Kiefersfelden – Die Bestürzung ist groß. In Kiefersfelden und weit darüber hinaus. Selbst beim Polizeipräsidium Oberbayern Süd kann man sich an wenig vergleichbare tragische Unglücke erinnern, die in der Region Rosenheim passiert sind. „So etwas ist eine absolute Seltenheit“, sagt Pressesprecher Michael Spessa. Am vergangenen Freitag war ein Jugendlicher gerade mit zwei Freunden auf einem Hof in Kiefersfelden unterwegs. Dabei bemerkte er eine Stromleitung, die wegen einer dicken Schneeschicht nach unten durchhing.
Um das Leben des
Jugendlichen gekämpft
Kurz darauf wollte der Jugendliche die Leitung von dem Schnee befreien – mit einem metallischen Gegenstand. Medienberichten zufolge soll es sich dabei um eine Teleskop-Astschere gehandelt haben. Dabei bekam der junge Mann einen schweren Stromschlag ab. Aufgrund der rund 20.000 Volt erlitt er lebensgefährliche Verletzungen und musste unter laufender Reanimation mit einem Rettungshubschrauber in ein Krankenhaus gebracht werden.
Nur zwei Tage später folgte die traurige Nachricht aus der Klinik: Am Sonntag, 11. Januar, erlag der Jugendliche seinen schweren Verletzungen. Obwohl derzeit nichts auf ein Fremdverschulden hindeutet und es sich wohl um einen tragischen Unfall handelt, ermittelt seitdem die Kriminalpolizei Rosenheim. Das sei aber nichts Ungewöhnliches, teilt Michael Spessa mit. „Es wird so lange weiter ermittelt, bis der Vorfall vollumfänglich aufgeklärt ist“, erklärt der Polizist. Nicht zuletzt, da die Betroffenen und Angehörigen es verdient hätten, zu wissen, warum der Tod eingetreten ist oder ob das Unglück hätte vermieden werden können.
Dass Unfälle mit starkem Strom allerdings schnell tödlich enden können, kann Prof. Dr. Christian Thilo, Chefarzt der Medizinischen Klinik I – Kardiologie – am Romed-Klinikum Rosenheim, bestätigen. „Extreme Hochspannungsunfälle sind leider meist tödlich“, sagt der Mediziner. Die häufigste Todesursache seien dabei lebensbedrohliche Herzrhythmusstörungen. „Zudem kann der Stromschlag das Atemzentrum oder das Zwerchfell lähmen und der Patient erstickt. Oder das pure Ausmaß der mit dem Strom verbundenen Verbrennungen führt gleich oder zeitversetzt zum Tod“, erklärt Thilo. Bereits geringere Strommengen könnten schwere Herzrhythmusstörungen, unter anderem das sogenannte Kammerflimmern, auslösen. „Das Herz ist besonders zwischen zwei Schlägen empfindlich für elektrische Reize. Bei Kammerflimmern wirft das Herz keinerlei Blut mehr aus, dadurch erfährt unser Hirn nach wenigen Minuten irreversible Schäden“, sagt Thilo. Höhere Strommengen führten zudem zu großer Hitze. Man erkenne daher häufig Hautverbrennungen an der Ein- und Austrittsstelle. „Aber insbesondere das dazwischenliegende Gewebe, zum Beispiel Organe oder Nerven, wird geschädigt“, erklärt der Mediziner. Auch die Stromstärke spielt eine Rolle. „Die Stromstärke wird bei gleichbleibendem Widerstand durch die Höhe der Spannung (Volt) bestimmt“, sagt Christian Thilo. Je höher die Spannung ist, desto höher ist auch die Stromstärke. Und bereits bei niedrigen Spannungen im Haushalt – 230 Volt an einer Steckdose – könne Kammerflimmern ausgelöst werden. „Dramatisch ist die Situation im Hochspannungsbereich, mit Spannungen von mehreren Tausend Volt“, sagt Thilo.
So fließen zum Beispiel durch Oberleitungen an Bahnstrecken rund 15.000 Volt. Wie gefährlich solche Spannungen sein können, zeigten die Fälle, in denen Menschen auf Waggons klettern und einen Stromschlag bekommen. Dabei müsse man die Leitung nicht einmal berühren. „Durch den Lichtbogen ist kein direkter Kontakt zur Stromquelle erforderlich“, sagt Thilo. Entsprechend warnt auch das Polizeipräsidium Oberbayern Süd vor dem Umgang mit Stromleitungen. Bereits die Annäherung an diese könne zu einem Stromschlag führen.
Allerdings kann auch der Kontakt mit geringeren Stromstärken fatal enden. „Wenn der Strom durch den Brustkorb fließt, zum Beispiel von einer Hand zur anderen, können bereits geringe Stromstärken von zehn Milliampere tödlich sein“, sagt Christian Thilo. Er erklärt, dass sich ein leichterer Stromschlag wie „ein kurzer, stechender Schmerz, der mit Hautkribbeln verbunden sein kann“, anfühle.
Abstand unbedingt
einhalten
Für den Fall, dass man beobachtet, wie eine Person einen Stromschlag erleidet, gebe es einiges zu beachten, sagt Thilo. „Bei Hochspannungsunfällen, bei denen die Leitungen in der Regel ja noch aktiv sind, ist ein Abstand von mindestens 20 Metern einzuhalten und dementsprechend sofort der Notruf unter der Nummer 112 zu tätigen“, betont der Mediziner. Bei Niederspannungsunfällen solle man darauf achten, dass die Stromquelle ausgeschaltet ist. Danach könnten die Betroffenen gefahrlos berührt werden.
Bei bewusstlosen Personen in sicherer Umgebung müsse der Ersthelfer möglichst rasch mit einer Herzdruckmassage beginnen. Oberste Priorität müsse aber immer haben, sich nicht selbst in Gefahr zu bringen.