Aubenhausen – Nicht nur die Sportwelt hat am Dienstag schockiert auf die Nachricht reagiert. Das elfjährige Nachwuchspferd Diallo von Dressur-Olympiasiegerin Jessica von Bredow-Werndl aus Aubenhausen ist an Dreikönig völlig überraschend gestorben. Die 39-Jährige wählte auf ihren Social-Media-Kanälen emotionale Worte und erklärte, dass der Wallach an den Folgen einer plötzlichen Erkrankung verstorben sei. Der Verdacht liege, bei noch laufender Untersuchung, auf dem Bornavirus. Doch wie gefährlich ist diese Erkrankung eigentlich, wie kann man Tiere davor schützen und welches Risiko besteht für Menschen?
„Die Krankheit
kam wie ein Sturm“
Klar ist, dass Diallo am 5. Januar in eine Klinik für Pferde in München eingeliefert worden war. Am Morgen danach starb das Tier, das als große Nachwuchshoffnung im Reitsport galt. „Diese Krankheit kam wie ein Sturm, lautlos, gnadenlos und unaufhaltsam, hat sich in Stunden durch deinen Körper gefressen und mir das Herz aus der Brust gerissen“, schrieb dazu von Bredow-Werndl.
Mögliche Todesursache: Bornaviren, also RNA-Viren, die bei Pferden Gehirn- und Rückenmarksentzündungen verursachen, die oftmals tödlich verlaufen. Die Klinik für Pferde der LMU München spricht konkret von einer Viruserkrankung, die eine „Gehirnentzündung mit neurologischen Symptomen, wie zum Beispiel Verhaltens- und Wesensveränderungen und Koordinationsproblemen“, verursacht.
Viele Menschen aus der Region, beispielsweise auch die Bruckmühler Tierärztin Dr. Verena Peinhofer, die selbst keinen Kontakt zu besagtem Pferd hatte, reagieren auf OVB-Anfrage betroffen auf den Verdachtsfall. Generell seien Tiere, die an dem Virus erkrankt sind, „ganz arme, bedauernswerte“ Lebewesen, da sie in der Regel massiv unter dem Verlauf leiden müssten, erklärt Peinhofer. Das Problem: „Man hat bei dem Virus wahnsinnig wenig Handhabe“, sagt sie. Symptomatisch äußere sich das Bornavirus bei Pferden durch hohes Fieber, neurologische Ausfälle und Zwangsbewegungen. Lähmungen, bis hin zum Festliegen, oder verzögertes Kauen und Schlucken, seien typisch, so die Veterinärmedizinerin.
Derzeit gibt es kein zugelassenes antivirales Medikament oder eine zugelassene Impfung für Pferde. Eine Behandlung, die ohnehin nur die Symptome bekämpfen könne, werde durch viele Unklarheiten erschwert. „Klar ist zwar, dass die Feldspitzmaus das Virus ausscheidet, aber wir wissen nicht, wie lange das Virus dann überlebt.“ Hinzu komme eine teils sehr lange Inkubationszeit von einem bis drei Monaten. „Bei Ausbruch der Krankheit führt das Bornavirus bei unbehandelten Pferden überwiegend zum Tod“, stellt Peinhofer klar. Doch auch bei behandelten Tieren würde der Verlauf durch die Behandlung der Symptome meist nur hinausgezögert. Denn alleine die Tatsache, dass die Tiere nicht mehr richtig fressen und trinken, führe zu einer massiven Verschlechterung ihres Zustandes.
In der Region, in der es immer wieder Fälle des Bornavirus gibt, da hier Feldspitzmäuse mit „standorttreuen“ Populationen leben, sind Peinhofer zufolge Pferdestallbesitzern auch in puncto Prävention die Hände ein Stück weit gebunden. „Das Pferd kann das Virus natürlich beim Fressen oder auch über die Nase, die Schleimhäute, aufnehmen“, sagt Peinhofer. Deshalb spiele das Thema Hygiene, insbesondere eine konforme Lagerung des Futters, eine wichtige Rolle.
Tierseuche seit mehr
als 250 Jahren bekannt
Auch Essensreste in Mülleimern oder auch bewusst für Katzen und Igel ausgelegtes Katzenfutter könnten die Feldspitzmaus ungewollt anlocken. Ebenso sollten gefundene Mäusekadaver sicher entsorgt werden. Doch die Bruckmühler Tierärztin stellt hierzu auch klar: „Selbst wenn man alle möglichen Maßnahmen ergreift, kann keineswegs garantiert werden, dass nicht trotzdem eine Feldspitzmaus dort unterwegs ist und den Virus ausscheidet.“ Wenn es sogar einen Verdachtsfall in einem optimal hygienisch geführten Hof geben könnte, sei es schlicht eine „Frage von Glück und Pech“, bedauert Peinhofer.
Doch bei aller Sorge um betroffene Tiere – wie gefährlich kann die Krankheit eigentlich für Menschen sein? Laut dem Bayerischen Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit handelt es sich beim sogenannten „klassischen Bornavirus“, also dem Borna Disease Virus 1 (BoDV-1), um eine seit mehr als 250 Jahren bekannte Tierseuche. Im Jahr 2018 sei das Virus erstmalig als Ursache schwerer Gehirnentzündungen (Enzephalitiden) beim Menschen identifiziert worden. Derzeit sei das einzig bekannte natürliche Reservoir die Feldspitzmaus, die das Virus unter anderem über Speichel, Urin, Kot und die Haut ausscheiden kann, ohne selbst daran zu erkranken.
Übertragungsweg
auf den Menschen unklar
Prinzipiell, so das Bayerische Landesamt, sei davon auszugehen, dass nahezu jedes Säugetier für eine Infektion mit dem Bornavirus empfänglich ist. „Bisher wurden BoDV-1-Infektionen unter anderem bei Pferden, Schafen, Alpakas, Igeln, Bibern und auch beim Menschen nachgewiesen“, erläutert die Behörde. Der genaue Übertragungsweg auf den Menschen sei Gegenstand aktueller Forschungen. So sei die Übertragung des Virus von der Feldspitzmaus auf den Menschen bislang nicht geklärt. Dabei könnten verschiedene Übertragungswege, wie etwa die Aufnahme des Virus über verunreinigte Lebensmittel oder Wasser, das Einatmen des Virus über kontaminierten Staub, eine Schmierinfektion über kontaminierte Erde oder auch der direkte Kontakt beziehungsweise Biss einer Feldspitzmaus denkbar sein.
Symptome bei erkrankten Personen könnten Kopfschmerzen, Fieber und allgemeines Krankheitsgefühl sein. Im Anschluss kam es bei den erfassten seltenen Fällen zu neurologischen Symptomen, wie Verhaltensauffälligkeiten, Sprach- und Gangstörungen. Im weiteren Verlauf entwickelten die Erkrankten dann eine schwere Enzephalitis und fielen binnen Tagen bis Wochen in ein tiefes Koma. Bis auf bisher vier Erkrankungsfälle, die teils mit schwersten Folgeschäden überlebten, verstarben alle bekannten Fälle an der BoDV-1 Infektion.
Bislang keine
Impfung vorhanden
Eine Übertragung von Mensch-zu-Mensch sei extrem unwahrscheinlich und bisher auch nicht bekannt – ebenso wie die direkte Übertragung von anderen Tieren als Feldspitzmäusen (beispielsweise infizierten Pferden oder Schafen) auf den Menschen. Und das Landesamt für Gesundheit stellt klar, dass bisher „nur wenige Fälle von BoDV-1-Erkrankungen beim Menschen bekannt“ sind, welche in Bayern zwischen 1996 und 2024 aufgetreten sind. Seit Einführung der Meldepflicht zum 1. März 2020 sind dem Robert-Koch-Institut bis zu sechs akute Fälle von BoDV-1 Enzephalitis pro Meldejahr übermittelt worden, ein Großteil der Fälle davon aus Bayern, heißt es.
Nach aktuellem Kenntnisstand kommen Übertragungen von Bornaviren auf den Menschen also nur sehr selten vor. Das Infektionsrisiko sei entsprechend gering. Eine Impfung steht bislang nicht zur Verfügung. Das Risiko einer Infektion könne somit nur durch eine Vermeidung des Kontakts mit Spitzmäusen und deren Ausscheidungen reduziert werden. Dennoch kam es vor einigen Jahren zur Infektion mit dem Bornavirus eines Kindes aus Maitenbeth, das letztlich daran verstarb.