Bruckmühl/Tiflis – Der Schnee lag 30 Zentimeter hoch auf dem 2.000er-Pass kurz vor Trabzon, einer Stadt im Nordosten in der Türkei. Mit seinem Gravel-Bike kam Niklas Gemander aus Heufeld bei Bruckmühl nicht mehr durch. Immer wieder musste er absteigen und das Fahrrad schieben. Das war der härteste Moment auf seiner Tour, sagt der 21-Jährige.
Und die war generell hart: In 64 Tagen ging‘s von Heufeld bis nach Tiflis in Georgien. Auf Instagram hat der Zimmerer seine Erlebnisse geteilt, nahm seine Follower Tag für Tag mit. Von den herausfordernden Momenten im Schnee aber gibt es keine Bilder: „Ich musste einfach ankommen.“
Klettertour auf
Kalymnos statt Badetag
5.000 Kilometer, 47.000 Höhenmeter. Er radelte durch Österreich, Slowenien, Kroatien, Bosnien und Herzegowina, Montenegro, Albanien, Nordmazedonien und Griechenland. Mit der Fähre ging es von Athen auf die Insel Kalymnos, von dort wiederum in die Türkei und dann bis nach Georgien.
Von 64 Tagen
50 Tage nur im Sattel
Dieses Ziel hatte sich Gemander gesetzt, weil es der am weitesten entfernte Punkt war, den er vor Wintereinbruch erreichen konnte. Ende August startete die Reise.
Von den 64 Tagen saß Gemander satte 50 nur im Sattel, an vier hat er sich ausgeruht. An den übrigen zehn Tagen hätten andere wohl einspannte Badetage am Meer eingelegt, aber da ging der Heufelder mal eben mit einem Freund auf Kalymnos klettern. Ansonsten war er die meiste Zeit über allein. „Das ist eine tolle Erfahrung“, schwärmt er. Kurz vor dieser großen Tour war er schon zu einem Festival in Portugal geradelt. Auf dem Rad nimmt man alles viel intensiver wahr als durch die Fensterscheibe eines Autos, sagt der Sportler.
Die Gebirge im Süden Bosniens etwa fand er besonders faszinierend. „Quer durch die Türkei zu radeln, das war auch toll. Das Land ist total facettenreich.“ Sein Gepäck wog an die 20 Kilogramm, schätzt er. Mehr als Klamotten, Radpumpe, Zelt, Schlafsack, Hängematte, Topf und Gaskocher hatte er nicht dabei. „Ich habe darauf geachtet, so wenig Geld wie möglich auszugeben“, sagt Gemander, der auf seiner Tour dank Nudeln mit Pesto und Porridge als Frühstück recht spartanisch lebte. Jede Nacht schlug er sein Zelt woanders auf. Oft im Wald. Ein mulmiges Gefühl hatte der Sportler aber nie, der Mann der Kilometer hat die Einsamkeit genossen. Dafür trieben ihm aber einige unschöne Zwischenfälle Schweißperlen ins Gesicht.
In Nordmazedonien hatte Gemander seinen ersten Platten. „Dann ging es Schlag auf Schlag.“ Zwar reparierte er mit Flickzeug den Reifen, doch ständig gab es neue Probleme. In Thessaloniki besorgte er dann Dichtmilch und füllte sie in die Schläuche. Doch die Odyssee mit den Löchern ging weiter. In Athen kaufte er daher ein neues Setup. Versprochen wurden ihm Reifen, die nie einen Platten bekommen würden. „Aber nach zehn Tagen ging es wieder los“, erinnert er sich. „Ich glaube, das war einfach Pech. Es war sehr frustrierend.“ Mindestens 50 Platten waren es insgesamt.
Zum Ende hin wurden die Nächte immer kälter. Einmal hatte es nur minus fünf Grad. „Ich hatte aber einen dicken Schlafsack“, sagt Gemander, der wohl höchstens schlecht von seinen Pannen träumte. Nach zwei 2.000er-Pässen in der Türkei und der Ankunft in Tilfis sei er nicht nur total fertig, sondern auch total zufrieden. Per Flugzeug ging‘s heim, wo er nun wieder als Zimmerer arbeitet. Ein Bürojob wäre nichts. Dieser Mann braucht Bewegung. Demnächst auf einem Surfbrett in Marokko.