München/Rosenheim – Auf der einen Seite der Münchner Hauptbahnhof, der gerade abgerissen wird. Auf der anderen Seite eine Benko-Ruine, ein vor sich hinverfallender Kaufhof. Wenige Schritte weiter, im „Maritim“-Hotel an der Goethestraße, sprechen die Chefs von Westbahn und Bayerischer Regiobahn über die Lage und verkünden ihre „Neujahrswünsche“ an die DB Infra Go.
Die Ruinenlandschaft im Bahnhofsviertel ist die richtige Kulisse für ihre Pressekonferenz. Denn die Lage im Schienenverkehr ist miserabel. Wer’s als Bahnreisender noch nicht selbst erlebt hätte, der wäre endlich im „Maritim“ ins Tal der Tränen gelangt.
Eine Wutrede
auf Österreichisch
Eine Wutrede in charmantem Österreichisch: Das war‘s, was Thomas Posch von der Westbahn ablieferte. Als man 2022 ins Deutschland-Geschäft eingestiegen sei, habe man sich auf das Mittelalter eingestellt. „Gelandet sind wir aber in der Steinzeit“, wie Posch schimpfte.
Kundeninformation sei „ein Fremdwort“, überhaupt herrsche Chaos allerorten. Züge würden auf Gleise geleitet, „wo sie mit den Bahnsteigdächern kollidieren würden“, wenn nicht die Zugführer noch reagierten.
Sein Kollege von der Bayerischen Regiobahn (BRB) stimmte in das Klagelied ein. Arnulf Schuchmann sprach von Toiletten, für die kein Wasser nachgeliefert werde, von Zügen, die nicht gereinigt werden könnten, weil die Reinigungstrupps die Züge nicht mehr finden könnten, von Bahnsteigen, die zu kurz seien, von kaputtgesparter Infrastruktur. Von Verspätungen und unberechenbaren Abfahrten. Und das offenbar besonders schlimm in der Region Rosenheim. „Südöstlich von München“, klagte auch Posch, „interessiert die DB nichts mehr.“
Um den Betrieb am Laufen zu halten, aber auch um den Frustfaktor von Reisenden und Mitarbeitern zu senken, haben die beiden drei Kernforderungen an die DB Infra Go gestellt. Forderungen, die auch bei maroder Infrastruktur zu erfüllen sein sollten.
„Baustellen sind kein Überraschungsei“, las Posch vor, die Partner von der Westbahn und der BRB erwarten demnach „mehr Vorlauf, weniger Überraschungen“. Des Weiteren: „Planungssicherheit ist kein Würfelspiel“, womit zuverlässige Pläne sowohl für die Züge als auch die Fahrgäste gemeint sind. Außerdem „Schluss mit dem Zuständigkeits-Pingpong“, was laut den beiden Chefs „klare Verantwortung statt Chaos“ beinhalte.
Baumaßnahmen
ohne Sinn und Verstand
Ob das was wird? Die Worte der Geschäftsführer von BRB und Westbahn zeugten eher von Frust als von Hoffnung, mit den Forderungen durchzudringen.
Die Infrastruktur ist, das wusste man schon vor der Pressekonferenz, marode. Das Treffen im „Maritim“ brachte aber auch ans Licht, wie fahrlässig offenbar Schienenpolitik in Deutschland betrieben wird. Die Bahn zieht Baumaßnahmen nach den Worten von Posch und Schuchmann mitunter ohne Sinn, Verstand und Gehör für bessere Vorschläge durch.
Es wird noch
schlimmer für Rosenheim
Das hat Folgen. Schon dieses Jahr. Und zwar für Bahnreisende aus der Umgebung von Ostermünchen und Großkarolinenfeld. Weil die Strecke Nürnberg-Passau ab 7. Februar saniert wird und Verkehr von dort auf die Strecke München-Salzburg umgeleitet wird, werden Aßling, Ostermünchen und Großkarolinenfeld demnächst nur noch alle zwei Stunden angefahren. Bis Dezember 2026 wird das dauern. Doch es kommt noch ärger.
Ab Februar 2027 steht die Generalsanierung der Strecken München-Rosenheim und Rosenheim-Salzburg an. Und das mit monatelangen Vollsperrungen. Zwar mehren sich die Stimmen, die den Sinn einer solchen Vollsperrung bezweifeln, doch scheint die Bahn nicht willens, Alternativen zu prüfen.
So steuert die Region auf ein Chaos aus Umleitungen und Ersatzverkehr zu. „Das menschlich-organisatorische Versagen bei der DB Infra Go geht auf keine Kuhhaut mehr“, schimpfte Schuchmann, der zudem seinen „sehr, sehr großen Frust“ bekundete. Die Pläne zur Generalsanierung und zu monatelangen Sperren sehe er mit „großer Sorge“. Wegen der Einbußen und organisatorischen Probleme für seine BRB. Aber auch wegen der Probleme für Pendler und Touristen, wie er dem OVB sagte: Die Passagiere eines Zuges in 50 Bussen im Schienenersatzverkehr auf der überlasteten A8 – „das wird nicht funktionieren“. Sein Fazit: Die Vollsperre ab 2027 – „das sind 60 Kilometer Wahnsinn“.