Raubling – Johannes Neiderhell aus Kleinholzhausen hat die Petition auf den Weg gebracht. Er fordert eine „Renaturierung im Sinne der Bürger“ sowie eine „Nutzungsänderung“ der Hochrunst-, Koller- und Sterntaler Filze. Wie viele Menschen in der Gemeinde Raubling plagt ihn die Sorge, dass sich die katastrophale Flut von 2024 wiederholen könnte. Am 3. Juni schoss das Wasser damals aus allen Richtungen nach Nicklheim, Kirchdorf und Raubling. Und wie bei jedem Unwetter kamen Großteile davon aus dem Moor.
„Die Fuizn sind unser Problem“, sagen viele Raublinger und stehen einer weiteren Renaturierung der Moore kritisch gegenüber.
Wirken gesunde Moore als
Puffer oder Verstärker?
Dass gesunde Moore bei Starkregen als Puffer wirken, können viele Raublinger Flutopfer aus eigener Beobachtung nicht bestätigen. Auch die Einschätzung der Hydrogeologen der Bayerischen Staatsforsten, die inzwischen durch erste Pegelmessungen gestützt wird, vermag ihre Sorgen nicht zu zerstreuen. Demnach habe die starke Zersetzung der Moorschicht dazu geführt, dass sich viel Lehm mit zersetztem Torf vermischt habe – ein Boden, der nur noch begrenzt Wasser aufnehmen könne. In der Folge fließe Regenwasser deutlich schneller aus dem Moor ab.
Johannes Neiderhell kennt das Moor wie seine Westentasche. Seit 40 Jahren pflegt er ein Waldstück am Rande der Sterntaler Filze und beobachtet das Zusammenspiel von Natur und Wetter. Seine Erfahrung: „Bei mittelmäßigem Grundwasserstand bewirken die Moore bei Starkregen eine gewisse Verzögerung des Hochwassers und tragen tatsächlich zum Hochwasserschutz bei.“
Gleichzeitig ist er überzeugt, dass die geplante Wiedervernässung der Moore bei Starkregen das Hochwasserproblem in Raubling verschärfen könnte: „Ein voller Schwamm kann kein Wasser mehr aufnehmen. Und eine volle Badewanne läuft irgendwann über.“
Fiktive Berechnung
macht Sorgen
Um seine Sorge zu verdeutlichen, hat er seiner Petition eine fiktive Berechnung beigefügt. Sie soll zeigen, was passieren würde, wenn es wie 2024 wieder 120 Liter Niederschlag pro Quadratmeter innerhalb von sechs Stunden gäbe und zusätzliche 130 Hektar Moorfläche renaturiert wären: „Dann würden etwa 156 Millionen Kubikmeter Wasser mehr als beim Hochwasser von 2024 die Orte innerhalb von ein paar Stunden überfluten.“
Neiderhell warnt vor „massiven Gefahren für die Bewohner“ – insbesondere für ihre Häuser und Grundstücke. Mit einem Blick in die Historie erklärt er die besonderen Wechselwirkungen in der Moor-Nachbarschaft: „Über viele Jahrzehnte wurde der Grundwasserspiegel der Moore abgesenkt, um Torf stechen zu können. Entsprechend diesem Grundwasserspiegel wurden die Siedlungen in Nicklheim und Raubling-West errichtet und die Bebauungshöhen der Häuser festgelegt.“
Mit der Renaturierung werde der Grundwasserspiegel nun wieder künstlich angehoben, ohne die Auswirkungen auf die bestehende Bebauung zu berücksichtigen. Neiderhell will mit seiner Petition auch verhindern, dass „die Bürger unter solchen Experimenten des Staates leiden“. Keine Versicherung werde für „bewusst herbeigeführte“ Überflutungen aufkommen. „Oder verpflichtet sich der Freistaat mit der Renaturierung der Moore auch dazu, künftige Überflutungsschäden auf seine Kosten zu regulieren?“, fragt er in der Petition.
Die nächste Renaturierungs-Etappe der Hochrunst- und Kollerfilze bei Nicklheim liegt in der Verantwortung des Forstbetriebes Schliersee der Bayerischen Staatsforsten. Dieser hatte auf die Bedenken der Bevölkerung schon im September 2025 reagiert und das Projekt zeitlich gestreckt. „Die Anliegen der Bürger fließen in den weiteren Verlauf ein“, versicherte Forstbetriebsleiter Lasse Weicht und kündigte an, dass der Fokus bis Mitte 2026 auf einer sorgfältigen Beobachtungs- und Analysephase der Messpegel liege. Wasserstände würden kontinuierlich gemessen. Anhand der Daten werde die bisherige Planung evaluiert.
„Der Verbau der Entwässerungsgräben soll in den verschiedenen Teilflächen zeitlich gestaffelt erfolgen“, informierte Lasse Weicht. Die erste Bauphase beginne frühestens im Herbst 2026 in den bebauungsferneren Bereichen. Danach finde ein einjähriges Monitoring der Wasserstände statt, bevor die zweite Bauphase im Frühjahr 2028 folgen solle. Es würden keine Entscheidungen getroffen, bevor ein neues Gutachten vorliege, versicherte auch Bayerns Umweltminister Thorsten Glauber erst kürzlich in Raubling.
Alternativvorschlag:
ein Waldumbau
Johannes Neiderhell vertraut weder Pegelmessungen noch neuen Gutachten. Sein Argument: „Was ist, wenn es 2026 und 2027 keine Starkregenereignisse gibt? Dann spiegeln die Messergebnisse nicht das Extremereignis von 2024 wider. Die Moore würden auf falscher Grundlage renaturiert – und danach könnte die Katastrophe erst richtig eintreten.“
Johannes Neiderhell ist keiner, der nur kritisiert. Deshalb unterbreitet er einen Alternativvorschlag und stützt die geforderte „Nutzungsänderung der Moore“ auch mit Zahlen: „Moor ist ein guter CO2-Speicher. Die Torfschicht wächst um etwa einen Millimeter pro Jahr.“ Positive Effekte einer Renaturierung würden die Raublinger demnach erst in Jahrhunderten spüren.
Wasserspiegel müsste
abgesenkt werden
Von einem Waldumbau hingegen, so Neiderhell, würden Mensch, Natur und Klima sofort profitieren: „Wenn auf den bereits abgeholzten Flächen ein Mischwald angepflanzt wird, verbessern wir nicht erst in 100 Jahren, sondern ab dem ersten Tag die CO2-Bilanz.“ Ein Hektar Mischwald produziere zwischen 15.000 und 30.000 Tonnen Sauerstoff pro Jahr. „Herabfallendes Laub schützt den Boden, speichert CO2 und baut wertvollen Humus auf. Gleichzeitig speichert es Feuchtigkeit und gibt Nährstoffe frei“, erklärt Neiderhell. Außerdem wirke ein Mischwald durch Verdunstung und Schatten als natürlicher Kühlfaktor für das Mikroklima.
„Für einen Mischwald“, erklärt Neiderhell, „müssten die Wasserstände abgesenkt werden.“ Auf diese Weise entstünde seiner Meinung nach ein „natürliches, effektives Rückhaltebecken“ zum Hochwasserschutz der Gemeinde. Blicke man weiter in die Zukunft, könnte dieser Wald dann auch zu einem geschützten Natur- und Freizeitpark entwickelt werden.
Am 19. Januar hat er die Petition mit Unterstützung zahlreicher Flutopfer beim Bayerischen Landtag eingereicht. Mittlerweile liegt ihm die Bestätigung vor, dass der Ausschuss für Umwelt und Verbraucherschutz die Angelegenheit beraten wird. „Wir haben von der Staatsregierung eine Stellungnahme zum Sachverhalt angefordert“, informiert das Landratsamt. Ein Termin für die öffentliche Beratung steht noch nicht fest.