Räumdienst agiert nach „Prioritätensystem“

von Redaktion

Verwunderung mancher Autofahrer über „Abwesenheit“ des Winterdienstes – Behörden verweisen auch auf Eigenverantwortung

Rosenheim/Landkreis – Diese Heimfahrt hatte so einige Überraschungen parat. „Und war stellenweise auch richtig gefährlich“, macht eine Frau aus Bad Feilnbach deutlich. Die Frau, die anonym bleiben möchte, musste am Donnerstagabend mit dem Auto einmal quer durch den Landkreis Rosenheim fahren. Kurz vor 17 Uhr machte sie sich auf den Weg von Schechen nach Bad Feilnbach – genau in dem Moment, als der starke Schneefall über der Region einsetzte.

Innerhalb weniger Minuten hätte sich auf den Straßen eine zentimeterdicke Schneeschicht gebildet. Bereits nach ein paar Metern habe sich die Frau aber gewundert, dass weit und breit kein Räumfahrzeug zu sehen war. Weder auf den kleineren Straßen, noch wenig später auf der Westtangente, der Autobahn A8, der Bundesstraße B15 bei Raubling oder der Verbindungsstraße nach Bad Feilnbach. „Nur in der Nähe des Aicherparks war kurz ein Schneepflug unterwegs, der ist aber sofort wieder von der Westtangente abgefahren“, sagt die Frau.

Entsprechend eingeschneit seien die Straßen irgendwann gewesen. „Es war dann eigentlich durchgehend eine reine Schneefahrbahn“, beschreibt es die Frau. Die Folge: An einigen Stellen sei gar nichts mehr vorangegangen, da die Autofahrer nur noch ganz langsam gefahren seien. „Trotzdem kann da schnell was passieren. Entweder man rutscht jemandem hinten drauf oder gleich in den Graben“, sagt die Frau.

So habe sie sich die ganze Fahrt über die Frage gestellt, warum der Winterdienst ausgerechnet an diesem Tag mit dem angesagten Schneefall „mit Abwesenheit glänzt“. „Ich war schon überrascht, wie man das so verschlafen kann, die Wettervorhersage gab es ja bereits seit einigen Tagen“, sagt die Frau.

Sie habe wenig Verständnis dafür, dass der Schnee auf vielen Straßen so lange liegengeblieben ist. „Wenn ein solches Wetter angekündigt ist, muss ich als Winterdienst Präsenz zeigen und ein paar Stunden durchräumen“, ist sie überzeugt.

Ähnlich wie der Frau aus Bad Feilnbach dürfte es am Donnerstagabend (8. Januar) mehreren Menschen gegangen sein. Auch aus Rosenheim war zu hören, dass zum Beispiel einige Straßen – besonders in den weiter außerhalb liegenden Stadtteilen – den Abend über nicht gut geräumt waren. Oder sogar ab einer gewissen Uhrzeit gar nicht mehr vom Schnee und Eis befreit worden seien.

Wie Christian Baab, Presseprecher der Stadt Rosenheim, auf OVB-Anfrage mitteilt, war der Winterdienst im Stadtgebiet zunächst bis 20 Uhr im Einsatz. Welche Straßen dabei zuerst geräumt werden, erfolge nach einem „klar geregelten Prioritätensystem“.

Zunächst kümmern sich die Räumfahrzeuge um die Hauptverkehrsstraßen. Es sei selbsterklärend, dass die Stadt erst ihrer Verkehrssicherungspflicht auf den viel befahrenen Straßen nachkommt, betont der Pressesprecher. Genauso wichtig seien Straßen mit Gefälle und Steigungen, Knotenpunkte wie größere Kreuzungen und Straßen mit ÖPNV-Verkehr.

Gegen 1 Uhr in der Nacht sei der Einsatzleiter des Rosenheimer Winterdienstes erneut rausgefahren und habe sich ein Bild von der Lage verschafft.

„Ab 2 Uhr war der Winterdienst ununterbrochen im Einsatz – da war personell und fahrzeugtechnisch alles unterwegs, was es gibt“, betont Baab. Immer mit dem Ziel, dass es am Morgen im Berufsverkehr zu so wenig Einschränkungen wie möglich kommt.

Dass in der Zeit zwischen 20 und 2 Uhr nicht geräumt wurde, sei zudem nicht unüblich gewesen, sagt Christian Baab. Bis zum Abend streue der Winterdienst immer ausreichend Salz, damit der Schnee auch in den Stunden nach der Räumung nicht gleich liegenbleibt. Der Pressesprecher versichert aber, dass im Falle von starkem Schneefall der Winterdienst jederzeit ausrücken könnte. „Das ist eine situationsbedingte Einzelfallentscheidung“, sagt Baab.

Der Rosenheimer Winterdienst mache jedenfalls „alles in seiner Macht Stehende“. Am Donnerstag (8. Januar) und Freitagmorgen (9. Januar) habe er wieder einen „super Job“ gemacht. „Wir können aber auch nicht überall gleichzeitig sein“, bittet Baab um Verständnis.

Zumal sich Verkehrsteilnehmer im Winter auch an die schneebedeckten Straßen anpassen müssten und eine „gewisse Eigenverantwortung“ dazugehöre. Ähnlich bewertet auch das Rosenheimer Landratsamt den Winterabend. „Nach unserer Einschätzung lag keine außergewöhnliche Wetterlage vor“, teilt eine Pressesprecherin mit. Daran habe sich auch der Umfang des Räumeinsatzes orientiert. „Faktisch war der Winterdienst des Landkreises aber nahezu die ganze Nacht im Einsatz“, betont die Sprecherin. Stellenweise sei zunächst bis 0.30 Uhr geräumt und gestreut worden. Um 2 Uhr seien die ersten Fahrzeuge dann wieder ausgerückt – teilweise bis in die Mittagsstunden am Freitag (9. Januar).

„Der Fokus liegt dabei auf verkehrsstarken Straßen oder auch bekannten neuralgischen Punkten, bei denen bekannt ist, dass sie intensiver behandelt werden müssen – ohne die weniger verkehrsstarken Straßen zu vernachlässigen“, sagt die Sprecherin. Der Landkreis sei dabei aber nur für die Kreisstraßen zuständig. Um diese freizuhalten, seien 15 größere Fahrzeuge und „diverse Kleinfahrzeuge“ im Einsatz gewesen.

Dennoch kann es vorkommen, dass auf einigen Straßen ein wenig Schnee und Eis liegen bleiben. „Selbst bei Dauereinsatz, möglicherweise rund um die Uhr, setzt sich Schnee bei anhaltenden Niederschlägen wieder auf der Fahrbahn ab, bis das Räumfahrzeug das nächste Mal vorbeikommt“, sagt die Landratsamt-Sprecherin. Darauf sollten sich Autofahrer einstellen und den Fahrstil entsprechend anpassen.

Julian Baumeister

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