Mitten im Leben

von Redaktion

Zwischen Himmel und Erde

„Bei mir ist aber gerade nicht aufgeräumt,“ sagt der ältere Herr an der Haustüre, als ich ihn ein paar Tage nach seinem Geburtstag daheim besuche. Er bittet mich trotzdem herein, nachdem ich ihm versichert habe, dass mir das ehrlich nichts ausmacht. Am Küchentisch ergibt sich ein richtig herzliches und tiefes Gespräch. Mitten im Leben. Genau so, wie es dort im Moment eben ist. Der Mann erzählt mir erst von seiner schönen Geburtstagsfeier. Aber dann eben auch von seinen Nöten und Sorgen, von der Einsamkeit, mit der er im Alter zurechtkommen muss. Als ich nach einer Stunde wieder gehe, bin ich froh, nicht am Geburtstag gekommen zu sein. Tatsächlich sitze ich lieber zu einer wirklichen Begegnung in einer unaufgeräumten Küche, als zum Smalltalk mit Festgeschirr aus der guten Vitrine. In England hieß es früher: „Egal, wo die Königin hinkommt, irgendwie riecht es dort immer frisch gestrichen.“ Dieses Sprichwort sagt, wie sehr wir das Leben für besondere Anlässe herausputzen. Wir zeigen den Schein und unsere aufgeräumte Fassade. So volksnah die Queen auch sein wollte, wenn sie zu Besuchen in Altenheime oder andere Einrichtungen kam, erlebte sie doch nie den wirklichen Alltag. „Der Mensch sieht, was vor Augen ist, Gott aber sieht das Herz“, heißt es an einer Stelle der Bibel. Ihm müssen wir überhaupt nichts vormachen. Er weiß um unser Leben, wie es ist. Ihm muss ich nichts erklären oder mich für irgendetwas rechtfertigen. Das empfinde ich als große Entlastung. Aber auch als Ermutigung, auch nach außen nicht vorgeben müssen, jemand ganz anderes zu sein.

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