Rosenheim/Mühldorf – Unterstützung ja, Mitleid nein: Birgit Fritsch (60) aus Rosenheim beschwert sich nicht. „Das Leben mit Carolin, meiner Tochter, ist schön“, sagt die alleinerziehende zweifache Mutter, die seit exakt 6.669 Tagen und Nächten schier übermenschliche Kräfte aufbringen muss, um den Alltag mit Carolin (18) zu meistern.
Wer erfassen und begreifen möchte, was pflegende Mütter und Väter von Kindern und Jugendlichen mit Behinderungen leisten, der bekommt eher eine Vorstellung davon, wenn er die Jahre in Tage und Nächte zerlegt. Bei Carolin sind es 6.669: So viele Tage sind zwischen Carolins Geburt am 28. September 2007 und Silvester 2025 verstrichen.
Was sind das für 6.669 Tage und Nächte gewesen? Im besten Fall waren die Tage lang und die Nächte kurz. Durchschlafen? Daran ist mit Carolin bis heute nicht zu denken. Und im schlechtesten Fall ging es um Leben und Tod.
Carolins Glücksgefühle beim Spiele-Klassiker
Umso dankbarer sind Mutter und Tochter, dass es jetzt das Haus Marini in Brannenburg gibt – eine Tages-, Kurzzeit- und Ferienpflege für junge Menschen mit Einschränkungen. Erst vor wenigen Monaten ist das Haus eröffnet worden. Carolin hat dort schon mehrere Nächte verbracht – und die Mama währenddessen in Rosenheim Kraft getankt. „Einfach fabelhaft, einfach gigantisch“, schwärmt Birgit Fritsch, die ihre Tochter dort „in besten Händen“ weiß. Tochter Carolin wird gern wiederkommen.
Damit die gemeinnützig betriebene Einrichtung, die für viele Mütter, Väter und Kinder ein Segen ist, 2026 so richtig durchstarten kann, fließt ein Großteil der Gelder aus der OVB- Weihnachtsspendenaktion unter dem Dach der HeimatLichter in die bestmögliche Ausstattung des Hauses. Es soll eine Oase entstehen, in der sich alle Buben und Mädchen wohl und wie zu Hause fühlen. In guten Momenten an guten Tagen – da strotzt Carolin nur so vor Lebensfreude, Frohsinn und Glück. Beim Planschen im Wasser zum Beispiel, beim Fahrradfahren, vorm festlich geschmückten Christbaum – oder wenn sie bei Spiele-Klassikern wie Mensch-ärgere-dich-nicht ihren älteren Bruder Lucas (20) und die Mama kurz vorm Ziel aus der Bahn schmeißt und ins Haus zurückwirft. Weil bei Carolins Geburt 2007 aber nicht alles so glatt lief wie beim Bruder 2005, gibt es in ihrem Leben neben Höhen auch Tiefen. Es war ein Hoffen und Bangen vom ersten Augenblick an. Mit gerade einmal 936 Gramm kam sie als Frühchen zur Welt, nach wenigen Wochen folgte die erste Herz-OP im Klinikum Großhadern.
Kontrollgerät als
ständiger Begleiter
Daheim in der Rosenheimer Wohnung waren die besorgten Blicke ein Jahr lang nicht nur aufs Kind gerichtet, sondern auch aufs Überwachungsgerät, das die Sauerstoffzufuhr Carolins kontrollierte – und oftmals Fehlalarm auslöste. Mit elf Monaten dann der erste epileptische Anfall. Das eigene Kind, noch ein Baby, beatmen und per Herzdruckmassage am Leben halten zu müssen – wie sich das anfühlt, wird Birgit Fritsch nie mehr vergessen.
Dann die Kleinkindjahre, so manche kognitive und motorische Entwicklungsverzögerung verfestigte sich zur Entwicklungsstörung, weitere Operationen folgten – etwa wegen einer Skoliose. Aber es sind nicht nur die Stangen und Schrauben im Rücken, die Carolin zu schaffen machen: Hinzu kamen eine erst spät festgestellte Autismus-Spektrum-Störung und zuletzt sogar Wahnvorstellungen.
Fremde Stimmen und
fassungslose Brillengläser
Manchmal hört Carolin Stimmen, dann schlägt sie sich an den Kopf oder beißt zu – oder drückt die Brillengläser aus der Fassung und spült sie die Toilette hinunter. Entsprechend häufig sind Besuche bei der Optikerin, die alle Register der Brillenkunst zieht – bislang jedoch ohne Erfolg: Carolin ist nicht nur 18, sie hat auch entsprechend Kraft – und macht auch die robustesten Spezialgläser im Handumdrehen fassungslos.
Wenn Kinder mit Einschränkungen Erwachsene werden, ist das schön, erfüllt die Eltern aber auch mit Sorge: „Meine Kräfte und meine Belastbarkeit nehmen ab, ich stoße immer mehr an meine Grenzen“, sagt die Mutter. „Und irgendwann wird Carolin ganz ohne mich auskommen müssen.“ So weit ist es zwar noch lange nicht, doch so oder so steht Carolin 2026 vor einer Zäsur im Leben. Noch besucht die Rosenheimerin die dreijährige Berufsschulstufe der Franziskusschule im Förderzentrum Aschau, danach beginnt das Berufsleben – vermutlich in den Wendelstein-Werkstätten. Zuvor steht noch der eine oder andere Ferienaufenthalt Carolins im Haus Marini an, vermutlich schon in den Faschingsferien. Auf den Kosten für den Aufenthalt bleibt übrigens nicht die Mutter sitzen. Das könnte sie sich – seit zwölf Jahren alleinerziehend und Teilzeitbürokraft – auch gar nicht leisten. Hier springen in der Regel Pflegeversicherung (Stichwort Verhinderungspflege) oder der Bezirk (Teilhabeleistung) ein.
Aber schafft es die Mama überhaupt, den weit über 6.000 schlaflosen Nächten ein paar Durchschlaf-Erlebnisse entgegenzusetzen? Ja, aber nicht auf Anhieb. „Man hat ja einen Sensor drin“, verrät Birgit Fritsch.
Wer beim Durchschlafen und Loslassen so aus der Übung ist wie sie, der muss sich das erst wieder „antrainieren“. Deshalb sei sie im Sommer und Herbst 2025 – bei Carolins Premieren-Übernachtungen im Haus Marini – auch mehrmals kurz wach geworden. „Sich dann aber einfach nur zur anderen Seite drehen und weiterschlafen zu dürfen – das ist ein wunderbarer Moment.“ Das muss sich ganz anders angefühlt haben als die 6.600 Nachtwachen zuvor. Geradezu märchenhaft schön – fast wie in Tausendundeiner Nacht.
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