Flintsbach/Arzmoos – Die Minuten am Berg müssen alles andere als einfach gewesen sein. „Die Situation, die wir vor Ort vorgefunden haben, war schon sehr dramatisch“, sagt Leonhard Pichler am Telefon. Der Bereitschaftsleiter der Bergwacht Brannenburg und seine Kameraden wurden am vergangenen Sonntag zu einem schweren Unfall am Arzmooser Wasserfall im Gemeindegebiet von Flintsbach gerufen. Gegen 15.45 Uhr war ein mannsgroßer Eiszapfen aus dem Wasserfall abgebrochen und hatte einen Sechsjährigen unter sich begraben. Der Bub machte gerade mit seinen Eltern einen Ausflug zu dem bekannten Wasserfall, teilt ein Sprecher der Grenzpolizeiinspektion Raubling mit. Aufgrund der niedrigen Temperaturen ist ein Großteil des Wasserfalls derzeit gefroren.
Als der Sechsjährige direkt vor dem Wasserfall stand, löste sich der Eiszapfen aus ungeklärter Ursache und traf den Buben. „Der Brocken hatte eine ungefähre Größe von 1,80 Metern und den Umfang eines ausgewachsenen Mannes“, sagt der Polizist auf OVB-Anfrage. Entsprechend schwer sei der Zapfen gewesen. Die Polizei geht von einem Unglück aus. „Ein Fremdverschulden können wir nach derzeitigem Ermittlungsstand ausschließen“, so der Polizeisprecher. Vermutlich sei der Eiszapfen zu schwer geworden und aufgrund seines Eigengewichts abgebrochen. Das sei dem sechsjährigen Buben wohl zum Verhängnis geworden. „Das Kind hatte großes Glück, wurde aber durch das Gewicht des Eiszapfens schwer verletzt“, teilt der Polizei-Sprecher weiter mit.
Das kann auch Leonhard Pichler bestätigen. Beim Eintreffen der Rettungskräfte hätten die Eltern und Ersthelfer das Kind bereits von den Eismassen befreien können. Dennoch sei auf den ersten Blick klar gewesen, dass der Bub sehr schwere Verletzungen erlitten habe.
„Eine Gruppe der Bergwacht Brannenburg war mit rund fünf Einsatzkräften und einem Bergwacht-Notarzt bereits wegen des Vorsorgedienstes am Sudelfeld ganz in der Nähe und konnte die Unglücksstelle schnell erreichen“, berichtet der Bereitschaftsleiter. Eine andere Gruppe sei aus dem Tal aufgestiegen. Auch der Rettungshubschrauber aus Murnau wurde alarmiert. So waren innerhalb kürzester Zeit vier Notärzte – darunter ein Kindernotarzt –, 20 Bergwachtler und zwei Polizeibergführer vor Ort. Hilfreich sei auch gewesen, dass die Unfallstelle gut zugänglich war. „Die Einsatzstelle war für uns direkt anfahrbar und der Hubschrauber konnte in unmittelbarer Nähe landen, eine Bergung mit der Seilwinde war nicht nötig“, sagt Pichler. Der Bub sei so schnell wie möglich in die Unfallklinik Murnau geflogen worden, die Eltern seien von einem Kriseninterventionsteam der Bergwacht betreut worden.
Wie es dem Sechsjährigen inzwischen geht, können weder Leonhard Pichler noch der Polizeisprecher mit Sicherheit beantworten. Bislang gebe es keine neuen Informationen aus dem Krankenhaus, sagt der Polizist. Was beide aber bestätigen können: Dass es zu solchen Unfällen kommt, sei eine absolute Seltenheit. „Einsätze nach so einem Muster oder mit herunterfallendem Eis haben wir nicht oft“, sagt Pichler.
Der Arzmooser Wasserfall ist im Winter auch bei Eiskletterern oder Wanderern beliebt. Aus diesem Grund wollen Pichler und der Polizeisprecher auch zur Vorsicht aufrufen. Wegen der derzeitigen Witterungsverhältnisse sei die Festigkeit gefrorener Eisgebilde schwierig einzuschätzen. Julian Baumeister