Rosenheim – Die Aufregung hat sich gelegt. Rund um den Samerberg ist wieder Ruhe eingekehrt. Die Fernsehteams sind verschwunden, die Spaziergänger wandern dort wieder ungestört und die Hobby-Fotografen suchen woanders nach ihren Motiven.
Ende November sah das noch anders aus. Da will eine Mountainbike-Trainerin eine unheimliche Begegnung gehabt haben: Mitten in der Samerberger Filzen habe sie einen Bären gesehen. Da war sich die Frau sicher. Auf den Hinterbeinen habe er im Wald gestanden, nicht weit von Törwang entfernt.
Bär vom Samerberg
bleibt ein Rätsel
Ein Foto machte die Frau nicht. Auch, weil sie nur die Flucht vor dem Raubtier im Kopf gehabt habe. Der Bürgermeister und die Jäger am Samerberg nahmen die Sache ernst. „Als reine Vorsichtsmaßnahme“, wie es damals hieß. Spuren wie Haare, Tatzenabdrücke, Kot oder Reste von des Bären Mahlzeit fanden die Männer nicht – obwohl sie sich mehrere Nächte bei Eiseskälte auf die Lauer legten. Zu Gesicht bekam den Bären seitdem niemand mehr.
An Indizien für dessen Anwesenheit rund um Grainbach und Töwang schien es dennoch nicht zu mangeln. Während die einen gehört haben wollen, dass im Hochriesgebiet Anfang November eine angefressene Gams gefunden wurde, machte auch ein kurzes Handy-Video die Runde. Aufgenommen im Bereich des Karkopfs und des Feichtecks.
Darauf zu sehen ist, wie ein Tier mit dunklem Fell – in einiger Entfernung – gemächlichen Schrittes im Wald verschwindet. Die Wanderer waren sich sicher: Das war der Bär. Allerdings – zweifelsfrei zu identifizieren ist das Raubtier nicht.
Auch nicht von den Experten beim Bayerischen Landesamt für Umwelt (LfU). Denen wurde die mögliche Sichtung am Samerberg gemeldet.
„Eine Prüfung des Standortes und der Umgebung auf Bärenhinweise wurde daraufhin durch das LfU in die Wege geleitet“, sagt eine LfU-Sprecherin auf OVB-Anfrage. Scheinbar blieb auch die ergebnislos, zumindest teilt die Sprecherin des Ministeriums nichts Gegenteiliges mit. Weitere Meldungen gab es genauso wenig. Der letzte Nachweis eines Braunbären in Bayern ist inzwischen über zwei Jahre alt.
Gerüchte gab es umso mehr. Im August kursierte die Meldung, dass ein Bär im Chiemgau herumläuft. In der Nähe der Winkelmoos-Alm in Reit im Winkl soll er gewesen sein, auch ein verdächtiges Büschel Haare wurde nicht weit davon an einem Baum gefunden. Die reichten aber nicht aus, um sie dem Raubtier zuzuordnen, teilte das LfU damals mit. Fotos oder andere Spuren – ebenfalls Fehlanzeige.
Die gab es auch nicht, als eine Gruppe aus Wasserburg Anfang Juli am späten Abend auf der Straße zwischen Prutting und Söchtenau – in der Nähe des Rinssee – einen Bären gesehen haben wollte.
Der einzige „Beweis“: Die paar Sekunden Sichtkontakt am Straßenrand. Während sich die drei Wasserburger absolut sicher waren, widersprachen ihnen Behörden und Jäger. Aufgeklärt werden konnte der Fall genauso wenig wie alle anderen angeblichen Bären-Sichtungen in diesem Jahr.
Was hingegen schon gelöst werden konnte: Das Rätsel um ein anderes Raubtier, das durch die Region streifte. Allerdings – auf traurige Weise.
Ende April wurde bei Waging am See im Landkreis Traunstein ein junger Wolf überfahren. Das Tier starb nach dem Zusammenprall mit einem Mietauto am Unfallort. Dass es sich tatsächlich um einen Wolf handelte, sei augenscheinlich schnell klar gewesen, sagte die Polizei damals.
Die Bestätigung folgt jetzt: Der Wolf war unter dem „Namen“ „GW4728m“ bekannt, wie die Sprecherin des LfU
auf OVB-Anfrage mitteilt. Wirklich viel bekannt scheint über das Tier aber nicht zu sein. In der Liste des Umweltamtes – reicht teilweise knapp 20 Jahre zurück – ist es der einzige Nachweis dieses Wolfes. Vermutlich war das Tier nur auf der Durchreise. Im Gegensatz zu einem Artgenossen von ihm.
Im Chiemgau
„standorttreu“
Bereits im vergangenen Jahr hinterließ im Chiemgau und im Landkreis Rosenheim ein anderer Wolf seine Spuren. Das Tier – mit der Kennung „GW4028m“ – streifte immer wieder im bayerisch-österreichischen Grenzgebiet umher. Mal in der Nähe von Kitzbühel, dann bei Kufstein und später wieder in der Region Rosenheim. Da es ihm dort zu gefallen schien, ordneten ihn die Behörden im Chiemgau als „standorttreu“ ein.
Zuletzt sei der heimisch gewordene Wolf in dem Gebiet Anfang Februar in Erscheinung getreten – anhand eines gerissenen Wildtieres, bestätigt die LfU-Sprecherin. Danach verliert sich seine Spur.
Bis auf 15 unbestätigte Hinweise auf Wölfe sei es in der Region Rosenheim/Traunstein still um die Raubtiere geworden. Bei sieben Fällen davon steht fest, dass es sich um keinen Wolf gehandelt hat, die anderen Fälle konnten nicht gesichert geklärt werden, sagt die Sprecherin des Amtes.
Womöglich hat es den Wolf aus der Region das restliche Jahr über nach Österreich verschlagen. Dort gab es im Juli und im Oktober mehrere Risse rund um den Wilden Kaiser – einmal bei Westendorf, in Kirchdorf oder auch in Fieberbrunn.
Alle Orte liegen nur rund 50 bis 100 Kilometer vom Chiemgau entfernt. Allerdings: Nachweisen konnte das Land Tirol den Wolf „GW4028m“ nicht. „Bei diesen Rissereignissen konnte das Labor keinen Genotyp ermitteln, da laut Angaben des Labors für die Analyse des Genotyps die DNA-Qualität der Probe nicht ausgereicht hat“, sagt eine Sprecherin des Landes Tirol.
So könne nicht beurteilt werden, ob es sich um dasselbe Tier handelt – auszuschließen ist es damit aber auch nicht.