Eiskapelle eingestürzt, Blaueisgletscher bald auch weg?

von Redaktion

Einmaliges Naturdenkmal, das schon Alexander von Humboldt vor 200 Jahren besuchte, verschwunden

Ramsau/München – Das Blaueis schmilzt. Schneller als gedacht. Wie lange gibt es noch den nördlichsten Gletscher der Alpen oberhalb des Bergsteigerdorfs Ramsau? Gletscherforscher, Alpenverein und die Nationalparkleitung zeigen sich erschrocken über den Schwund des einzigartigen Geotops.

Das Foto zeigt das ganze Drama: Wo vor 80 Jahren der stolze Gletscher noch Hunderte von Metern ins Tal reicht, muss man heute das Blaueis mit der Lupe suchen. Ein Ranger macht die Aufnahme im September. Die Nationalparkverwaltung schlägt Alarm: Nur ein kleiner Rest ist nach dem Sommer an der Blaueisscharte noch übrig. Die unteren Eismassen sind praktisch weg. Früher schimmerte hier blaues Eis, heute dominiert das graue Geröll. 

Kurz zuvor war die Eiskapelle eingestürzt. Im 19. Jahrhundert galt sie noch als eigenständiger kleiner Gletscher. In ihren letzten Jahren immerhin noch ein faszinierendes Schneefeld auf 900 Metern Höhe. Es wurde durch die Lawinen am Watzmann gespeist und hielt das ganze Jahr über. Vor dem Betreten des Hohlraums wurde aber schon lange gewarnt. Es gab sogar Tote durch herabstürzendes Eis. Jetzt ist dieses einmalige Naturdenkmal, das der berühmte Forscher Alexander von Humboldt bereits vor über 200 Jahren besuchte, verschwunden. „Es ist bedrückend und schockierend, dass die Eiskapelle nun einfach weg ist“, sagt Nationalparkleiter Dr Roland Baier.  Ein ähnliches Schicksal droht nun auch dem Blaueisgletscher. Professor Wilfried Hagg von der Uni München erforscht seit über 20 Jahren die bayerischen Gletscher. Der Geograph ließ erst im September über dem Blaueis eine Drohne fliegen. Die Aufnahmen sind noch nicht ganz ausgewertet. Doch der Glaziologe stellt jetzt schon im Gespräch mit dem OVB-Reporter fest: „Der untere Toteisbereich ist verloren. Die oberen aktiven Teile sind deutlich kleiner als noch vor zwei Jahren.“ Der Rückgang beschleunigt sich. Noch vor 100 Jahren misst der Blaueisgletscher über 20 Hektar, so groß wie 50 Fußballfelder. Heute ist wegen des Klimawandels davon nur noch ein Zehntel übrig.   Die Auswirkungen bekommt die Blaueishütte direkt zu spüren. Die auf 1650 m Höhe direkt unterhalb des Gletschers gelegene Schutzhütte mit 80 Schlafplätzen wird von der Sektion Berchtesgaden im Deutschen Alpenverein betrieben. Der Vorstand Daniel Hrassky beobachtet, wie das Wasser schon seit Jahren knapper wird. Kein Wunder: Denn eine der drei Quellen ist das Blaueis-Schmelzwasser. „Es hängt stark von den Regen-und Schneefällen ab, wieviel zur Verfügung steht.“ Auf Dauer keine Lösung. Daher will der Alpenverein eine Trinkwasserleitung von der Gemeinde Ramsau nach oben legen. Die Chancen stehen gut, weil am Forstweg schon eine Abwasserleitung liegt. Das Genehmigungsverfahren läuft. 

Von Anfang Mai bis Mitte Oktober geht die Saison. Die Blaueishütte ist beliebt, weil dort 30 Klettertouren in allen Schwierigkeitsgraden von drei bis neun möglich sind. Das Gebiet wird auch zur Ausbildung von Bergführern genutzt. Eisausbildung mit Steigeisen, Pickel und Eisschrauben findet dort nicht statt. Im Grundlehrgang Alpin wird lediglich das Gehen im Firn geübt. „Gefährlicher als sonst wird es nicht“, sagt Daniel Hrassky.

Im Gegensatz zu höheren Gletschergebieten wie in der Schweiz seien hier eher keine massiven Felsstürze zu erwarten. Doch man muss die Touren zum Beispiel auf den Hohen Kalter (2607 m), westlich vom Watzmann umplanen. Immer abhängig von der Schneelage. Die Hütte ist von Ramsau in rund drei Stunden leicht zu erreichen, aber dann wird es hochalpin. Der Alpenverein geht davon aus, dass der Ausbildungsstützpunkt noch lange erhalten bleibt.   Nach dem Zusammenbruch der Eiskapelle warnt die Nationalparkverwaltung alle Bergsteiger und Wanderer. Im gesamten Bereich der Überreste herrsche akute Steinschlaggefahr.

Davon sind auch die Zustiege in die Watzmann Ostwand betroffen. Wissenschaftlicher Wilfried Hagg wird in Zukunft noch öfter die Gegend besuchen. Ursprünglich war das Verschwinden des Gletschers für 2030 vorhergesagt. Jetzt könnte es noch schneller gehen und der Blaueisgletscher Geschichte sein.  Tom Fleckenstein

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