, dass die erneute Aussage des JVA-Zeugen seine Zweifel noch verstärkt habe.
Vergleiche mit
„Rosenheim-Cops“
sinnbildlich für vieles
Am Donnerstag dann hatten die Verteidiger Regina Rick und Dr. Yves Georg die Ermittler attackiert. Mit diesen „Rosenheim-Cops“ sei die Richterin förmlich gestraft, sagte Georg zu Richterin Heike Will.
Für Andreas Wörndl waren es wohl Szenen wie diese, die für ihn das Fass zum Überlaufen brachten. Schon zuvor hatte ihm zu schaffen gemacht, dass Hanna immer mehr in den Hintergrund trat. So hatte Richterin Will zu Beginn des Prozesses sehr wohl Sebastian T. nach seinem Befinden gefragt, nicht aber Andreas Wörndl. Ein Versäumnis, das Hannas Vater irritierte.
„Weitere Teilnahme
für die Eltern nicht
mehr ertragbar“
Nun der Rückzug aus der Nebenklage, den Anwalt Walter Holderle im Namen von Rosalie und Andreas Wörndl am gestrigen Freitag per Pressemitteilung publik machte. Für die Erste Jugendkammer des Landgerichts Traunstein spiele Hanna als Mensch keine Rolle mehr. In der Verfahrensführung sei zudem mittlerweile ein Zustand erreicht, „der für die Eltern von Hanna die weitere Teilnahme an diesem Verfahren nicht mehr ertragbar macht“, heißt es darin.
Die Verteidigung nutze diesen Umstand nicht nur zu einer „unerträglichen Selbstdarstellungsinszenierung“, sondern lasse auch keine Gelegenheit aus, Polizei, Staatsanwaltschaft und die damalige Erste Jugendkammer zu diskreditieren.
Vor allem aber sei keine Aufklärung mehr zu erwarten, heißt es in der Mitteilung. Genau darauf hätten Hannas Eltern aber gehofft.
„Die Hanna kommt
nicht wieder, das ist
uns schon bewusst“
„Für uns ist es absolut nicht wichtig, dass irgendjemand in den Knast geschickt wird“, hatte Andreas Wörndl dem OVB nach dem vierten Verhandlungstag gesagt. „Die Hanna kommt nicht wieder, das ist uns schon bewusst“, sagte er weiter. „Aber wir hätten schon gern Aufklärung.“
Walter Holderle sieht im Instrument der Nebenklage vor allem einen Akt der Fairness für Menschen, die unter den Folgen eines Verbrechens leiden. „Die Nebenklage ist über die Jahre gestärkt worden, um die Opferrechte zu stärken“, sagt er. Zu den Rechten gehört zum Beispiel die Akteneinsicht. Die Nebenkläger können auch Anträge einreichen und so einem Verfahren auf Augenhöhe folgen – idealerweise zumindest.
„Dem Opfer ein Gesicht zu geben“, das sei ein Zweck der Nebenklage. Problematisch sei es, dass die jetzige Strafkammer das nicht mehr so sehe. Schon bei der Aufhebung des Haftbefehls sei er nicht mehr gehört worden.
So kritisiert Walter Holderle die Erste Jugendkammer für ihre Entscheidung, die U-Haft für Sebastian T. unmittelbar nach Abschluss von Max Stellers Gutachten aufzuheben. So gelangte Sebastian T. Wochen vor Beginn des neu aufgerollten Prozesses auf freien Fuß. Neu verhandelt wird, weil der Bundesgerichtshof in Karlsruhe im April 2025 das erste Urteil kassiert und den Fall an das Landgericht in Traunstein zurückverwiesen hatte. Die vielen Verhandlungstage des ersten Prozesses, das Warten nach dem Revisionsantrag, der Spruch des BGH – für Hannas Eltern wurde die juristische Aufarbeitung des Todes ihrer Tochter zur endlosen Seelen-Strapaze.
Der Prozess selbst ist vom Rückzug der Nebenklage nicht betroffen. Er wird am kommenden Montag voraussichtlich mit dem Gutachten von Max Steller in Laufen fortgesetzt.