Nußdorf – In der großen, nüchtern ausgeleuchteten Messehalle 25 der Grünen Woche in Berlin verliert sich manches im Stimmengewirr, im sachlichen Ablauf, in der Routine eines Schauprogramms, das auf Präzision und Vergleichbarkeit angelegt ist. Doch manchmal genügt ein Pferd, um die Aufmerksamkeit zu bündeln. Als bei der Bundesschau der Süddeutschen Kaltblüter 2026 die Stute Finesse G in den Ring tritt, wird es spürbar stiller. Rund 3000 Zuschauer verfolgen das Geschehen, konzentriert und fachkundig, und doch liegt für einen Moment etwas wie Spannung in der Luft: die Erwartung, dass hier nicht nur ein korrektes Tier gezeigt wird, sondern eines mit Ausstrahlung. Finesse G, vorgestellt von Sebastian und Sabine Grandauer aus Nußdorf am Inn, bestätigt diesen Eindruck – und wird schließlich zur Reserve-Bundessiegerstute gekürt, bei einer Bundesschau, die in diesem Jahr auch im Zeichen eines Jubiläums stand: 100 Jahre Grüne Woche. Zugleich sicherte sie sich in der Kategorie der Jungstuten den Titel der Reservesiegerin, denn bewertet wurde – wie üblich – getrennt nach jungen und älteren Stuten. Ein Richter lobte sie dabei ausdrücklich als „bewegungsstärkste Stute“ der gesamten Messe.
Das Prädikat ist mehr als eine schöne Schärpe, mehr als ein Eintrag in der Chronik. Es verweist auf Zuchtarbeit, die über Jahrzehnte hinweg nicht auf Effekt, sondern auf Substanz setzt – und auf einen Hof, der im Inntal eine eigene Handschrift entwickelt hat. Die Familie Grandauer züchtet seit den 1960er-Jahren Kaltblüter, mitten in Nußdorf, dort, wo die Ebene langsam aufbricht und die Berge beginnen. In dieser Gegend sind Pferde nie bloß Tradition gewesen, sondern lange Zeit Teil eines bäuerlichen Alltags, geprägt von Holzrückung, Almwirtschaft und dem Wissen darum, dass ein Arbeitstier nicht nur kräftig sein muss, sondern verlässlich, ausgeglichen, belastbar. Wer hier züchtet, denkt selten in Saisonen – eher in Generationen.
Finesse G steht genau für diese Haltung. Ihre Abstammung führt über Schmauzenberg, Siox, Rio bis zur Fürstin G und damit in eine Linie, in der Prämierungen keine Ausnahme sind. Staatsprämien und Verbandsauszeichnungen gehören in dieser Familie von Pferden gewissermaßen zur genetischen Grundausstattung. Die Stute trägt die Kennzeichen SPAV/VBP, ist leistungsgeprüft und mehrfach prämiert worden – nun auch auf Bundesebene. Damit zählt sie nachweislich zu den besten Stuten ihres Jahrgangs im bayerischen Zuchtgebiet, und genau diese Mischung aus korrektem Fundament, harmonischem Exterieur und klarer Bewegung war es, die in Berlin überzeugte. Der Applaus nach der Entscheidung fällt nicht euphorisch aus, dafür umso ehrlicher: in solchen Hallen klatscht man nicht aus Höflichkeit, sondern aus Anerkennung.
Sebastian Grandauer verfolgt diesen Moment mit einer Art stiller Zufriedenheit, die besser zu Nußdorf passt als große Gesten. „Es ist eine große Ehre“, sagt er. „Wir haben viele gute Pferde gezüchtet, aber eine Reserve-Bundessiegerstute – das ist etwas, das bleibt. Es zeigt, dass unsere Linie nicht nur regional, sondern auch bundesweit Bestand hat.“ Er spricht über Finesse G nicht in Superlativen, sondern in Eigenschaften: ruhig, klar im Kopf, mit Ausdruck. Man merke ihr an, dass sie nicht zufällig so geworden sei, sondern aus einer Linie komme, die über Generationen gepflegt wurde. „Sie steht für das, was wir züchterisch wollen“, sagt Grandauer – und in diesem Satz steckt auch ein wenig die Abgrenzung gegen jene Form von Zucht, die sich am schnellen Markt orientiert. „Unsere Pferde sollen zur Landschaft passen, zur Arbeit, zum Menschen. Wir züchten nicht für den Markt, sondern für die Praxis. Wenn dann eine Stute wie Finesse G auch in Berlin überzeugt, ist das die schönste Bestätigung.“
Als die Halle sich am Ende leert, die Pferde verladen werden und der Messebetrieb wieder in sein Grundrauschen zurückfällt, bleibt die Schärpe ein sichtbares Zeichen – für Qualität, für Kontinuität, für Zuchtarbeit aus der Region, die weit über sie hinaus strahlt. In Nußdorf wird man diesen Erfolg vermutlich nicht laut feiern. Aber man wird ihn erinnern, beim Blick in den Stall, beim Gespräch am Wegrand, irgendwann auch als Maßstab für die nächste Generation. Denn Finesse G ist mehr als eine ausgezeichnete Stute. Sie ist ein Stück gelebte Zuchtgeschichte – und ein Versprechen, dass diese Geschichte weitergeht. stv