Gefahrgut-Waggon entgleist: Raubling entgeht knapp einer Katastrophe

von Redaktion

Ausnahmezustand am Silvestertag im Bahnbereich von Raubling – Sachschaden an der Strecke in Millionenhöhe

Raubling/Rosenheim – Der Schaden: in Millionenhöhe, die Auswirkungen auf den Zugverkehr: gravierend. Ein Bahnunfall am Silvesternachmittag auf der Zugstrecke zwischen Rosenheim und Kufstein hat dramatische Ausmaße. Und trotzdem: Es war Glück im Unglück, denn der entgleiste Waggon hatte Gefahrgut geladen. Ausgetreten ist es nicht, wie die Einsatzkräfte, darunter mehrere Streifen der Bundespolizei Rosenheim sowie die Feuerwehren Raubling und Kiefersfelden, nach stundenlanger Kontrolle der Strecke erleichtert feststellten. Der Lokführer hatte den Güterzug auf Höhe Raubling zum Stehen gebracht.

Entzündbares Gas, das in
Deutschland verboten ist

Wäre der Kesselwagen des Güterzuges, der etwa drei bis vier Kilometer mitgezogen wurde, beschädigt worden, hätte der transportierte Stoff austreten können. Auf Nachfrage teilte der Pressesprecher der Bundespolizeiinspektion, Dr. Rainer Scharf, am Donnerstag mit, worum es sich gehandelt haben soll: um Ethylenoxid, ein entzündbares Gas. Es wird für die Herstellung von Desinfektionsmitteln verwendet.

Laut Institut für Arbeitssicherheit der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung kann es aufgrund seiner chemischen Instabilität in Gegenwart einer Zündquelle auch ohne Luftsauerstoff explosionsartig reagieren. In der Technischen Regel für Gefahrstoffe werde es als Begasungsmittel aufgeführt. Entsprechend einer Veröffentlichung der Europäischen Agentur für Sicherheit und Gesundheitsschutz am Arbeitsplatz von 2018 werde Ethylenoxid insbesondere beim Transport von Gesundheitsprodukten und wärmeempfindlichen Materialien eingesetzt. In Deutschland ist Ethylenoxid nach Pflanzenschutz-Anwendungsverordnung verboten. Im Zuge des internationalen Handels lasse es sich aber auch in Frachtcontainern in Deutschland finden.

Die Hauptaufnahmewege für Ethylenoxid verlaufe über den Atemtrakt und über die Haut. Es wirke sich auf das Zentralnervensystem aus und könne Kopfschmerzen, Schwindel, anhaltendes periodisches Erbrechen, starke Erregung und Bewusstlosigkeit hervorrufen. Zusätzlich könnten Atembeschwerden, Herzrhythmusstörungen und eine vermehrte Ausscheidung von Gallenfarbstoffen auftreten, so das Institut auf seiner Homepage.

Pkw durch herumfliegende
Schottersteine getroffen

Fest steht also, dass die Region Raubling-Pfraundorf, in der die Unglücksstelle liegt, knapp einer Katastrophe entkommen ist. „Es ist glimpflich ausgegangen. Wäre der Waggon umgekippt oder beschädigt worden, hätte das gravierende Folgen auslösen können“, sagt ein sichtlich erleichterter Scharf.

Die Wohnhäuser liegen im Bereich Pfraundorf in der Tat zum Teil nicht weit von der Gleisstrecke entfernt. Beschädigt wurden hier abgestellte Pkw, getroffen durch Schottersteine, die der entgleiste Waggon aufgewirbelt habe, so die Bundespolizei. Nach dem Kenntnisstand vom gestrigen Donnerstag habe es zwar Schäden an Autos gegeben, es seien aber keine Personen verletzt worden. Auch hier also Glück im Unglück.

Erleichtert zeigte sich gestern auch Raublings Bürgermeister Olaf Kalsperger: Er war zur Zeit des Vorfalls nicht vor Ort, hat sich jedoch umfangreich über das Einsatzgeschehen informieren lassen. „Ich bin so froh, dass nichts Schlimmeres passiert ist“, sagt er. Kalsperger würdigt auch die gute Zusammenarbeit aller Einsatzkräfte. Im „engen Schulterschluss“ zwischen Bahn, Polizei und Feuerwehren sowie weiteren Rettungs- und Fachkräften sei es gelungen, die schwierige Situation sehr gut zu meistern.

Geklappt hat es schließlich auch mit der Bergung des Waggons, der noch in der Silvesternacht vom restlichen Zug getrennt und von einem Spezialkran aus dem Gegengleis gehoben wurde, ohne dass es zu Beschädigungen am Zug oder an diesen Gleisen kam. Deshalb kann die Zugstrecke einseitig wieder befahren werden: auf dem Gleis Richtung Rosenheim.

Störungen
im Bahnverkehr

Die Schienen und Schwellen auf der Strecke Richtung Kufstein, auf der sich der Unfall ereignete, wurden jedoch stark beschädigt. Die Gleise müssen nach ersten Erkenntnissen in einigen Abschnitten komplett ausgetauscht werden. Die Folgen: erhebliche Störungen des Bahnverkehrs in diesem Bereich, die sich wohl aufgrund aufwendiger Reparaturen noch länger hinziehen werden. Ein Schienenersatzverkehr ist eingerichtet. Die Ermittlungen zur Unfallursache laufen, können sich jedoch hinziehen, teilt die Bundespolizeiinspektion Rosenheim mit. Heike Duczek

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