Flintsbach/Arzmoos – Einen solchen Einsatz hat auch Dr. Tobias Reploh noch nie erlebt. Und das, obwohl der Kinder- und Bergwachtnotarzt aus Bad Tölz seit vielen Jahren zu Notfällen gerufen wird. „Ich habe wirklich schon viel gesehen, so was aber bisher nicht“, sagt Reploh am Telefon. Er wurde am Sonntag, 4. Januar, zu einem Unfall am Arzmooser Wasserfall im Gemeindegebiet von Flintsbach alarmiert – genauso wie drei weitere Notärzte, rund 20 Einsatzkräfte der Bergwacht Brannenburg und zwei Polizeibergführer.
Riesiger Eisbrocken
kracht auf Kind
Kurz vor 16 Uhr war dort ein „mannesgroßer“ Eiszapfen aus dem gefrorenen Wasserfall gefallen und auf ein sechsjähriges Kind gekracht. Der Bub wurde unter den Eismassen begraben und schwer verletzt. Vermutlich löste sich der Eiszapfen aufgrund seines Eigengewichts, teilte die Polizei am Tag nach dem Unglück mit. Wegen der Schwere der Verletzungen wurde der Sechsjährige, der mit seiner Familie einen Ausflug zu dem bekannten Wasserfall machte, nach der Erstversorgung mit dem Hubschrauber in die Unfallklinik Murnau geflogen.
Auf dem Hinflug zum Unglücksort nahm der Hubschrauber auch Tobias Reploh auf. Er hatte „zufälligerweise“ selbst Dienst am Brauneck – Berg bei Lenggries –, der mehr oder weniger genau auf der Flugroute des Hubschraubers „Christoph Murnau“ lag.
„Dass ein Kindernotarzt bei schwer verletzten Kindern angefordert wird, ist üblich. Dass einer direkt auf dem Weg nur aufgesammelt werden muss, war in dem Fall eher eine glückliche Fügung“, betont Reploh. Nur so sei es möglich gewesen, dass vier Notärzte so schnell am Einsatzort sein konnten.
Beim Eintreffen von Reploh und dem Hubschrauber-Team sei der Bub bereits von der Bergwacht und dem ersten Notarzt erstversorgt worden. „Die haben sich schon sehr gut um den Patienten gekümmert und ihn in ein warmes Rettungsfahrzeug gebracht“, sagt der Notfallmediziner. So sei es den Rettern gelungen, den Sechsjährigen trotz der Schwere der Verletzungen zu stabilisieren und in knapp 20 Minuten in die Klinik zu fliegen.
„Die Rettungskette und die Arbeit im Team haben wahnsinnig gut und schnell funktioniert, das muss man hervorheben“, sagt der Notfallmediziner. Das ist wohl auch einer der Gründe, warum der Bub trotz des dramatischen Unfalls „großes Glück hatte“. Geholfen habe dabei auch, dass das Kind in Murnau, einem spezialisierten Traumazentrum, sofort professionell weiterversorgt werden konnte, sagt Tobias Reploh.
„Deshalb traue ich mich zu sagen, dass er auf jeden Fall außer Lebensgefahr ist“, sagt der Notfallmediziner. Bestätigen kann das die Klinik in Murnau. Wie Jens Eckhoff, Oberarzt der Kindertraumatologie, der Deutschen Presse-Agentur (dpa) mitteilte, gehe es dem Buben inzwischen besser. Sein Zustand sei bei der Einlieferung aber kritisch gewesen. Er habe Knochenbrüche, innere Verletzungen sowie ein Schädel-Hirn-Trauma erlitten. Allerdings: Bleibende Schäden werde der Sechsjährige wohl nicht davontragen, teilte die Klinik weiter mit. Wenn es gut geht, könne das Kind möglicherweise sogar schon kommende Woche wieder entlassen werden.
Wie man sich das Verletzungsmuster bei einem herabfallenden Eiszapfen vorstellen kann, kann Tobias Reploh erklären. „Das ist zu vergleichen mit einem Steinschlag“, sagt der Kindernotarzt. Die Beschreibung eines „Eiszapfens“ sei dabei auch etwas zu „romantisch“. Es seien keine „Speerspitzen“, wie man womöglich bei Eiszapfen denken mag.
„Das sind eher Eisbrocken, die da herunterfallen, welche von der Masse und dem Gewicht mit Felsbrocken zu vergleichen sind“, erklärt der Tölzer Arzt. Auch wenn die Eisbrocken vorher zum Beispiel noch einmal an einem Felsvorsprung aufschlagen und zersplittern, hätten sie dennoch ein so hohes Gewicht, dass sie schwere Verletzungen verursachen können, wenn sie – wie im Fall des Arzmooser Wasserfalls – aus großer Höhe herunterfallen. Da reiche schon die Größe eines Fuß- oder Medizinballs aus, sagt Tobias Reploh.
Trotz des Vorfalls wird der Besuch des Arzmooser Wasserfalls weiterhin möglich sein. Eine Sperrung des Bereichs sei nicht angedacht, sagt Flintsbachs Bürgermeister Stefan Lederwascher. Das sei auch gar nicht so einfach, da der Bereich um den Wasserfall ein Privatgelände sei.
„Außerdem ist das Gelände frei zugänglich“, sagt er. Zumal sich der Bürgermeister an keinen ähnlichen Fall erinnern kann – und das, obwohl es um Flintsbach herum einige Wasserfälle gibt.
Erhöhte Vorsicht an
den Wasserfällen
Daher könne Lederwascher nur an die Vernunft appellieren. Wer zu der Jahreszeit mit Eis oder Schnee in den Bergen oder auch im Wald unterwegs ist, müsse immer mit einer gewissen Gefahr rechnen. Dasselbe sei es zurzeit auf den gefrorenen Seen. Man müsse immer vorsichtig sein.