Aschau/Hamburg – Am frühen Morgen des 3. Oktober 2022 kam Hanna Wörndl nach einem Besuch des Clubs „Eiskeller“ in Aschau im Chiemgau zu Tode. Und zwar unter bis heute ungeklärten Umständen. Nun hat Heike Pommer eine dreiteilige Doku über den Fall und die Verhandlung gegen Sebastian T. gedreht. Was sie an dem Fall berührt, wie es der Familie des freigesprochenen Angeklagten geht und zu welchem Fall sie Parallelen sieht: Das verriet sie dem OVB im Exklusivgespräch.
Sie wohnen in Hamburg, hoch im Norden. Was an diesem Fall im tiefsten Oberbayern ist für Sie so interessant?
Da gibt es zwei Gründe. Zum einen ist es ja so, dass die Landesrundfunkanstalten der ARD für die Mediathek Crime-Time-Serien mit bundesweitem Fokus produzieren, und die müssen nicht zwangsläufig immer im jeweiligen Sendegebiet spielen. Und ich habe natürlich die Presse mitverfolgt und vom Tod dieser jungen Studentin gelesen. Ich habe selbst Kinder. Und so habe ich großes Mitgefühl mit den Angehörigen. Deswegen habe ich den Fall von Anfang an mitverfolgt. Und dann trat Strafverteidigerin Regina Rick in das Verfahren ein. Und da wurde ich nochmals anders auf den Fall aufmerksam.
Sie kannten Regina Rick bereits?
Ja, ich kenne Regina Rick schon länger. Weil ich Filme über sie gemacht habe und weil ich auch den Genditzki-Fall begleitet habe. So war mein Interesse geweckt, und ich habe gefragt, was da los ist. So ist das in Gang gekommen.
Sehen Sie Parallelen zwischen dem Fall Genditzki und dem Verfahren um den Tod von Hanna Wörndl?
In gewisser Weise natürlich schon. Da haben zwei Menschen zu Unrecht im Gefängnis gesessen, und ich glaube, dass in beiden Fällen irgendwann nur noch in eine Richtung ermittelt wurde.
Dass Sebastian T., der Angeklagte im Eiskeller-Prozess, mit Hannas Tod nichts zu tun hat, stellte am Ende die Richterin fest. Ab wann hatten Sie persönlich die Überzeugung, dass Sebastian T. zu Unrecht auf der Anklagebank sitzt?
Tatsächlich ungefähr mit dem ersten Urteil. Ich fand, dass die Beweislage einfach überhaupt nicht ausgereicht hat. Für mich gab es aus journalistischer Sicht zu viele Widersprüche und Ungereimtheiten. Und es gab keine DNA-Spuren, keine Tatwaffe, kein Geständnis. Und genau das war der Punkt, an dem ich hellhörig geworden bin.
Wie haben Sie sich über den Fall informiert?
Ich habe natürlich zum einen sehr viel gelesen, ich habe mit vielen Kollegen gesprochen, die zu diesem Zeitpunkt den Fall eng verfolgt haben und auch beim ersten Prozess schon anwesend gewesen waren. In der Arbeit als Autorin ist es wichtig, einen Fall nicht nur inhaltlich, sondern auch auf emotionaler Ebene zu verstehen und trotzdem den gebotenen journalistischen Abstand zu halten.
Es ist ja noch nicht einmal klar, ob es ein Unfall oder ob es nun ein Gewaltverbrechen war. Die Verteidigung sagt, es war ein Unfall. Die Staatsanwaltschaft geht weiter von einem Gewaltverbrechen aus. Hätte das Gericht in der zweiten Verhandlung vielleicht doch klären sollen, was da passiert ist?
Sie waren ja selbst bei der Urteilsverkündung dabei. Und dabei hat Richterin Will ja erklärt, warum sie dieses Verfahren so aufgebaut hat, dass man zunächst aus verfahrenstechnischen oder vielmehr verfahrensökonomischen Gründen erst mal die Schuldfrage von Sebastian T. klären wollte. Und als die Kammer dann frühzeitig davon überzeugt war, dass Sebastian T. keine Schuld am Tod von Hanna trifft, musste sie diesen Prozess nicht mehr weiterführen. Diese Frage war geklärt – die Frage, ob Sebastian T. Schuld trifft oder nicht.
Ist es nicht bedauerlich, dass es so gar nicht mehr um das Ereignis selbst ging?
Es ist natürlich schade. Man sieht in meinem Film, dass die Verteidigung viele Gutachter hinzugezogen hat, um ihre Unfalltheorie zu beweisen. Wenn man sich das Gesamtbild anschaut, hätte es ganz gutgetan, wenn man diese Gutachter noch gehört hätte. Wie wichtig es gewesen wäre, wenn die Eltern die letzten Sekunden im Leben ihrer Tochter irgendwie nachzuvollziehen könnten, hat ja auch ihr Anwalt Walter Holderle immer wieder betont. Ich kann mir vorstellen, dass es für alle Seiten besser gewesen wäre, man hätte das aufgeklärt.
Mit wie vielen Menschen konnten Sie sprechen?
Diejenigen, die vor die Kamera treten wollten, sind in meinem Film zu sehen. Da sind Gutachter, Rechtsmediziner, der Sprecher des Oberlandesgerichts München, da ist der Anwalt der Familie, da sind die Verteidiger. Ich habe auch mit vielen Journalisten sprechen können. In der Dokumentation steckt viel journalistische Recherchearbeit, aber letztendlich ist nur ein Teil davon zu sehen.
Hannas Eltern hatten schon zu Beginn des zweiten Prozesses die Hoffnung aufgegeben, noch etwas über den Tod ihrer Tochter zu erfahren.
Ich verstehe das gut. Sie waren trotzdem immer sehr freundlich und haben mir auch Bilder von Hanna zur Verfügung gestellt. Aber in dieser Doku geht es nicht primär darum, was Hanna passiert ist, sondern darum, wie jemand unschuldig im Gefängnis landen konnte. Dennoch habe ich aus Respekt vor den Eltern versucht, Hanna zu würdigen, so gut es ging mit den Informationen, die ich hatte. Ich hoffe, das ist mir gelungen.
Wenn er es nicht war, warum sagt er es dann nicht vor Gericht? Das denken sich womöglich noch heute viele Menschen in der Region.
Sebastian T. hat ja niemals ein Geständnis abgelegt.
Richtig.
Warum er nichts vor Gericht gesagt hat, kann ich natürlich abschließend nicht beantworten. Man muss wissen, dass Sebastian T. nicht besonders gewandt mit Worten ist. Und ich denke, dass die Verteidigung sehr schnell zu dem Schluss gekommen ist, dass Sebastian T. den Fragen der Staatsanwaltschaft und des Gerichts möglicherweise nicht gewachsen ist. Das war, glaube ich, der Grund, warum er nicht gesprochen hat.
Jetzt ist er zu Hause in Aschau. Im selben Ort wie die Familie von Hanna. Wie haben Sie die Stimmung erlebt?
Wie ich es mitbekommen habe, ist es nicht immer einfach. Ich habe den Film natürlich mit dem Urteil beendet. Zur Stimmung kann ich wenig sagen, aber ich habe viele Gespräche mit der Mutter und der Familie geführt. Die erzählten mir, wie die Menschen reagieren. Es gab Menschen, die weiterhin freundlich waren und sie grüßten. Es gab aber auch Menschen, die sich umgedreht oder die Straßenseite gewechselt haben. Das war, als Sebastian noch angeklagt war. Ob sich das heute geändert hat, kann ich nicht sagen. Ich weiß aber, dass Sebastian auch Freunde verloren hat. Ich hoffe jetzt, nach dem Urteil, dass die Menschen nachdenken und Sebastian eine Chance geben.
War das ein Filmbeitrag wie viele andere auch, oder wird Sie der Fall länger beschäftigen?
Nein, das war kein Film wie viele andere. Dieser Film hat mich persönlich sehr interessiert, betroffen und in vielerlei Hinsicht berührt. Und ich werde immer ein Auge darauf behalten, wie es weitergeht und ob nun weiter ermittelt wird. Wenn die Staatsanwaltschaft immer noch davon ausgeht, dass ein Unfall nicht infrage kommt, müsste man ja eigentlich weiter ermitteln.
Einen Ermittlungsauftrag gibt es nur, wenn es neue Ermittlungsansätze gibt. Sehen Sie die Möglichkeit?
Ich glaube nicht. Aber auf meine Anfragen an die Staatsanwaltschaft wurde mir mitgeteilt, dass sie erst das schriftliche Urteil prüfen und sich danach äußern werden. Michael Weiser