Mühldorf/Waldkraiburg – Hoher Besuch an der Gedenkstätte im Mühldorfer Hart. Über 4.000 Häftlinge wurden als Opfer der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft aus verschiedenen Konzentrationslagern hierher gebracht, um in brutaler Zwangsarbeit einen unterirdischen Rüstungsbunker zu errichten. Über 4.000 von ihnen überlebten diese Arbeit nicht. Die meisten Häftlinge, die hier gefoltert, geschunden und ermordet wurden, waren Juden aus Ungarn. Jetzt war der ungarische Staatspräsident Tamás Sulyok gekommen, um die vielen Landsleute, die verstorben waren und verscharrt wurden, zu ehren und an sie zu erinnern.
Landrat Maximilian Heimerl begrüßte den hohen Gast auf Ungarisch mit den Worten „Szeretettel üdvözöljük“, zu Deutsch „Herzlich willkommen“. Begrüßt wurden vom Landrat auch der ungarische Botschafter und der Generalkonsul von Ungarn in Bayern, MdB Stephan Mayer, MdL Sascha Schnürer, der den Besuch vermittelt hatte, sowie der Landtagsabgeordnete Karl Freller, Direktor der Stiftung Bayerische Gedenkstätten, und Franz Langstein, Vorsitzender des Vereins „Für das Erinnern“.
Die Gäste aus Ungarn nahmen an einem Rundgang über das Gelände teil. Franz Langstein, Vorsitzender des Vereins „Für das Erinnern – KZ-Gedenkstätte im Mühldorfer Hart“ erläuterte die Geschichte des ehemaligen Außenlagers. Gemeinsam gingen sie den Weg vom Gedenkort zum ehemaligen Massengrab, an dem Staatspräsident Tamás Sulyok schweigend innehielt.
In seiner Ansprache erinnerte Landrat Heimerl an die mehr als 8.000 Häftlinge, die im Mühldorfer Hart unter Zwangsarbeit, Misshandlungen und katastrophalen Lebensbedingungen litten. Über 4.000 von ihnen hätten das Lager nicht überlebt.
Der Landrat erinnerte an László Schwarz, einen der ungarischen Zwangsarbeiter. Dieser war als junger Mann aus dem KZ Dachau zur Zwangsarbeit in den Mühldorfer Hart gebracht worden. Er überlebte die schwere Zeit, ging später nach Amerika, kehrte Jahre später nach Deutschland zurück und erinnerte als Zeitzeuge an diese Zeit. Schwarz hatte Schülern bei einem Projekt im Kreis Mühldorf einen Satz mitgegeben: „Bewahrt all unsere Erinnerungen und arbeitet stets daran, eine bessere Zukunft für die gesamte Menschheit – eine Zukunft frei von Hass und Ungerechtigkeit, in der Frieden herrscht und die Liebe über den Hass siegt.“
Diese Worte, so Heimerl, würden immer an die Verantwortung für die Opfer der Gewaltherrschaft erinnern.“
Auch Stephan Mayer ging in seinem Beitrag auf das Leid der Inhaftierten ein. Er würdigte das Engagement jener, die sich über Jahrzehnte hinweg für die Schaffung und den Erhalt eines würdigen Erinnerungsortes eingesetzt haben, insbesondere die Arbeit des Trägervereins: „Die nationalsozialistischen Verbrechen sind nicht irgendwo fernab geschehen, sondern mitten in der Gesellschaft, auch hier, in unserer Heimat.“ Umso mehr sei es bewundernswert, dass Ungarn als erstes Land Europas davon abkam, von einer „Kollektivschuld aller Deutschen“ zu sprechen. Mayer: „Wir sind Ungarn und dem ungarischen Volk zu Dank verpflichtet dafür, dass die Versöhnung über den Hass gesiegt hat.“ Staatspräsident Tamás Sulyok hielt seine Rede in deutscher Sprache. Der Boden des Mühldorfer Harts sei ein stummer Zeuge unermesslichen Leids, sagte er. Menschen seien hier systematisch entrechtet und ihrer Würde beraubt worden. Das ausgelöschte Leben der Opfer dürfe nicht in Vergessenheit geraten. Die Gedenkstätte sei ein angemessener Ort des Erinnerns und mache zugleich deutlich, wozu Menschen imstande seien, wenn Hass und Verachtung die Oberhand gewännen. Eindringlich mahnte Sulyok, jeder Form von Antisemitismus entschieden entgegenzutreten. „Die Erfahrungen des 20. Jahrhunderts müssten uns allen Verpflichtung sein, Diskriminierung und Ausgrenzung niemals wieder zuzulassen“, stellte er fest. Die Bedeutung von Verständigung und Zusammenarbeit zwischen den Völkern müsse eine tragende Säule bleiben. Diesen Gedanken hinterließ er auch im Ehrenbuch des Landkreises: „Tief erschüttert“ habe ihn der Besuch der Gedenkstätte, denn hier erfahre man die Schrecken des Krieges und das entsetzliche Leid der unschuldigen Opfer ganz unmittelbar – „ihr Leid wird uns für immer eine Mahnung sein“. Eine Kranzniederlegung und eine Schweigeminute bildeten den Schlusspunkt der würdigen Gedenkfeier, die musikalisch von Mitgliedern der Blaskapelle Altmühldorf begleitet wurde. Gerd Kreibich