Rosenheim – Der Schock nach einer der „schlimmsten Tragödien des Landes“ sitzt tief. Nicht nur in der Schweiz, sondern auch in vielen anderen Ländern auf der ganzen Welt. Bei einer Brandkatastrophe in einer Bar im schweizerischen Skiort Crans-Montana haben wohl rund 40 Menschen in der Silvesternacht ihr Leben verloren, über 115 Feiernde wurden teilweise schwer verletzt.
Während sich die Behörden bei der Ursache des Infernos noch bedeckt halten, soll laut mehreren Medienberichten Tischfeuerwerk an einer Flasche die Decke in Brand gesteckt haben. Danach ist es womöglich zu einem „Flashover“ gekommen. Was das Gefährliche an dieser Brandform ist, ob solche Feuer eine Seltenheit sind und ob so etwas auch in der Region Rosenheim möglich ist, weiß der Rosenheimer Kreisbrandrat Richard Schrank.
Was geht Ihnen bei den Bildern aus der Schweiz durch den Kopf? Sie sind selbst Feuerwehrler.
Als Erstes versucht man, sich in die Lage der Rettungskräfte vor Ort reinzuversetzen. Wenn man selbst schon oft bei größeren Bränden auch im Innenangriff dabei war, weiß man, dass man sich auf schwierige Situationen und harte Bilder gefasst machen muss. Zum Beispiel, wie herausfordernd es bei solchen Ereignissen ist, sich überhaupt erst einen Weg zum Brandort zu bahnen. Solche Einsätze sind extrem anstrengend und belastend.
Beim Brand in der Bar ist von einem „Flashover“ die Rede – was versteht man darunter?
Zunächst entsteht durch Flammenbildung in Verbindung mit genügend brennbarem Material ein Brand, wobei sich die Hitze des Feuers unterhalb der Raumdecke anstaut. Beim Zusammenspiel ungünstiger Faktoren kann es durch die hohen Temperaturen in Verbindung mit der Wärmestrahlung zu einer sogenannten thermischen Aufbereitung der Oberflächen von Gegenständen in einem Raum kommen.
Steigen die Temperaturen und die Strahlungseinwirkung weiter, können Einrichtungsgegenstände wie Möbel oder Dekoration „wie von selbst“ zu brennen beginnen.
Die müssen dazu nicht mal mit dem offenen Feuer in Kontakt kommen, die fangen sozusagen wie von Geisterhand unvermittelt an zu brennen. Dies ist fachlich gesehen der Übergang vom Entstehungsbrand bis hin zum Vollbrand. Allerdings könnte es auch ein sogenannter „Backdraft“ gewesen sein.
Was ist das?
Auch dabei gibt es erst einen Entstehungsbrand, zum Beispiel ausgelöst durch Funken eines Tischfeuerwerks an einer dekorierten Holzdecke. Kommt es während des Entstehungsbrandes zu einer starken Rauchentwicklung, welche sich auch in einer Zwischendecke entwickeln kann, so stauen sich Rauch und Hitze ebenfalls unter der Decke. Wird dieser immer heißer, zum Beispiel wenn es – wie manchmal in Kellerräumen – keine Entlüftungsöffnung gibt, können die Rauchgase so extrem heiß werden, dass sie bei plötzlicher Sauerstoffzufuhr explosionsartig durchzünden können. Daraus kann ebenfalls innerhalb weniger Sekunden ein Vollbrand an der Decke und in der Folge dann der sogenannte „Flashover“ entstehen.
Um welche Temperaturen geht es da?
Bei beiden Brandereignissen können Temperaturen zwischen 900 und 1.100 Grad entstehen.
Und wie schnell geht es, dass diese Brände ausbrechen und sich verbreiten?
Das geht sehr schnell. Am Anfang wird der Rauch vielleicht erst gar nicht wahrgenommen, plötzlich entsteht der „Backdraft“ und innerhalb weniger Augenblicke steht die Decke in Flammen. Rund eineinhalb bis zwei Minuten später kann der komplette Raum brennen.
Die Rede ist davon, dass man sich die Ausbreitung der Flammen wie eine Feuerwalze durch den Raum vorstellen muss.
Das kann man so beschreiben, ja.
Sie haben vorher gesagt, dass sich beim „Flashover“ die Gegenstände in der Nähe selbst entzünden – betrifft das auch Menschen, die sich in dem Raum aufhalten?
Ja, das ist leider so. Wenn sich die Hitze und der Rauch unter der Decke stauen, kann zum Beispiel auch die Kleidung an den Schultern oder die Haare thermisch so aufbereitet sein, dass es zu einem sogenannten „Flashover“ kommt und es leider auch dort unvermittelt zu brennen beginnen kann. Heißt: Wenn es zum „Flashover“ oder „Backdraft“ kommt, sind die Überlebenschancen gering.
Wenn der Raum einmal so heiß ist, dass die Temperatur Gegenstände an Oberflächen entzündet, herrscht in diesem Raum keine lebensfähige Atmosphäre mehr. Wenn man da nicht zumindest auf der gegenüberliegenden Seite oder in der Nähe eines Ausgangs steht, hat man keine Chance.
Können diese Brände in jedem Raum des Gebäudes ausbrechen?
Ja, es kann auch im Dachgeschoss passieren, theoretisch geht das überall. Deswegen lernen die Feuerwehrkräfte auch, „den Rauch zu lesen“. Es geht darum, zum Beispiel zu erkennen, welche Farbe der Rauch hat oder welche Eigenschaften er hat.
Bei größeren Bränden kann man immer wieder sehen, wie der Rauch „pulsiert“. Das bedeutet: Der Rauch wird irgendwo aus dem Gebäude rausgedrückt, und kurz darauf ist er wieder weg, das Feuer braucht wieder Sauerstoff. Das ist auch ein Indiz dafür, dass es gleich zu einer Durchzündung kommen kann.
Kann man solche Brände noch löschen?
Natürlich kann man das löschen. Wenn es bereits zu einer Durchzündung gekommen ist, dann ist die große Menge an gefährlichen Rauchgasen ja schon abgebrannt.
Bevor es zu einer Durchzündung kommt, betreiben wir eine Rauchkühlung. Dabei wird mit einem feinen Wasserstrahl (Sprühstrahl) in den Rauch gespritzt, damit die Hitzeentwicklung reduziert wird.
Sind „Flashovers“ und „Backdrafts“ selten?
Das passiert nicht so selten, wie man jetzt vielleicht denken mag. Das ist auch bei Zimmer- oder Wohnungsbränden möglich.
Der Brand in der Schweiz könnte von einem kleinen Feuerwerk auf einer Flasche ausgelöst worden sein – wie gefährlich ist das in geschlossenen Räumen?
Das Hantieren mit offener Flamme in geschlossenen Räumen birgt immer Gefahren, kann aber auch völlig unbedenklich sein. Der Anwender ist das Thema. Wenn alle Faktoren im Umkreis gesichert sind und ich mich auskenne, passiert nichts. Wenn ich aber etwa Wunderkerzen in einem dunklen Raum mit viel Deko abbrenne, dann stellt dies schon eine erhebliche Gefahr dar. Pauschal lässt sich das nicht sagen.
Wie groß ist die Gefahr, dass ein Brand wie in der Schweizer Bar auch mal in einem Lokal in der Region ausbricht?
Ausschließen kann man das nie. Aber bei uns gibt es klare Vorgaben, wie der Raum für Veranstaltungen mit vielen Menschen ausgestattet sein und was für die Sicherheit getan werden muss. Ganz wichtig ist da zum Beispiel, dass es ausreichend Flucht- und Rettungswege sowie eine Notbeleuchtung zur Orientierung gibt.
Julian Baumeister