Nach der Titanic faszinieren die Römer

von Redaktion

Interview Dr. Jennifer Morscheiser über die kommende Schau im Lokschuppen

Rosenheim – In ihrer finalen Woche feiert die Titanic-Ausstellung im Lokschuppen den 200.000. Besucher. Seit Längerem laufen die Vorbereitungen auf die nächste Ausstellung: 2026 werden sich die Menschen in Rosenheim über Rom informieren können.

Was an der antiken Weltmacht so fasziniert, wie wir uns in ihr wiedererkennen können und warum womöglich auch die alten Römer Ketchup kannten, verriet Lokschuppen-Macherin Jennifer Morscheiser dem OVB im Exklusivgespräch.

Wir sind hier gerade an Kassen vorbeigegangen, vor denen sich die Leute drängeln. Wir können sagen, die Menschen entern das sinkende Schiff. Wie viele Besucher haben die Titanic-Ausstellung bislang besucht?

Bis zum 6. Januar haben wir noch geöffnet. Und die Marke von 200.000 konnte geknackt werden. Das finden wir klasse.

Worauf führen Sie den Erfolg zurück? Was fasziniert die Menschen an der Titanic so unglaublich?

Ich glaube, es ist eine Mischung aus einem gewissen Voyeurismus und dem Gruselfaktor, dass so viele Leute bei dem Untergang gestorben sind. Und da ist die Faszination durch den Mythos, der um die Titanic entstanden ist, weil die Leute sagen, es war das reichste, das schönste, das tollste Schiff. Und ausgerechnet das geht bei der Jungfernfahrt unter. Das fasziniert die Leute einfach – dieses Scheitern des absoluten Luxus.

Ein faszinierender Mythos steht im Mittelpunkt auch der nächsten Ausstellung. Da geht‘s um Rom. Was fasziniert Sie daran?

Ich habe provinzialrömische Archäologie studiert. Ich spürte schon ganz früh die Begeisterung für die Ruinen, die Geschichten, die Menschen in der damaligen Zeit erlebt haben. Das hat mich schon immer einfach interessiert und fasziniert. Ich wollte einfach wissen, wie es damals war.

Mehr noch als die Schlachten hat mich das alltägliche Leben interessiert. Was haben die Menschen damals gegessen, wie haben sie gegessen, was haben sie gearbeitet, wo und wie haben sie gelebt?

Provinzialrömische Archäologie, das klingt ein bisschen nach den Nerds in der Szene der Altertumsforscher. Wie werden die ganz normalen Besucher auf diese Ausstellung ansprechen? Glauben Sie, dass Sie an den Erfolg der Titanic-Ausstellung anschließen können?

Ich hoffe, die „Asterix“-Verkaufszahlen sprechen für mich, auch im Kino ist „Gladiator“ ein Erfolg gewesen. Für mich ist das ein Zeichen, dass Rom die Menschen noch immer begeistert und fasziniert. Und zwar aus ähnlichen Gründen wie bei der Titanic: ein Reich, so groß, mit so viel Luxus und einer gewissen Dekadenz. Und dann scheitert dieses Reich. Und ja, vielleicht können wir uns auch darin ein bisschen erkennen.

Rom ist ein weites Feld, Hunderte Jahre Geschichte und ein Reich von Spanien bis zum Irak und von der Grenze zu Schottland bis Ägypten. Was davon transportieren Sie in den doch relativ kleinen Lokschuppen?

Wir haben immer einen großen Anspruch. Also natürlich alles. Scherz beiseite, wir konzentrieren uns darauf, wirklich den gesamten Raum und die gesamte Zeit zu erfassen. Weil wir genau diese unglaublichen Dimensionen, von denen Sie gerade sprachen, den Menschen begreifbar machen möchten. Also, dass auch der Ort hier im Kleinen ein Teil eines wirklich globalen Systems war. Und das die Menschen über weite Strecken in diesem großen Wirtschaftsraum Beziehungen unterhielten, obwohl sie noch kein Internet und keine Autos oder den ICE kannten.

Auch in der Region leben viele Menschen, die sich begeistert mit Rom und seiner Geschichte befassen. Wie finden die sich wieder?

Wir arbeiten mit allen Playern hier in der Region zusammen, also sowohl mit dem städtischen Museum als auch mit der Römerregion am Chiemsee, um auch genau diesen regionalen Bezug in die Ausstellung zu bringen. Wir werden auch viel Reenactment im Programm haben. An einem Wochenende im Juni erwarten wir weit über 100 Darsteller, die römisches Leben nach Rosenheim bringen.

Weit über 100? Die passen doch nie und nimmer hier rein.

Nein, die sind beim Römerfest im Mangfallpark zu erleben, am vorletzten Juni-Wochenende.

Ich als Otto Normal-Germane: Wann kann ich mal mitmachen und mich wenigstens eine Stunde lang als Römer fühlen?

Dazu haben Sie in der Ausstellung immer die Möglichkeit. Wir haben Kleidung dort, auch eine römische Militärausrüstung. Sie werden noch andere Dinge sehen, die ausprobiert werden können, auch Originale, die Sie anfassen dürfen. Zum Beispiel können Sie testen, ob man wirklich mit einer römischen Reibschale eine Gewürzpaste herstellen kann, die unserem heutigen Ketchup ähnelt.

Abgesehen davon, dass auch die Römer schon so etwas wie einen Brenner-Nordzulauf in Richtung Alpen unterhielten – was genau empfiehlt Rosenheim für eine große Römer-Schau?

Also, ich kannte Westerndorf und Pfaffenhofen ja schon als stehende Begriffe, bevor ich wusste, dass es Rosenheim gibt. Aber ich bin auch nerdige provinzialrömische Archäologin.

Wegen des Geschirrs.

Ja, genau, wegen der Töpfereien. Aber ansonsten ist auch der Brenner-Nordzulauf ein gutes Stichwort. Denn auch die Römer waren hier wegen der extrem guten Verkehrsanbindung.

Was haben die Rosenheimer von heute noch mit den Römern gemeinsam?

Ich glaube, dass sich zumindest die gebürtigen Römer von heute freuen dürften, wenn sie nach Rosenheim in die Ausstellung kommen. Denn sie würden freien Eintritt erhalten. Die Menschen hier begreifen doch wiederum ihre Region als nördlichsten Teil Italiens. Und so hätten wir doch eine starke Brücke zwischen Rom und Rosenheim.

Michael wEiser

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