Rosenheim/Brannenburg – Viele bewegende HeimatLichter-Geschichten sind im Laufe der OVB-Weihnachtsspendenaktion 2025/26 erzählt worden – von Kindern und jungen Menschen mit Einschränkungen, wie unerschütterlich sie das Leben und den Alltag meistern, zusammen mit ihren Familien.
Die letzte HeimatLichter-Story gehört heute einer Immobilie mit bemerkenswerter Geschichte: dem Haus Marini in Brannenburg, das im Zentrum der OVB-Aktion steht, weil es zu einem gemeinnützig betriebenen Zuhause für Kinder und Jugendliche mit allen möglichen Handicaps geworden ist – für ein paar Stunden, für eine Nacht, mehrere Tage oder sogar Wochen.
Solche Oasen fallen nicht vom Himmel. Weit und breit gibt es keine vergleichbare Einrichtung – eine Tages- und Kurzzeitpflege mit Übernachtung für Kinder und Jugendliche mit Behinderung – „zweifelsohne ein wunderbarer Glücksfall“, bringt es Brannenburgs Bürgermeister Matthias Jokisch auf den Punkt.
Von der „Boazn“ zum
Gasthaus mit Kultstatus
Dass nun wieder Leben in den malerischen Gebäudekomplex gekommen ist, freut vor allem die Menschen im Inntal – ganz besonders Ludwig Fent (73) aus Flintsbach, der darin seine halbe Kindheit verbracht hat.
Denn seine Eltern – Rosa und Sepp Fent, ein gelernter Metzger – betrieben in dem Haus von 1961 bis 1976 den Mariniwirt und machten aus der eher zweitklassigen „Boazn“ rasch eine beliebte Kult-Gaststätte – mit bester bayerischer Küche, uriger Holzkegelbahn, schattigem Kastanien-Biergarten und sauberen Fremdenzimmern.
Gulaschsuppe um
2 Uhr früh serviert
Vor allem, wenn die frischen Mariniwirt-Schweinshaxen aus eigener Schlachtung auf den Tisch kamen, eilten Gäste aus dem ganzen Inntal herbei. „Aber auch so war die Hütte immer voll“, erinnert sich Ludwig Fent. 60 bis 80 Mittag- und Abendessen kredenzte seine Mutter täglich, und es war keine Seltenheit, dass sie den hungrigen Spätheimgehern am Stammtisch sogar noch um 2 Uhr früh eine heiße Gulaschsuppe servierte.
Die Kehrseite der Medaille: Nicht nur für die Wirtsleute, sondern auch deren drei Buben – Sepp, Toni und Ludwig – bedeutete der große Boom um den Marini-wirt in den 60ern und 70ern eine arbeits- und entbehrungsreiche Zeit – ohne Verschnaufpause, ohne Ruhetag. Da blieb fürs Familienleben keine Zeit, fürs Kindsein ebenso wenig.
Während sich andere Kinder im nahen Flintsbacher Naturschwimmbad vergnügten, mussten der zehnjährige Ludwig und seine Brüder kiloweise Kartoffeln schälen, Berge von Geschirr spülen, pausenlos den Ofen mit Kohle befeuern oder stundenlang als „Kegelbuam“ parat stehen.
Schlimme Tragödie war
der Anfang vom Ende
Kein Wunder, dass Ludwig Fent kein Gastronom wurde, sondern sein Geld als junger Kerl als Schriftsetzer bei den OVB-Heimatzeitungen und später als Model verdiente – unter anderem für viele Versandhauskataloge wie Quelle, Otto, Baur oder Firmen wie Kaufhof, Puma und Adidas.
Hinzu kam, dass die Familie im Juli 1969 eine schlimme Tragödie ereilte: Toni (18), der älteste der drei Fent-Brüder, der im Allgäu Koch lernte, um die Mama zu entlasten, starb bei einem Autounfall zwischen Brannenburg und Flintsbach – der Anfang vom Ende für den Mariniwirt.
Krebspatienten
aus aller Welt
Natürlich hat sich Fent das Haus Marini, das Anfang September 2025 eröffnete, schon angeschaut – und ist beeindruckt: Nicht nur vom Gebäude und der Anlage selbst, sondern auch „davon, wie die Betreiber und das Personal Kompetenz mit Empathie und Warmherzigkeit verbinden“, ist der leidenschaftliche Harley-Fahrer und Rockmusiker begeistert.
Eine sehr enge Verbindung zum Haus haben auch der Chirurg Dr. Axel Weber (71) und seine Ehefrau, die Anästhesistin, Dr. Petra Weber (69). Das Ehepaar betrieb dort von 2000 bis 2021 die private Krebsklinik Marinus am Stein.
Die alternativen und ganzheitlichen Therapiekonzepte von Chefarzt Weber – zuvor von 1990 bis 2000 chirurgisch-onkologischer Oberarzt an Professor Julius Hackethals Klinik in Riedering – führten zwei Jahrzehnte lang Leute aus der ganzen Welt ins Inntal. 90 Prozent der Krebspatienten kamen aus dem Ausland, die meisten aus den USA und Kanada – bis Corona 2020 den Klinikbetrieb jäh ausbremste und das plötzliche Aus herbeiführte.
Wie starb
Julius Hackethal?
Im Interview mit den OVB-Heimatzeitungen betont Axel Weber, dass die Darstellung, wonach der Chirurg und Ganzheitsmediziner Julius Hackethal 1997 in Bernau an den Lungenmetastasen seines unbehandelten Prostatakrebses gestorben sein soll, falsch sei. Tatsächlich habe Hackethal, Befürworter der aktiven Sterbehilfe und Autor vieler standeskritischer Bücher, einen tödlichen Schlaganfall erlitten. „Ich muss das ja wissen, schließlich habe ich eigenhändig den Totenschein ausgestellt“, so Weber.
Aber das sei Schnee von gestern. „Heute sind wir sehr glücklich, dass nun neues und vor allem junges Leben ins Haus gekommen ist“, betont das Ehepaar Weber, das in Nußdorf wohnt und das Klinikgelände 2022 an die Dachgesellschaft der Unternehmerfamilie Schatt, die Retis Holding der Walter- und Ursula-Schatt-Stiftung, verkauft hat.
Weltmarkt-Eroberer mit
Herz: Walter Schatt
Damit wurde ein neues Kapitel eingeschlagen. Ohne Walter Schatt würde der malerische Klinikkomplex womöglich heute noch leer stehen. Der Weltmarkt-Eroberer mit Herz, Gründer des Dekordruck-Unternehmens Schattdecor und der Walter- und Ursula-Schatt-Stiftung, hatte eine Vision: ein Kurzzeit-, Tages- und Ferien-Zuhause für Kinder und Jugendliche mit Behinderung schaffen.
Den Marinus-am-Stein-Komplex – das Haupthaus mit 900 Quadratmetern Wohnnutzfläche auf drei Ebenen, das Nebenhaus mit 120 Quadratmetern sowie die umliegenden Garten- und Grünflächen, insgesamt 7.000 Quadratmeter – in das Haus Marini zu verwandeln, war allerdings kein Kinderspiel. „Das ist für uns ein großer Kraftakt gewesen“, blickt Walter Schatt (84) zurück. Mit „uns“ meint er vor allem seine Töchter Sonja Schatt-Fritsch und Anja Schatt-Steiner sowie die Schwiegersöhne Wolfgang Fritsch und Fabian Steiner, die viel mehr Zeit und Mühe in das Projekt stecken mussten als zunächst gedacht. Hinter den Mauern des über 200 Jahre alten Gebäudes verbargen sich einige böse Überraschungen – und so entwickelte sich die Teilsanierung zur Generalsanierung, die viel Geld verschlang.
OVB-Leser setzen jetzt
das i-Tüpfelchen drauf
„Dabei ist der Umbau nicht bloß bezahlt worden. Im Zweifel haben wir uns immer für die bessere Lösung entschieden – und das hat sich gelohnt“, so Schatt. Seine Genugtuung und Freude über das Ergebnis sei groß: „Dass nun die OVB-Heimatzeitungen mit ihren Leserinnen und Lesern dieser weit und breit einzigartige Einrichtung den Start erleichtert, ist das i-Tüpfelchen obendrauf.“
Seit der Eröffnung im September 2025 ist die Schatt-Holding nur noch Vermieterin. Nun müssen Thomas Stingl und Tabitha Licht von der TnT-Pflege in Rosenheim, die sich die Familie Schatt schon während der Umbauphase als erfahrene Partner ins Boot geholt hatten, den Betrieb mit ihrem Team alleine stemmen.
Für das Haus in Brannenburg haben Stingl und Licht die gemeinnützige TnT als Betreibergesellschaft gegründet. Das bedeutet, dass kein Profit gemacht werden darf. Wenn etwas Geld übrig bleibt, fließt jeder Cent Gewinn ins Haus Marini zurück. Dazu verpflichtet die Gemeinnützigkeit.
Als „wunderbares Abschiedsgeschenk“ zum Ende seiner Amtszeit empfindet das Haus Marini und die OVB-Aktion Brannenburgs Bürgermeister Matthias Jokisch (65), seit 2014 Rathauschef und zuvor 17 Jahre Pfarrer in der Inntalgemeinde. Bei den Kommunalwahlen im März tritt er nicht mehr an. Auch ihm imponiert die „warmherzige, schöne Atmosphäre“ im Haus. „Und der Ort selbst und die Umgebung haben auch etwas Besonderes. Uns als Gemeinde und der gesamten Region hätte nix Besseres passieren können als das Haus Marini.“
Mit dieser Geschichte endet unsere Reportagenreihe zur OVB-Weihnachtsspendenaktion 2025/26 unter dem Dach der HeimatLichter. Die beiden Spendenkonten bleiben bis auf Weiteres bestehen. Es kann also weiterhin für die OVB-Aktion gespendet werden.
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