Rosenheim/Brannenburg – Haben sich da zwei gefunden? Julian (7 Jahre) hat ein feines Gespür – Luna (4 Monate) auch. Wenn die Fundkatze aus dem Wald eine beruhigende und heilsame Wirkung auf den autistischen Buben haben würde: Was wäre das für eine schöne Bescherung zu Weihnachten!
Was sich zu einer wunderbaren Beziehungsgeschichte entwickeln könnte, hat erst vor ein paar Tagen bei einer Busfahrt zum Ulmer Christkindlmarkt begonnen. Da hörte Carolin Czech, Julians Mutter, die traurige Geschichte von einer kleinen schwarzen Streunerkatze, die von Anwohnern gefüttert wurde, plötzlich verschwand und ein paar Tage später mit einer Beinverletzung wieder auftauchte. Vermutlich war sie in eine Falle getappt. So wurde die kleine „Wildkatze“ durch den Tierschutzbund tierärztlich versorgt.
Für Carolin Czech war sofort klar: „Dieser armen Katze geben wir ein Zuhause.“ So nahmen die Dinge ihren Lauf – und am Ende brachte die Mama nicht nur Weihnachtsgebäck vom Christkindlmarkt mit, sondern auch die kleine schwarze Katze – sehr zur Freude von Julian und seinen Geschwistern, Sebastian (13) und Katharina (10).
Der Name für das neue Familienmitglied war schnell gefunden: Luna – das bringt Julian, der sich beim Sprechen mit den S-, T- und Sch-Lauten schwertut, mühelos über die Lippen.
Lunas Wunde an der linken Hinterpfote wird in ein paar Wochen verheilt sein. So schnell geht das mit Julians Einschränkungen leider nicht. Im Laufe der OVB-Weihnachtsaktion sind schon einige HeimatLichter-Geschichten über Kinder erzählt worden, deren Leben ein seltener Gendefekt prägt und begleitet. Bei Julian ist das genauso: Er hat das MYT1L-Syndrom, eine neurologische Entwicklungsstörung, die mit Symptomen einer Autismus-Spektrum-Störung, intellektuellen Einschränkungen, Entwicklungsverzögerungen (Motorik, Sprache) und oft auch mit Adipositas verbunden ist.
Kaputte Brillen,
Vitrinen und Fernseher
Deshalb hat Julian zwei Seiten. Er ist ein feinfühliger, fröhlicher und aufmerksamer Bub. Das Flugzeug am Himmel, von unten nur als kleiner Punkt zu erkennen – er erkennt es vor allen anderen. Dass beim Heilpraktiker eine neue Blumenvase steht – er sieht es sofort. Er muss nur kurz an Schuhen oder Mänteln riechen – und schon weiß er, welcher Person sie gehören.
Aber Julian kann auch anders. Ärzte und Therapeuten würden es wohl als „Schwierigkeiten im sozial-emotionalen Bereich“ beschreiben. Wenn ihm etwas nicht passt, wenn er nicht kriegt, was er will, wenn das Stresslevel zu hoch ist – dann kann er richtig „ausflippen“: In solchen Jähzorn-Momenten ist nicht nur Zwicken, Beißen und Kratzen angesagt. Zertrümmertes Vitrinenglas, kaputter Fernseher, zerbrochene Brillen – auch das hat es alles schon gegeben.
Erst im September ist Julian eingeschult worden – ein großer Tag für ihn und die Familie. Doch an schlechten Tagen – es muss nur seine Lieblingslehrerin krank sein – ist an Unterricht mit ihm nicht zu denken. Dann kann es sein, dass bei Mama oder Papa schon eine Stunde nach Unterrichtsbeginn das Telefon klingelt – und sie müssen ihn abholen.
Deshalb hatten seine Eltern auch große Bedenken, als sie Julian im August 2025 erstmals ganztags zur Ferienbetreuung ins soeben eröffnete Haus Marini nach Brannenburg brachten. Seine Betreuerinnen dort kamen jedoch mit ihm verblüffend gut zurecht. Für eine Kurzzeitpflege mit Übernachtung ist es aber noch zu früh. Bei Kindern wie Julian ist es besonders wichtig, behutsam Vertrautheit zu schaffen, ihn langsam ans Haus, an die Umgebung und an die Leute zu gewöhnen. Aber vielleicht klappt es bald mit dem Kurzzeitwohnen in Brannenburg. Toll wäre es auch, wenn er dort echte Freunde finden würde – solche, wie sie seine Geschwister auch haben.
Genauso verheißungsvoll wie der Start im Haus Marini ist daheim in der Aisingerwies Julians erste Begegnung mit Luna verlaufen. Wenn Vorfreude und Aufregung zu groß sind, kann das bei ihm schnell ins Gegenteil umschlagen. Aber das war nicht der Fall: „Julian geht mit Luna deutlich vorsichtiger und behutsamer um als mit uns“, sagt Papa Thomas Czech mit einem Lächeln. „Sie hilft ihm beim Herunterfahren.“
Viele Tierliebhaber sind überzeugt, dass Katzen nicht nur beruhigen und trösten, sondern auch eine heilsame Wirkung auf Menschen haben. Nun deuten erste Studien in den USA sogar darauf hin, dass Hauskatzen speziell bei Kindern mit Autismus-Spektrum-Störungen (ASS) wie Julian eine große Stütze sein können.
Die Ergebnisse hätten gezeigt, so heißt es, dass die samtpfotigen Vierbeiner Buben und Mädchen mit ASS dabei helfen, Stress, Reizüberflutung, Hyperaktivität und Trennungsängste zu reduzieren, empathischer zu werden und das Sozialverhalten zu verbessern.
Und Luna? Kann die Katze Autismus spüren? Kann sie Julian entschlüsseln? Ihm Verhaltensmuster spiegeln und sie beeinflussen? Das wäre wunderbar. Dann werden die beiden sicher unzertrennliche Freunde. Bloß ins Haus Marini darf Julian seine Luna nicht mitnehmen. Aber das werden die beiden schon hinkriegen.
Zahlscheine für die OVB-Weihnachtsaktion liegen heute bei.