Rosenheim/Mühldorf – Selbst jene, die selten zum Einkaufen gehen oder nicht oft am Herd stehen, wissen in der Regel, was eine Packung Butter kostet. Das Milchprodukt ist ein Leitartikel. 250 Gramm kosteten noch im Sommer weit über zwei Euro, jetzt gibt es sie in vielen Discountern sogar für nur 99 Cent.
Ein Verfall, der die Verbraucher freut, aber seinen Preis hat: Dauerhaft werden die Milchbauern und mit ihnen auch die Verbraucher die Billig-Tour der Butter ausbaden müssen, ärgern sich Ulrich Niederschweiberer und Josef Andres, die Kreisobmänner der Landwirte in den Landkreisen Mühldorf und Rosenheim.
Mehr Milch
auf dem Markt
Rein marktwirtschaftlich betrachtet ist es nach ihren Angaben erklärbar, warum die Butter billiger geworden ist: „Es gibt viel mehr Milch am Markt“, berichten die Kreisobmänner. Die Blauzungenkrankheit bei Kühen hatte zu Mengenausfällen geführt. Die Produktion hat in den vergangenen Monaten, in denen sich die betroffenen Betriebe und ihr Vieh wieder erholt haben, jedoch wieder angeschoben, so Niederschweiberer. Auch weltweit ist die Liefermenge gestiegen, ergänzt Andres. „Polen schiebt an, die Franzosen, Holländer und Italiener auch.“
Die Konkurrenz ist also groß, wobei die Mühldorfer und Rosenheimer Kreisobmänner betonen: In zahlreichen Ländern seien die Standards beispielsweise in puncto Tierwohl viel geringer als in Deutschland. Unfaire Wettbewerbsbedingungen auf dem internationalen Markt, unter denen die bäuerliche Landwirtschaft besonders leide.
Sieben Prozent mehr Milch als im November des Jahres 2024 sei im vergangenen Monat auf dem Markt gewesen. Sofort sei an der Preisspirale gedreht worden. Grundsätzlich sei dies die Folge eines marktwirtschaftlichen Prinzips von Angebot und Nachfrage. Doch der Mühldorfer Vorsitzende des Kreisbauernverbandes findet: Die Preise seien unverhältnismäßig gesunken. 250 Gramm Butter von 2,60 Euro auf 99 Cent: „Das ist ein Verfall ohne Maß und Vernunft.“ Niederschweiberer ist überzeugt: Das sei eine „Verramschung“ unter dem Einstandspreis. Und das sei verboten. Ein Grund, warum der Bauernverband das Kartellamt eingeschaltet hat.
Butter für Einzelhandel
ein „Lock-Produkt“
Noch haben die Milchbauern den Preisverfall nicht ausbaden müssen, denn sie haben in der Regel längerfristige Verträge für die Rohstoffe.
Erzeugerorganisationen verhandeln für die Bauern mit den Molkereien, die wiederum Druck vom Einzelhandel bekommen. Der lockt mit der billigen Butter die Kunden in Supermarkt und Discountern. Der Leitartikel ist laut Andres in der Regel ganz hinten in den Kühlregalen „versteckt“. Auf dem Weg zur Butter werde dann viel mitgenommen, erst recht jetzt in der einkaufsstarken Vorweihnachtszeit, wenn die Kühlschränke besonders gut gefüllt werden.
Andres findet jedoch ebenso wie Niederschweiberer: So krass hätte der Preis nicht fallen müssen. Denn selbst in der Hochpreisphase habe der Absatz nicht so stark gelitten wie erwartet. „Butter ist Geschmack“, sagt Andres, Milchbauer aus Pfaffing. Ersatzprodukte wie Margarine seien nicht so beliebt.
Wenn auch der laufende Betrieb eines Hofes den aktuellen Preisverfall, der erst später hier ankommen wird, verkraften kann, befürchten die Landwirte die Nachwirkungen bei den nächsten Vertragsverhandlungen.
Niederschweiberer spricht von großer Verunsicherung und weiten Spreizungen beim Preis. Ein „verheerendes Signal“ für all jene, bei denen die Betriebsübergabe an die nächste Generation anstehe oder eine größere Investition geplant sei, warnen Niederschweiberer und Andres. Denn der Milchpreis falle, die Baupreise etwa für den neuen Stall würden stattdessen davongaloppieren. Mancher Bauer höre deshalb lieber auf, als über eine Million in einen neuen Laufstall zu stecken und über viele Jahre zu finanzieren.
Werden die Landwirte, die sich schon oft als wehrhaft erwiesen haben, nach Weihnachten ihre Bulldogs wieder Richtung Berlin steuern, um auf das Dilemma aufmerksam zu machen? Noch sind keine Demonstrationen und Protestaktionen, auch vor Supermärkten, geplant, heißt es. Der Bauernverband hoffe auf erfolgreiche Gespräche auf Spitzenebene mit Einzelhandel und Molkereien.
Auch die Verbraucher
in der Pflicht
„Die Milch als Rohstoff und die Butter als Milchprodukt dürfen nicht zum Schleuderpreis verramscht werden“, sagt Niederschweiberer. Er findet, die aktuelle Preisentwicklung zerstöre die Wertschätzung, die dem Lebensmittel entgegengebracht werden müsse. Er fordert die Rückkehr vor allem der Discounter zu einem normalen Umgang mit dem Rohstoff, damit das Höfesterben nicht weitergehe.
Andres verweist auf die Notwendigkeit in der Region Rosenheim-Mühldorf, die Reißleine zu ziehen, wolle man nicht eine Branche gefährden, die eine wichtige Rolle bei der Lebensmittelversorgung übernehme und an der aufgrund der vielen Molkereien auch viele Arbeitsplätze hängen. Der Landwirt sei das letzte Glied in der Kette, Molkereien und vor allem der Einzelhandel müssten sich ihrer Verantwortung wieder bewusst werden. Doch er sieht auch den Verbraucher in der Pflicht: Wer eine hohe Qualität bei Milchprodukten wie Butter wünsche, solle nicht nur auf den Preis schielen. Sonst bestehe die Gefahr, dass der Bauer die Stalltür für immer schließe.