Herzchirurgie Vogtareuth ist Geschichte

von Redaktion

Interview Ex-Chefarzt Dr. Herbert Vetter blickt auf die Erfolge und Ursachen für das Aus zurück

Vogtareuth – Am 31. Dezember wurde mit dem Fachzentrum für Herzchirurgie an der Schön-Klinik in Vogtareuth eine der führenden Herzkliniken Deutschlands geschlossen. Im OVB-Interview blickt Ex-Chefarzt Prof. Dr. Herbert Vetter auf Erfolge zurück, erklärt die Gründe für das unvermeidliche Aus und wie Patienten künftig versorgt werden.

Sie wurden 2023 nach Vogtareuth gerufen, um das Zentrum für Herz- und Gefäßchirurgie in Vogtareuth neu zu strukturieren und zukunftssicher aufzustellen. Zwei Jahre später kam das Aus. Wie lässt sich diese scheinbar widersprüchliche Entwicklung erklären?

Ich bin nach vielen Jahren als Direktor der Herzchirurgischen Klinik am Herzzentrum des Helios Universitätsklinikums Wuppertal und als Chefarzt der CardioClinic in Köln 2023 nach Vogtareuth gekommen. Im August 2024 wurde ich zum Chefarzt berufen. Unser Ziel war es, das Fachzentrum für Herzchirurgie, das mit 160 Operationen pro Jahr nicht mehr rentabel war, zu stabilisieren. Das ist uns auch gelungen.

Wir haben mit unseren Leistungen überzeugt, neue Zuweiser hinzugewonnen und arbeiteten im HeartTeam eng mit Kardiologen der Kliniken in Rosenheim, Agatharied, Traunstein, Landshut und Eggenfelden zusammen. Wir konnten die Patientenzahlen deutlich steigern und die Herzchirurgie wieder aus der Verlustzone holen. Bis Ende 2025 hätten wir etwa 370 Herzoperationen schaffen können.

Die Vogtareuther Herzchirurgie war mit fünf Herzchirurgen ja relativ klein. Wieso erreichte sie trotzdem deutschlandweit einen so exzellenten Ruf?

Aufgrund der Leistung unseres gesamten Teams. Es geht ja nicht nur ums Operieren. Die Anästhesie und die Intensivmedizin in Vogtareuth hatten einen Standard, den ich in meinen vielen Jahren im Beruf so noch nicht erlebt hatte. Die Pflegenden auf unseren Stationen haben großartige Arbeit geleistet. Diese hohe Qualität in den einzelnen Bereichen der Versorgung der herzchirurgischen Patienten in Vogtareuth war verantwortlich für ein großartiges Ergebnis, was sich unter anderem in den extrem niedrigen Letalitätszahlen der letzten Jahre widerspiegelt. In der Bundesqualitätssicherung IQTIG waren wir von den 78 herzchirurgischen Zentren in Deutschland immer ganz vorne aufgestellt.

In Vogtareuth wurde das gesamte Spektrum herzchirurgischer Eingriffe bei erwachsenen Patienten durchgeführt – mit Ausnahme von Herztransplantationen. Wie war das mit einem relativ kleinen Team möglich?

Um als Herzchirurgie erfolgreich zu sein, muss man alles können, denn „ein bisschen Herzchirurgie“ geht nicht. Unser Team hatte eine hohe Expertise. Jeder unserer Herzchirurgen konnte alle Operationen am Herzen durchführen. Wir haben nie Patienten selektiert, sondern auch Risikopatienten behandelt und schwierigste Koronar- und Klappenoperationen erfolgreich durchgeführt. Besonders gute Erfolge hatten wir bei den minimal-invasiven Mitralklappenrekonstruktionen. Bei akuten Aortendissektionen liegt die Sterblichkeit im Bundesdurchschnitt bei über 20 Prozent. Bei uns in Vogtareuth lag sie in den letzten drei Jahren bei null Prozent. Dieser Erfolg war eine Teamleistung aller Mitarbeitenden.

Können Sie die Entscheidung der Schön-Klinik-Gruppe nachvollziehen, die Herzchirurgie in Vogtareuth zu schließen?

Ja. In Vogtareuth hatte man es nach der Gründung der Herzchirurgie im Jahre 2005 leider versäumt, parallel dazu auch eine kardiologische Klinik vor Ort zu etablieren. Das neue Krankenhausversorgungs-Verbesserungsgesetz erlaubt nun keine Herzchirurgie mehr ohne eine interventionelle Kardiologie am Standort. Für die Kardiologie hat die Schön-Klinik trotz aller Bemühungen keinen Versorgungsauftrag erhalten. Der bayerische Krankenhausplanungsausschuss sieht für den Bereich der Herzchirurgie große, spezialisierte Zentren vor. Kleine Herzchirurgien wie unsere in Vogtareuth haben keine Lobby und damit auch keine Chance.

Unter diesen Bedingungen hätten wir maximal noch ein Jahr überleben können. Somit ist die Konzernentscheidung zur Schließung der Herzchirurgie in Vogtareuth verständlich.

Jetzt müssen etwa 300 Herzpatienten pro Jahr in anderen Kliniken versorgt werden. Könnte das zu einer Versorgungskrise für herzkranke Menschen führen?

Es werden weitaus mehr sein, denke ich, denn auch die Herzchirurgie am Artemed Klinikum in München wird im Frühjahr 2026 schließen. Künftig müssen die drei verbleibenden Münchener Herzzentren etwa 500 Patienten mehr pro Jahr versorgen. Das wird schwierig. Diese Einrichtungen sind dazu noch nicht in der Lage, arbeiten aber an einer Erhöhung ihrer Kapazitäten. Trotzdem sollte man der Bevölkerung keine Angst machen. Die Kardiologien in Rosenheim, Traunstein, Landshut und Agatharied sind stark. Bei lebensbedrohlichen Krisen wie beispielsweise Aortendissektionen müssten die Herzchirurgien in München oder Salzburg sofort freie Kapazitäten haben, um den Patienten zu helfen. Aber derart akute Komplikationen sind eher selten.

Wie sieht die Zukunft der Mitarbeiter der Vogtareuther Herzchirurgie aus?

Fast alle Herzchirurgen haben schon neue Jobs, auch wenn sie dafür die Region verlassen und beispielsweise nach Frankfurt oder Rostock umziehen müssen.

Ich persönlich fühle mich auch mit 70 Jahren noch fit für die Zukunft. Ich wäge gerade ab, ob ich künftig in der Schweiz als Herzchirurg arbeite oder wieder als Ärztlicher Direktor in eine Krankenhausverwaltung zurückkehre. Bei allen Optionen für die Zukunft werden wir eines vermissen: das Team unserer Herzchirurgie und die besondere positive menschliche Atmosphäre unter den Mitarbeitern im Klinikum Vogtareuth.

Diesen besonderen Spirit haben auch Patienten und Kollegen gespürt. Unsere Patienten waren ausnahmslos mit der Behandlung zufrieden. Die Kollegen aus den umliegenden Kliniken und Praxen, die uns ihre Patienten anvertrauten, haben uns in diesen Tagen wissen lassen, dass sie es sehr bedauern, dass wir in Zukunft nicht mehr da sind.

Kathrin Gerlach

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