Rosenheim – Viel Zeit hat Prof. Dr. Christian Zeckey zurzeit nicht. Der Chefarzt im Zentrum für Orthopädie und Unfallchirurgie Rosenheim-Bad Aibling bei den Romed-Kliniken hat gerade viele Patienten zu versorgen. Ganz überraschend kommt das nicht: Es ist Winter. Während neben den „normalen“ Verletzten an den eisigen Tagen Anfang Januar zahlreiche gestürzte Fußgänger oder Radfahrer ins Krankenhaus mussten, herrscht zurzeit auch Hochsaison in den Skigebieten. Und das sorgt für Hochbetrieb in den Kliniken.
Systematische
Erfassung
Das berichtet zumindest der Gesamtverband der Versicherer (GDV). Eine Unfallanalyse habe gezeigt, dass in der Saison 2024/2025 1,9 Kollisionen je 1.000 Skifahrer passierten, so viele wie seit Beginn der systematischen Erfassung vor fast 50 Jahren nicht, teilt der Verband mit. Zwischen 51.000 und 53.000 Skifahrer hätten hochgerechnet ärztlich versorgt werden müssen. So sei die Anzahl der Skiunfälle gegenüber der Vorsaison auf jeden Fall gestiegen.
In dieser Saison sollen allerdings noch einmal mehr Unfälle passieren. Den Eindruck kann ein Sprecher der Alpinen Einsatzgruppe Mitte der Grenzpolizei in Raubling auf OVB-Anfrage bestätigen. Die Polizisten sind staatlich geprüfte Polizeiberg- und Skiführer und ermitteln bei Vorfällen in den Bergen. Ohne genaue Zahlen für dieses Jahr zu haben, sei wohl ein leichter Anstieg in den Skigebieten des Landkreises Rosenheim und Miesbach zu erkennen.
Dabei spiele aber auch immer die Schneehöhe eine Rolle. Aufgrund der Schneefälle zum Jahreswechsel sei – anders als noch im vergangenen Jahr – in den Weihnachtsferien auf den Pisten „einiges los gewesen“. Das kann auch der Verband Deutscher Seilbahnen und Schlepplifte bestätigen. Der Verband zieht eine „positive Zwischenbilanz“ der laufenden Wintersaison. „Der frühe Saisonstart im November und die klirrende Kälte ab Ende Dezember mit zumeist sonnigem Wetter sorgten für sehr gute Rahmenbedingungen“, teilt der Seilbahnen-Verband mit.
Besonders Skigebiete „mit guter Beschneiungsinfrastruktur“ hätten aufgrund der Kältephase Zuwächse verzeichnen können oder lägen auf dem sehr guten Vorjahresniveau. Der Neuschnee zum Jahreswechsel und das gute Wetter hätten auch in den Skigebieten in der Region Rosenheim für Hochbetrieb gesorgt. „Wir haben derzeit eine positive Nachfrage, die Stimmung ist gut in den Skigebieten, was man so von den Kollegen hört“, sagt die Pressesprecherin des Verbands auf OVB-Anfrage. Für einige endet der Skitag allerdings im Krankenhaus. „Wir bekommen Patienten teils als Selbstvorstellung, sprich die Patienten kommen mit dem Auto in die Klinik. Oftmals sind die Patienten jedoch nicht mehr gehfähig“, sagt Christian Zeckey. In diesen Fällen müssten die Verunfallten entweder mit dem Rettungswagen oder dem Hubschrauber in die Klinik gebracht werden. Die meisten Patienten davon müssten auch erst mal stationär behandelt werden.
Ob die verletzten Skifahrer tatsächlich mehr werden und wie viele Wintersportler an einem Tag in Rosenheim behandelt werden, könne Christian Zeckey allerdings nicht beantworten. Zu saisonal bedingten Verletzungen gebe es keine Statistik. Was der Chefarzt der Unfallchirurgie hingegen schon weiß, ist, welche Verletzungen inzwischen häufiger bei Skifahrern auftreten. „Tatsächlich sehen wir in der täglichen Praxis in der laufenden Saison eine Zunahme knöcherner Verletzungen auch bei Kindern und jungen Menschen zwischen zehn und 20 Jahren“, sagt der Rosenheimer Chefarzt.
Genauso gebe es eine Zunahme bei den Verletzungen der unteren Extremitäten, hierbei des Oberschenkels, aber überwiegend auch des Unterschenkels. Ansonsten seien die Klassiker Verletzungen des Schultergürtels oder der Oberarme sowie der sogenannte Skidaumen – eine Verletzung des inneren Seitenbandes am Daumengelenk, welche bei einem Sturz mit abgespreiztem Daumen entstehen kann. Auch die Schienbeinkopffraktur komme nach schweren Stürzen immer wieder vor. Genauso wie ein Riss der Kreuzbänder. In vielen Fällen seien Verletzungen der unteren Extremitäten – von der Hüfte abwärts – für Patienten problematischer, da dabei die Mobilität erheblich eingeschränkt ist. Während dabei oft die Zeit drängt – häufig wegen schwerer Weichteilschäden –, habe man bei Verletzungen am Oberkörper ein wenig mehr Zeit für die Planung. Christian Zeckey betont allerdings, dass jede Verletzung für Patienten „immer ein riesiges Problem“ ist. Meist treffe es die Betroffenen „bei völliger Gesundheit“.
Dennoch gebe es in Rosenheim nach Skiunfällen hin und wieder auch schlimme Verletzungen. „Die sicher schwerwiegendsten Verletzungen im eigenen Patientenklientel waren Verletzungen mit Verrenkung der oberen Halswirbelsäule, ein schweres Schädelhirntrauma sowie Beckensprengungen und offene Frakturen“, sagt Zeckey. Auch wenn er es nicht mit letzter Sicherheit sagen könne, stammen die meisten Verletzungen dabei von Stürzen ohne Fremdbeteiligungen oder betreffen Skitourengänger, betont der Chefarzt.
Bei Unfällen mit Kollisionen von Skifahrern sei die Situation schnell deutlich komplizierter. „Durch die Zunahme und teilweise Verdopplung der kinetischen Energie beim Frontalaufprall kommt es zu erheblichen Verletzungsmustern“, erklärt Zeckey. Gleichzeitig bedeute das auch, dass es in einem Moment zwei Verletzte gibt, was wiederum für die Versorgung eine Rolle spielen kann. Zudem besteht das Risiko, bei Kollisionen den Skiern oder Snowboards des Unfallgegners zu nahe zu kommen. „Beispielhaft soll hier das Anpralltrauma des Oberarms auf der Skikante genannt werden“, sagt der Mediziner.
Schutzkleidung
immens wichtig
Umso wichtiger ist es, beim Skifahren auf die passende Schutzkleidung zu setzen. „Helme und Protektoren sind äußerst wichtig und sehr effektiv“, betont Zeckey. Ein Helm senke statistisch das Kopfverletzungsrisiko zwischen 30 und 60 Prozent. Genauso machten ein Rückenprotektor, eine einwandfreie Skibrille und Handschuhe das Skifahren sicherer. Aufgrund der neuen Techniken und Materialien seien allerdings inzwischen höhere Geschwindigkeiten möglich, was das Unfallrisiko grundlegend erhöhe. So wird Christian Zeckey wohl auch in den kommenden Tagen einiges an Arbeit haben.