Vogtareuth – Die Petition zum „Erhalt der Station Jerwa in Vogtareuth“ ist am Dienstag (27. Januar) Thema im Ausschuss für Gesundheit, Pflege und Prävention des Bayerischen Landtages. Elke Fischer-Wagemann aus Nürnberg wird dabei sein. Sie hatte die Petition Anfang Oktober 2025 gestartet und im Bayerischen Landtag eingereicht. Mehr als 30.000 Menschen unterstützen ihre Forderung nach einer gesetzlich verankerten, ganzheitlichen medizinischen Versorgung für junge Erwachsene mit Behinderung beim Übergang von der Neuropädiatrie in die Erwachsenenmedizin.
Inklusive Medizin ist ein
Menschenrecht
„Inklusive Medizin ist kein Luxusgut, sondern ein Menschenrecht“, betont Fischer-Wagemann. Nach Artikel 25 der UN-Behindertenrechtskonvention haben Menschen mit Behinderungen das Recht auf eine Gesundheitsversorgung in derselben Bandbreite, von derselben Qualität und auf demselben Standard wie andere Menschen.
In der Jerwa wurde inklusive Medizin gelebt. „Die Schön-Klinik hat das dankenswerterweise den öffentlichen Krankenhäusern abgenommen“, sagt Landtagsabgeordneter Andreas Winhart (AfD).
Er ist Mitglied des Gesundheitsausschusses und wird gemeinsam mit Helmut Schnotz (CSU) seinen Landtagskollegen über die Petition Bericht erstatten. Die Frage sei, ob und inwieweit der Freistaat auf private Klinikträger Einfluss nehmen könne, sagt Winhart. Und auch das Gesundheitsministerium hatte auf OVB-Anfrage schon mehrfach klargemacht: „Krankenhäuser sind keine nachgeordneten Behörden des Staates, sondern eigenständige Wirtschaftsunternehmen.“
Demzufolge seien sie auch an keine staatlichen Weisungen gebunden, was das vorzuhaltende Angebot betrifft.
Dass der Gesundheitsausschuss die Petition genau mit diesem Argument und ohne Diskussion ad acta legen könnte, befürchten Rainer und Beate Greimel aus Ampfing. Für ihren Sohn Moritz und andere Menschen mit Behinderungen haben sie für den Erhalt der Jerwa-Station gekämpft. Die Beratung im Landtag verbinden sie mit der Hoffnung, dass das Modell Schule macht.
Die Basis dafür ist gelegt. Mit der Jerwa in der Praxis. Und mit der Uni Augsburg in der Wissenschaft. „Medizinische Regelversorgung muss so gestaltet werden, dass sie von Menschen mit und ohne Behinderungen barrierefrei genutzt werden kann“, betont Professorin Dr. Birgit Prodinger. Sie hat den Lehrstuhl für die Medizinische Versorgung von Menschen mit Behinderung und Teilhabebeschränkungen inne. Dieser wurde 2023 an der Medizinischen Fakultät der Universität Augsburg eingerichtet. Wissenschaftsminister Markus Blume (CSU) würdigte ihn damals als „Leuchtturm, um die Versorgung von Menschen mit Behinderungen auf ein höchstmögliches Niveau zu heben“.
Der Leuchtturm in der Praxis – die Jerwa-Station in Vogtareuth – wurde vom Netz genommen. Dabei lebte Jerwa vor, was die Wissenschaft für die medizinische Regelversorgung fordert: „Bauliche, kommunikative, strukturelle und personelle Barrieren müssen abgebaut werden, damit Menschen mit Behinderungen gleichberechtigt medizinisch versorgt werden können“, so Prodinger. Durch spezialisierte Angebote könnten „die sich über die Lebensspanne hinweg verändernden Bedarfe und Ressourcen eines Menschen mit Behinderungen optimal versorgt werden – präventiv, kurativ, rehabilitativ und palliativ“. Grundlegend dafür sei eine kontinuierliche, sektorenübergreifende, multiprofessionelle, interdisziplinäre und ganzheitliche Versorgung, einschließlich der Heil- und Hilfsmittelversorgung.
Genau eine solche ganzheitliche Versorgung wollten Elke Fischer-Wagemann und die mehr als 30.000 Unterstützer mit ihrer Petition an der Jerwa erhalten. Jetzt geht es darum, sie deutschlandweit zu verankern: „Deshalb fordern wir eine flächendeckende inklusive Medizin“, so Fischer-Wagemann.
Kann die Beratung im Gesundheitsausschuss dafür den Weg ebnen? Andreas Winhart ist der Meinung, dass es künftig auch für Menschen mit Behinderung spezialisierte Angebote geben sollte. Sein Argument ist die Altersmedizin: „An der Entwicklung der Geriatrie sehen wir, wie gut es für unser Gesundheitssystem ist, wenn sich die Medizin an spezifischen Patientengruppen orientiert.“
Für den Umgang mit einer Petition gibt es nach der Geschäftsordnung des bayerischen Landtages sechs Optionen. Eine davon wäre, „ihr nicht Rechnung zu tragen“, weil die Jerwa an der Schön-Klinik Vogtareuth ja nicht mehr erhalten werden kann.
Der Gesundheitsausschuss könnte die Petition auch „für erledigt“ erklären. Andreas Winhart hofft, dass sie „an die Staatsregierung zur Berücksichtigung, zur Würdigung und als Material überwiesen“ wird. Mit dem Ziel, dass inklusive Medizin in Bayern stärker gefördert wird.
Ruf nach stärkerer
Verankerung
Das Hauptanliegen der Petition war der Erhalt der Jerwa-Station. Doch in der Begründung zur Petition macht Elke Fischer-Wagemann auch klar, dass es um weitaus mehr geht: „Medizinische Versorgungsangebote für schwerstmehrfach behinderte erwachsene Menschen müssen wissenschaftlich, politisch und gesetzlich stärker verankert werden, damit sie im Gesundheitssystem eine echte Stimme erhalten.“
Ziel der Petition ist es, das erfolgreiche Konzept der Jerwa bundesweit an Kliniken umzusetzen. Bernhard Seidenath (CSU), der Vorsitzende des Gesundheitsausschusses, macht Hoffnung, dass der Weg dafür bereitet werden könnte, denn: „Wir haben die Möglichkeit, die Petition an den Bundestag weiterzuleiten.“
„Wenn das gelingen würde, hätten wir viel erreicht“, sagen die Greimels. Dafür wollen sie am Dienstag im Landtag Gesicht zeigen und sich weiter engagieren. Auch Elke Fischer-Wagemann bleibt kämpferisch – unabhängig davon, ob sie der Beratung nur zuhören oder sich als „Petentin“ ausführlicher erklären darf. „Wenn der Ausschuss es für erforderlich hält, kann ihr im Einzelfall die Gelegenheit eingeräumt werden, ihr Anliegen kurz mündlich zu erläutern“, informiert das Landtagsamt auf OVB-Anfrage. Eine Expertenanhörung ist nicht geplant. Die Menschen, die in der Jerwa inklusive Medizin entwickelt und gelebt haben, kommen nicht zu Wort.