Derblecken im schönsten Oberbairisch

von Redaktion

26 Jahre lang las er den Rosenheimer Großkopferten die Leviten. Nun hört Starkbier-Derblecker Peter Kirmair auf. Ein Rückblick auf eine Ära voller spitzer Zungen, spektakulärer Bühnenbilder und unvergesslicher Auftritte beim Auerbräu.

Rosenheim – „Ja, geht’s no?“ – wenn Peter Kirmair eine seiner zahlreichen Spitzen gegen regionale Großkopferte abschloss, dann hat es meistens gezündet, und es gab Applaus der versammelten „Freibier-Lätschn“, wenn es wieder einen erwischt hatte. Die mimische Reaktion des jeweiligen „Opfers“ verdeutlichte dann mehr oder weniger dessen humoristische Nehmerqualitäten.

Die Betroffenen konnten sich mit einem Schluck Salvator zum Ertragen weiterer Derbleckereien von der Bühne stärken. So wirklich „diaf einidaucht“ ist Kirmair in den 26 Jahren eigentlich in keinen Zeitgenossen, aber nachsagen lassen mussten sich die Anwesenden so einiges – und konnten es, wenn sie terminlich verhindert waren, gedruckt nachlesen oder seit der gewachsenen lokalen Medienvielfalt auch anhören und anschauen.

Vom Nockherberg-Import
zum lokalen Duo

Angefangen hat das Ritual des satirisch gewürzten Starkbieranstichs beim Rosenheimer Auerbräu allerdings schon vor der Kirmair-Ära. Der damals frisch eingesetzte Auerbräu-Geschäftsführer Wilhelm Hermann verpflichtete vom Nockherberg-Starkbieranstich der assoziierten Münchner Paulaner-Brauerei sowohl den Journalisten Hannes Burger, Autor der Fastenpredigten des „Bruder Barnabas“, als auch dessen damaligen Darsteller, den Kufsteiner Schauspieler Max Grießer.

Nachdem dieser 1996 die Rolle letztmalig spielte, engagierte Hermann für den Starkbieranstich 1997 das Rosenheimer Kabarett-Duo „Peter & Paul“, den Druckerei-Mitbesitzer Peter Kirmair und den Rechtsanwalt Peter Paul Hartmann. Beide wirkten zuvor schon lange als Schauspieler bei der „Volksbühne St. Nikolaus“. Der Brauereichef schätzte deren wöchentliche Sendung im Lokalsender Radio Charivari, wo sie sich über den alltäglichen Wahnsinn ausließen. Nach dem baldigen Ausstieg Hartmanns übernahm Kirmair allein die Rolle als Starkbier-Derblecker. Viermal musste sein Auftritt ausfallen, was nicht nur den Hermann nachgefolgten Auerbräu-Chef Ferdinand Steinacher schmerzte: 2003 kein Starkbierfest wegen des Irak-Kriegs, 2009 wegen des Amoklaufs in Winnenden, und dann war drei Tage nach dem Starkbier-Auftakt 2020 für zwei Jahre Corona-Pause. Im März 2023 ging es dann weiter mit dem Derblecker als „Projektleiter“ im „Windpark Rosenheim“.

„Eigentlich hob i immer nach unserer Wiesn ogfangt,“ erklärte Kirmair den Werdegang seines Starkbierauftritts.

Das Jahr über sammelte er Informationen, war „gut vernetzt“, wertete die lokalen Medien aus und saugte natürlich besonders gerne Stoff aus den OVB-Heimatzeitungen.

Kurz nach dem Herbstfest legte er den Titel für den Auftritt fest, daraus erwuchs dann die Idee für die Bühnengestaltung.

Immer wieder hat er seine Bühnen-Mitstreiter zu spektakulären Szenarien animiert – so ließ er als „Zirkusdirektor“ sogar von ihnen 2016 zwei Kamele in die Inntalhalle führen – „zu denen, die vor mir saßen“, so Kirmair in einem RFO-Interview. Oder er knatterte im Jahr 2024 als „Bademeister“ der „Schwimmschui“ zum 25. Jubiläum im Rasentraktor zur Bühne.

Im Gegensatz zum Münchner Fastenpredigt-Hochbairisch befleißigte sich Kirmair des regionalen Idioms, um es mal so hochtrabend zu formulieren. Laut einigen Sprachforschern werde in Rosenheim das schönste Oberbairisch gesprochen, und so schrieb Kirmair seine Reden immer so, wie ihm der Schnabel gewachsen war – nach eigenen Bekenntnissen gerne in seiner Schechener Badewanne.

Seine politischen Rundumschläge konzentrierte er auf die Region, streifte nur sporadisch die Landes-, Bundes- und Weltpolitik: „Des muaß i nur a bisserl oschneidn, um de Leit midzunehma, aba des soi der Maxi Schafroth z‘Minga macha, dazu hob i den Oarsch zu weit druntn“, umschrieb er seine Themenauswahl.

War es das Bühnenbild mit dem vor Jahren prächtig restaurierten Ballhaus-Festsaal, vor dem Kirmair als Show-Moderator im mit Pailletten besetzten Sakko seine Casting-Show „Let’s danzn“ abhielt – der Rosenheimer Starkbier-Star schlüpfte auf seinen fantasievoll gestalteten Bühnen auch optisch in die entsprechenden Rollen.

So war er Regisseur und Produzent der „Traumfabrik Chiemsee-Alpenland“, 2014 „Vorsitzender des Festkomitees“ anlässlich der 150-Jahr-Feier der Stadterhebung Rosenheims, Moderator des „Teatro Auerbräuissimo“, Showmaster bei „Wettma, ha“, Fahrplangestalter bei „Abfahrt Rosenheim“, im Blechgewand bei „Die Ritter kemman zrugg“, Sheriff bei „High Noon oder Rauchende Colts“ vor der Wahl 2008 oder als Fernsehkoch bei „Schmalhans‘ Küchenstudio“ – um nur an einige seiner Aufführungen zu erinnern.

Wer wird der
Nächste sein?

Das dankbare Publikum belohnte des Öfteren seine Auftritte am Schluss mit stehenden Ovationen, auch wenn Kirmairs Suaden hin und wieder ins Längliche spielten. Das brachte aber niemanden davon ab, im nächsten Jahr wieder erwartungsfroh dem „Lockruf der Natur“ zu folgen.

Alle „Freibier-Lätschn“ sind natürlich gespannt, wer ihnen 2026 die Leviten lesen wird, vielleicht mit hintergründiger Unterfütterung des bisherigen Matadors. Kirmair wird dann ganz entspannt unten vor der Bühne seine Mass genießen – und möglicherweise selbst sogar mal Zielscheibe sein.

Artikel 10 von 11