Schleching – Das wäre ja was gewesen. Eine Prosecco-Hütte oder gar ein Partystadel auf dem Streichen, wo man so schön auf den Geigelstein und die Tiroler Achen blickt. Es gab schon Investoren, die sich ein Bussi-Bussi-Business auf dem Berg oberhalb von Schleching gut vorstellen konnten. Es kam anders – was für ein Glück für die Schlechinger.
300 Meter über ihrem Tal ist da schon ewig der Streichen, erbaut 1435, einst das Mesnerhaus vom Kirchlein St. Servatius. Die jüngere Geschichte beginnt 1940, als die Pächter-Familie Strohmayer nicht nur Mesner-Dienste übernimmt, sondern Pilgern und Kirchgängern Brotzeit und Bier verkauft. Der Streichen wird ein Berggasthof. Der letzte Wirt, Franz Strohmayer, geboren im Wirtshaus, ist eine Wucht. Ein Schuhplattler, ein Menschenfreund, einer, der die Leute zusammenbringt.
Der Streichen sollte kein
Spekulationsobjekt werden
Als er 2020 völlig unerwartet mit 71 stirbt, reißt dies eine gewaltige Lücke ins Dorf. Es ist gerade Corona, zur Beerdigung dürfen nur 50 Leute in die Kirche, drumherum stehen Hunderte in der Kälte.
Strohmayer wird in Plattler-Tracht begraben. Direkte Erben hat er nicht, seine Geschwister können die Wirtschaft nicht weiterführen. Was soll passieren mit dem Anwesen samt Kircherl, in der die Schlechinger ihre Kinder getauft, ihre Lieben geheiratet und ihre Verstorbenen verabschiedet haben?
Die Streichenfreunde gründen sich, sie wollen nicht, dass der Berggasthof ein Spekulationsobjekt wird. Sie wenden sich an einen, der das Anwesen retten könnte: Thomas Wilde, früher Inhaber einer großen Kommunikationsagentur in München, wohnt seit 30 Jahren im Ort. „Kannst du da nix machen?“, fragen sie ihn. Und er macht was. Thomas Wilde, 68, ruhige Stimme, freundliche Augen, steht jetzt vor dem Berggasthof. „Ich habe mich gefragt, was bleibt mal von mir übrig“, sagt Wilde. Er und seine Frau Yvonne haben keine Kinder, aber viel Geld verdient. Andere reiche Rentner kaufen sich ein Boot, spielen Golf in Florida. „Aber das war nichts für mich.“ Das Paar steckt das Geld aus dem Verkauf der Agentur in eine Familienstiftung. Die kauft den Streichen, zusammen mit dem Verein „Kulturerbe Bayern“, der 60 Prozent des Kaufpreises und die Sanierungskosten übernimmt.
Der Gasthof muss von Grund auf saniert werden, aber so, dass es zum Dorf, zur Region passt. „Ich habe vom Bauen keine Ahnung“, sagt Wilde. Aber der Verein „Kulturerbe Bayern“ ist darauf spezialisiert, als eine bürgerschaftlich getragene Bewegung will er geschichtsträchtige Orte erhalten. Der Streichen ist eines von aktuell fünf Projekten. Seit 2023 wird saniert, jetzt soll Mitte 2026 die Einweihung sein.
„Eines der modernsten
Dächer Bayerns“
Hinter so einer Sanierung steckt mehr, als am Ende zu sehen sein wird. Das Dach zum Beispiel, das bezeichnet Nikolaus Walther, Vorsitzender des Stiftungsvorstands, als „eines der modernsten Dächer Bayerns“. Es sieht aus, als ob es mit braunem Blech gedeckt wäre – tatsächlich sind das Photovoltaik-Paneele. Darum geht‘s beim Kulturerbe Bayern: Altes bewahren, aber so, dass es in der Zukunft Bestand hat.
Manches wird auch anders aussehen. Die Holzfassade am Giebel war früher dunkelbraun und grün – künftig wird sie heller, der Balkon wird in hellem Blau und Weiß gestrichen. Genau so sah das Gebäude aus, bevor es ein österreichischer Baron umgestalten ließ.
Auch drinnen herrscht Gewusel. Die alte Zwischendecke wurde mit Trägern stabilisiert. Die Wandheizung ist in den lehmverputzten Wänden verbaut. Der alte Anbau aus den 1950ern wurde abgerissen, neu gebaut, aber so, dass der Grundriss bleibt: Hier entstehen elf Gästezimmer, ohne Fernseher, ohne Schnickschnack, manche mit Stockbetten. Ins Erdgeschoss kommen Küche, Schanktheke, kleine Gastzimmer.
Hände gesucht,
die zupacken können
Noch fehlt vieles, aber vor allem fehlt noch: ein Wirt. „Ein junges Paar wäre gut“, sagt Thomas Wilde. Eines, das viel Herz hat, und Hände, die zupacken können.
Eine Sache ist schon fertig auf dem Streichen, Thomas Wilde hat das in Eigenregie und aus privater Kasse gestemmt. Vom Tal rauf hat er einen ein Kilometer langen Wanderweg, einen „Hutschn-Steig“, anlegen lassen. Oben steht eine große, runde Sitzbank, davor eine vier Meter hohe Schaukel. Hier steht er jetzt, und schaut ins Tal hinab.
„Zum ersten Mal“, sagt er, „habe ich das Gefühl, etwas zu machen, was für Generationen Bestand hat.“ Eine bayerische Wirtschaft für die Ewigkeit. So steht‘s sogar im Notarvertrag.